© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Als Preußen die Wacht am Rhein hielt
Wiener Kongreß, Rheinromantik und Frankreichs Expansionsstreben machten die Ostmacht zum Hoffnungsträger
von Manfred Müller

Ein Gassenhauer erklang 1840 (damals hatte das Wort noch keinen negativen Beigeschmack) allüberall im Rheinland. Begeistert sang man Nikolaus Beckers "Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein". Gemeint waren die Franzosen in der damaligen politischen Krise, welche die französische Regierung mit ihrer Forderung nach dem Rhein als "natürlicher Grenze" Frankreichs ausgelöst hatte. Der Rhein französisch? Niemals, "ob sie wie gierige Raben sich heiser danach schrein". Noch lebte am Rhein die Erinnerung an die französische Fremdherrschaft zur Zeit der Französischen Revolution und Napoleons.

Preußen hatte auf dem Wiener Kongreß von 1814/15 die Wacht am Rhein übernommen. Dort hatte es bis 1840 bei vielen Rheinländern noch Vorbehalte gegen Preußen gegeben. Vor allem die historisch-kulturell bedingten Mentalitätsunterschiede hatten dazu beigetragen, daß es mit der neuen preußischen Obrigkeit zu Konflikten gekommen war (so zuletzt noch ab 1837 ein heftiger Streit mit dem Kölner Erzbischof Droste-Vischering in der Mischehenfrage). Das alles war aber nun bei den meisten Rheinländern angesichts der von Frankreich her drohenden Gefahr vergessen oder wurde hintangestellt.

Nikolaus Becker bemühte in seinem Rheinlied, von dessen Popularität mehr als 230 Vertonungen zeugen, die bekanntesten Elemente der Rheinromantik und politisierte sie: das "grüne Kleid" des Stroms, die Felsen, die Dome, der "Feuerwein", die Fische im Fluß und die Sangeslust des rheinischen Volkes. Das alles müßte vergehen, bevor die Franzosen hier wieder herrschen sollten. Und vor allem: "Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein, bis seine Flut begraben des letzten Manns Gebein." Becker griff auf Ernst Moritz Arndts bereits berühmt gewordene Losung zurück: "Der Rhein: Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze." Seit Ludwigs XIV. kriegerischer Reunionspolitik hatten die Franzosen im Elsaß, dieser alten deutschen Kulturlandschaft, die Rheingrenze - seit Jahrhunderten angestrebt - gewinnen können.

Als im Oktober 1814 der erste Jahrestag der verlustreichen Völkerschlacht von Leipzig begangen wurde, flammten am Rhein Freiheitsfeuer auf: "Flamme empor, steige mit loderndem Scheine von den Gebirgen am Rheine glühend empor." In diesem Lied, das auch im 20. Jahrhundert in den verschiedenen Jugendbünden gerne zu Sonnwendfeiern gesungen wurde, heißt es: "Jauchzt, er ist frei!" Gemeint war der Rhein, aber das war teilweise eine Illusion, denn die Wiener Schlußakte beließ das Elsaß unter französischer Herrschaft - für die Sänger von 1814 bedeutete das Unfreiheit.

Die Rheinkrise von 1840 hatte nicht nur ganz kurzfristig ein Aufflammen der Verteidigungsbereitschaft in den preußischen Landen am Rhein bewirkt. Den Wunsch nach deutscher Einigkeit gegen alle Bedrohungen von Westen her verspürte der Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. auch noch 1842, als er zur Grundsteinlegung für die Vollendung des Kölner Doms an den Rhein kam. Er erreichte die Herzen der in großer Zahl zusammengeströmten rheinischen Untertanen, als er ausrief: "Der Geist, der diese Tore baut, ist derselbe, der vor 29 Jahren unsere Ketten brach, die Schmach des Vaterlandes, die Entfremdung dieses Ufers wandte."

In der Rheinkrise von 1840 entstand auch ein Lied, das stärker als Beckers Kampfgesang ins 20. Jahrhundert hineinwirkte: Max Schneckenburgers "Wacht am Rhein". Martialischer als Beckers Lied, aber doch immer nur die Verteidigung betonend und nicht auf Eroberungen aus: "Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein, wir alle wollen Hüter sein."

Das 19. Jahrhundert personifizierte Deutschlands Schicksalsstrom gerne als "Vater Rhein", den weinseligen Flußgott. In Trinkliedern erklang die Sehnsucht nach dem Rhein: "Ja dorthin will ich meinen Schritt beflügeln ... zu den Rebenhügeln, wo die Begeisterung aus Pokalen schäumt. Bald bin ich dort, und du mein Vater Rhein, stimm froh in meine Wünsche ein." Sollte dem Vater Rhein aber von Frankreich Gewalt angetan werden, so vereinte man sich zu entschlossener Abwehr: "Deutsch der Strom und deutsch der Wein", wie die Losung schon 1816 in einem Studentenlied lautete.

Die "Wacht am Rhein" erklang in ganz Deutschland, als Frankreich 1870 Preußen den Krieg erklärte: "Der deutsche Jüngling, fromm und stark, beschirmt die heilge Landesmark." Ähnlich war es beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914. Als nach diesem Völkerringen die "heilge Landesmark" von den Siegermächten in Besatzungszonen aufgeteilt wurde, war das Singen der "Wacht am Rhein" nicht ungefährlich. Zwar war das vaterländische Liedgut nicht generell verboten, aber wenn nach Auffassung der Besatzer das Singen solcher Lieder als Provokation der Besatzungsmacht aufzufassen war, folgten Strafmaßnahmen. Die "Wacht am Rhein" wurde zum Protestlied, als die Franzosen und Belgier 1923 völkerrechtswidrig und mit großer Brutalität das Ruhrgebiet besetzten.

Ein Vorfall in der belgisch besetzten Stadt Neuss am Niederrhein ist exemplarisch. Dort zogen zwölf- und 13jährige Schüler durch die Straßen und sangen als Protest gegen das, was im Ruhrgebiet geschah, die "Wacht am Rhein" und das Deutschlandlied. Der zuständige Schulrat Langenberg, überzeugter Preuße und Rheinländer, im Ersten Weltkrieg mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse ausgezeichnet, wußte, daß die Wut, die sich in der Bevölkerung angestaut hatte, auf die Kinder abfärbte. Er wies aber die Lehrer an, sie sollten die Schüler ermahnen, solche Provokationen zu unterlassen, da Repressalien gegen die Bevölkerung zu erwarten seien und es in dieser schweren Zeit auf Zucht und treue Pflichterfüllung, nicht jedoch auf solch fragwürdige Handlungen ankomme. Dies rief in Lehrerkreisen Kritik hervor und brachte dem Schulrat eine Untersuchung durch die vorgesetzte Behörde ein.

Natürlich wußte auch die NS-Propaganda im Zweiten Weltkrieg die "Wacht am Rhein" zu nutzen. Nach 1945 wurde im Rahmen der europäischen Aussöhnung und Einigung allmählich ein Klima geschaffen, in dem dieses Lied keine aktuelle Bedeutung mehr haben konnte. Als historisches Zeugnis politisierter Rheinromantik sollte es gleichwohl im kollektiven Gedächtnis unserer Nation erhalten bleiben.

Foto: "Die Wacht am Rhein": Das in der Preußenzeit erschaffene Niederwalddenkmal


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