© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Ali sollte nie wieder erscheinen
ZDF-Journalist Sobeck versucht Frankreich zu begreifen und kämpft mit französischen Telekomtechnikern aus Algerien

Obwohl das Buch schon vor Monaten geschrieben wurde und in Frankreich Nicolas Sarkozy inzwischen das Regiment führt, bleibt "Ist Frankreich noch zu retten - Hinter den Kulissen der Grande Nation" von dem ZDF-Frankreichkorrespondenten Alexander von Sobeck immer noch aktuell. Denn, wer wissen will, was Sarkozy zu leisten hat, sollte wissen, was für ein Frankreich sein Vorgänger Jaques Chirac ihm hinterlassen hat. Mit spitzer Zunge, einer hervorragenden Beobachtungsgabe und einem vergnüglichen Humor beschreibt Sobeck die Politik und Gesellschaft unseres größten Nachbarlandes. Information schließt Unterhaltung hier nicht aus, wie die folgende Leseprobe belegt:

Begonnen hatte meine kleine Geschichte an einem schönen Herbsttag. Der Besuch im Laden der France Télécom am Marktplatz von Saint-Germain-en-Laye sollte sicherstellen, daß unser frisch bezogenes Haus alsbald an die Errungenschaften der modernen Kommunikationsgesellschaft angeschlossen würde. Nach einer überschaubaren Wartezeit in einer Schlange von Kunden, die anstanden, um das jüngste Statussymbol der Mobiltelefonie zu erwerben, waren die entsprechenden Antragsformulare schnell ausgefüllt. Viermal je vier Seiten, mit je vier Durchschlägen für jedes Serviceabonnement und noch mal je vier Formulare zu jedem Antrag als Bankeinzugsermächtigung. Die Beraterin der Télécom besaß den Charme einer Kettensäge und interessierte sich wesentlich mehr für die Lackierung ihrer künstlichen Fingernägel als für ihre Kunden. Aber, so sagte ich mir tröstend, in Deutschland könnte dir das genauso passieren ... Nach einer knappen Stunde und einigen, zunächst fehlgeschlagenen, Versuchen unserer supercharmanten Verkäuferin, die Formulare in eine recht simple Computermaske zu übertragen, verließen wir die "Erlebnis-Boutique" der Télécom mit dem befriedigenden Gefühl, daß uns der Besuch eines Monteurs schon für einen der nächsten Tage in Aussicht gestellt worden sei. Nicht ahnend, was uns tatsächlich bevorstehen sollte.

Ein Tag nach dem anderen ging ins Land. Wer nicht erschien, war der Monteur. Nachfragen versandeten in endlosen Warteschleifen eines Callcenters, bei dem man sich sprachgesteuert zur richtigen Adresse durchkämpfen sollte. Leider war der Computer nicht auf Auskünfte oder Beschwerden programmiert, geschweige denn auf Wutausbrüche.

... Als wir uns schon fast damit abgefunden hatten, den Kontakt zur Außenwelt nur noch mittels Handy aufrechtzuerhalten, und ernsthaft die Anschaffung einer Brieftaube in Erwägung zogen, da klingelte es eines schönen Morgens an der Haustür. Draußen stand ein Mann mittleren Alters und etwas mehr als gut gebräunter Gesichtsfarbe. Er stellte sich als Ali vor, und seinem Akzent war deutlich zu entnehmen, daß er wohl am Fuße des Atlasgebirges Kamele gehütet hatte, bevor ihn die Télécom auf ihre Kunden losließ.

Wo denn die Eingangsbuchse sei?, wollte er sogleich wissen. Eine Frage, die uns als Mieter eines Hauses Baujahr 1777 kalt erwischte. Ich öffnete den Sicherungskasten. Fehlanzeige!

Auch eine eingehende Inspektion des Kellers lieferte keine Nabelschnur zur Außenwelt. Ali wurde sichtlich ungehalten. Und dann beging ich einen Fehler. "Sie müssen doch wissen, wo die Télécom die Leitungen ins Haus gelegt hat", sagte ich mit einem etwas vorwurfsvollen Unterton. Der Techniker fixierte mich einen Augenblick zu lange, so als ob er in meiner Bemerkung einen leicht rassistischen Zungenschlag suchte. Dann kam seine lang gedehnte Antwort: "Monsieur, je crois que nous avons un problème. Je reviens demain! - Mein Herr, ich glaube, wir haben ein Problem. Ich komme morgen wieder."

Mein Kardinalfehler war, daß ich ihn ziehen ließ ... Ali sollte nie wieder erscheinen.

Alle Franzosen, die ich um Rat und Hilfe bat, boten mir das gleiche Erklärungsmuster von gesellschaftspolitischer Tragweite: "Die France Télécom ist nun einmal ein ehemaliger Staatsbetrieb." "Outsourcing" heißt hier das Zauberwort, denn um die sogenannten Overhead-Kosten und Pensionsrückstellungen zu vermeiden, setzen Unternehmen wie France Télécom, EDF, SNCF und die anderen staatsnahen Giganten auf Billigkräfte. Ein-Mann-Betriebe, abgespeist mit einem Hungerlohn von sechs bis sieben Euro die Stunde, ohne Kündigungsschutz, ohne qualifizierten Abschluß, ohne Absicherung. Häufig Menschen mit einem "Migrationshintergrund", wie es in Deutschland aus völlig falsch verstandener politischer Korrektheit inzwischen so schön heißt. Arme Schlucker, die es irgendwann in die Grande Nation verschlagen hat. In Frankreich ist da wenigstens der Sprachgebrauch um einiges ehrlicher: "Les Maghrébins, sans papiers, immigrés, illégaux - Maghrebiner, ohne Papiere, Immigranten, Illegale". Wobei die Beschreibung meist nicht zutrifft. Denn ein Großteil lebt bereits in der dritten Generation in Frankreich, spricht die Sprache und besitzt einen französischen Paß. Dennoch sind sie bis heute Außenseiter geblieben. Selbst ein Unternehmen wie die France Télécom hat keine Skrupel, solche Ein-Mann-Firmen zu beschäftigen, die für jeden Auftrag einzeln angeheuert werden und damit in keinerlei Beschäftigungsverhältnis stehen. Selbst dann nicht, wenn sie jahrelang für diesen einzigen Auftraggeber nach Telefonkabeln suchen.

Ali war so einer. Zuwanderer der zweiten Generation. Seine Eltern hatte der Algerienkrieg in einen nördlichen Vorort von Paris gespült. Aufgewachsen in einem Frankreich, das in einem beur - einem Nordafrikaner dunkler Hautfarbe - noch immer einen Menschen zweiter Klasse sieht ...

Langsam begann ich zu begreifen, daß ich nicht nur ein Problem mit dem neuen Telefonanschluß, sondern mit den tiefen Gräben der französischen Gesellschaft hatte. Aber wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten ...

Einen Tag später stand ein anderer Techniker vor der Haustür. Er stellte sich als Mohammed aus Marokko vor. Kaum hatte ich ihm unseren sehnlichen Wunsch nach Telefon-, Fax- und ADSL-Leitung erklärt, hielt er sich nicht lange mit der Suche nach dem nicht vorhandenen Kabelanschluß auf. Er kletterte auf den nächsten Telefonmast, zog mit kühnem Schwung eine Strippe bis zum Haus und tackerte sie flugs über die ganze Breite der Fassade fest. Dann holte er aus seinem Auto eine mächtige Schlagbohrmaschine, trieb ein dickes Loch durch die Außenwand und steckte das Kabel hindurch. An der Innenwand war nach wenigen Minuten vor unseren staunenden Augen eine Steckdose für ein französisches Telefon befestigt ...

Dann drehte er sich triumphierend zu mir um und stellte fest: "Ça y est! - Das wär's!" Meinen entsetzten Einwand, ich würde den Anschluß nicht im Gästezimmer, sondern am Schreibtisch meiner Frau und in meinem Arbeitszimmer benötigen, wischte er mit einer abfälligen Handbewegung vom Tisch. Dafür wäre er nicht zuständig ... Wir sollten uns gefälligst an den so beliebten Service après-vente wenden! Ich war kurz davor, den nächsten Kardinalfehler zu begehen, ihn anzubrüllen, zu argumentieren, daß genau dies in dem Auftrag stünde, mit dem ich vor seiner Nase herumwedelte. Da besann ich mich eines Besseren und erinnerte mich an meine Zeit als Korrespondent in Afrika. Mit gedämpfter Stimme fragte ich, ob er am Samstag denn schon etwas vorhätte und ob er sich vielleicht etwas dazuverdienen wolle? "Un peu noir? - Ein bißchen schwarz?", kam die scheue Rückfrage. Nach meinem zustimmenden Kopfnicken ging ein Leuchten über sein Gesicht. 150 Euro lösten das Problem der Anschlüsse und Steckdosen. Mohammed erschien tatsächlich pünktlich zum vereinbarten Termin, arbeitete mit unternehmerischer Begeisterung und verkabelte das ganze Haus. Ich verkniff mir die Frage, wer das Material dieser Aktion bezahlte.

Aber mit einem Schlag hatte ich einen Schlüssel für das Funktionieren der französischen Gesellschaft erkannt. Während ich bis zu dieser Begegnung geglaubt hatte, Schwarzgeld, Korruption, Steuerhinterziehung und Vetternwirtschaft seien typische Merkmale von Drittweltländern, allenfalls noch im Süden Italiens beheimatet, begann ich zu lernen, daß auf entsprechendem Schmierstoff das gesamte Wirtschaftssystem basiert. "Un peu noir" ist die Zauberformel, die das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Interessen erst ermöglicht. Auf dieser Basis lassen sich nicht nur Geschäftsverbindungen und gesellschaftliche Kontakte knüpfen, sondern wer den Mechanismus begriffen hat, findet damit Freunde fürs Leben.

Alexander von Sobeck: "Ist Frankreich noch zu retten - Hinter den Kulissen der Grande Nation", Propyläen, Berlin 2007, geb., 367 Seiten, 19,95 Euro


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