© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Opfer der Inquisition
Bewegender Roman beleuchtet dunkles Kapitel der spanischen Geschichte

Was war zu erst da? Das Drehbuch zum Kinofilm oder das Buch? Die Vermutung lautet: das Drehbuch, denn "Goyas Geister" ist manchmal so hölzern, nüchtern geschrieben, daß es fast wie ein Drehbuch wirkt. Trotzdem ist der Roman durchaus lesenswert, und es gelingt ihm, aufgrund der fesselnden Geschichte, im Verlauf der Schilderungen den Leser in seinen Bann zu ziehen.

Der spanische Maler Goya arbeitet an Porträts der reichen Kaufmannstochter Ines und des Inquisitors Lorenzo. Im Atelier fällt dem Inquisitor das engelsgleiche Antlitz der jungen Spanierin auf dem Gemälde auf, mit deren Schicksal das seine bald eng verbunden sein wird.

Die Autoren Jean-Claude Carriére und Milos Forman, bekannter Drehbuchautor der eine, Regisseur der andere, entführen ins Spanien zur Zeit der Französischen Revolution. Wie reagierte das extrem konservative Spanien darauf, wer regierte das Land statt des vergnügungssüchtigen Königspaares wirklich, wie waren die Methoden der Inquisition, und wie verhielt sich Napoleon nach seiner Besetzung Spaniens?

Historische Fragen wie diese werden mit dem Schicksal der Romanfiguren beantwortet, deren Leben von den Ereignissen maßgeblich gelenkt wird. So wird Ines bei einem Gaststättenbesuch mit ihren Brüder von Spionen der Inquisition dabei entdeckt, wie sie Schweinefleisch ablehnt. Ohne daß das Mädchen weiß warum, wird es von der Inquisition vorgeladen und so lange gefoltert, bis sie gesteht, jüdischen Ritualen zu huldigen, obwohl sie gar nicht weiß, was das ist. Verzweifelt versucht die Familie, die im Kerker festgesetzte Tochter frei zu bekommen, doch selbst das viele Geld, das der Vater Bilbatua zur Restaurierung einer Kirche spendet, liefert ihm nicht einmal Informationen über den Verbleib seines Kindes. Bilbatua bittet Goya um Hilfe, der seine Kontakte zu Lorenzo nutzt und diesen mit zu einem Abendessen ins Haus des Kaufmannes nimmt. Lorenzo hält dort einen Vortrag darüber, daß die Folter durchaus wahre Geständnisse erzeuge, schließlich würde Gott den Gefolterten den Schmerz nehmen. Von so viel Ideologie entsetzt, platzt Bilbatua der Kragen und er holt ein Seil, bindet mit Hilfe seiner Söhne den sich wehrenden Lorenzo an die Decke und foltert ihn so, wie die Inquisition seine Tochter gefoltert hat. Er höre erst auf zu foltern, wenn Lorenzo unterschreibe, der Sohn eines Schimpansen zu sein, so Ines Vater. Da Lorenzo Schmerzen verspürt, unterschreibt er irgendwann diese Behauptung, mit der Bilbatua zum König geht. Doch dieser lacht nur, reicht sie an die Inquisition weiter, die Lorenzo in Schimpf und Schande aus seinem Amt jagt ... und es vergehen 15 Jahre, bis Ines geistig verstört frei kommt und Lorenzo erneut als Zerstörer in ihr Leben tritt.          R. B.

Jean-Claude Carriére, Milos Forman: "Goyas Geister", dtv premium, München 2007, kartoniert, 327 Seiten, 14,50 Euro, Best.-Nr. 6267


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