© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Rüttgers besuchte Oberschlesien
Auf dem Programm des NRW-Ministerpräsidenten stand auch das Schloß Plawniowitz

Ein frischgetrautes Hochzeitspaar war sehr erstaunt, als es die ehemalige Ballestremsche Privatkapelle beim oberschlesischen Schloß Plawniowitz verließ. Dem eigenen geschmückten Wagen und der Festgesellschaft kam eine viel größere Wagenkolonne entgegen. Der Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen fuhr mit seiner hochrangigen Delegation und begleitet vom Marschall der Woiwodschaft Schlesien vor. Dr. Jürgen Rüttgers war erneut für einige Tage in der Partnerregion, um sich selbst mit aktuellen Entwicklungen vertraut zu machen. Den kulturellen Teil der Reise hatte das Oberschlesischen Landesmuseum arrangiert.

Seit vielen Jahren gibt es einen regen Austausch zwischen Nordrhein-Westfalen und Oberschlesien. In vielen Bereichen wird über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft betreffende Fragen gesprochen. Zuletzt war Rüttgers vor zwei Jahren in Schlesien unterwegs. Bei seinem letzten Besuch nun begleiteten ihn die Staatssekretäre Michael Mertens vom Ministerium für Bundes- und Europaangelegenheiten und Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, zuständig für die Kultur in der Staatskanzlei.

Bei sommerlichem Wetter fühlten sich die Gäste in eine wohl gute Zeit zurückversetzt, als sie, geführt von Ministerialrat Johannes Lierenfeld und Direktor Dr. Stephan Kaiser, das eindrucksvolle 1885 errichtete Schloß umrundeten. Dessen Erbauer, der Zentrumspolitiker Franz Graf von Ballestrem, war als Industrieller in Oberschlesien erfolgreich. Ministerpräsident Rüttgers meinte, man sehe, damals sei mit Kohle noch viel Geld verdient worden.

Im Schloß übernahm Pfarrer Dr. Krystian Worbs, der Direktor des Diözesanbildungshauses, die Erläuterungen. Er berichtete von den langjährigen Renovierungsmaßnahmen. Große Hilfe kam dazu Anfang der 1990er Jahre durch das Bundesministerium des Innern der Bundesrepublik Deutschland.

In der neugotischen Schloßanlage stellte Direktor Kaiser eine Ausstellung zum Leben und Schaffen des Aachener Künstlers Heinz Tobolla vor. Zu sehen gab es Modelle einiger wichtiger Werke dieses 1925 in Hindenburg geborenen bedeutenden Bildhauers, dem eine größere Ausstellung gewidmet ist. Sie wurde schon an vielen Orten gezeigt und befindet sich gegenwärtig in der schlesischen Kleinstadt Jauer. Ministerpräsident und Marschall erfreuten sich an den Exponaten, denn beide sind Schirmherren der Schau.

Das Oberschlesische Landesmuseum ist ein Partner der Region. Das zeigt sich auch darin, daß die Zusammenarbeit mit dem Bistum Gleiwitz in Plawniowitz ausgebaut werden soll. Bei der Reise wurde über die Umsetzung einer Entwicklungskonzeption gesprochen. Diese sieht eine publikumswirksame Dauerausstellung im Schloß Plawniowitz vor. Mit der kurzfristig entstandenen Schau wurden erste Erfahrungen für das Vorhaben gesammelt. Aus aktuellem Anlaß konnten Preisträgerarbeiten des NRW-Schülerwettbewerbes "Begegnung mit Osteuropa" gezeigt werden. Ministerialrat Lierenfeld berichtete der Delegation aus Landespolitikern von der Preisverleihung im Kreis Coesfeld. Von den 41 Schülergruppen kamen zehn aus der Republik Polen, der Russischen Föderation, Rumänien und der Ukraine. Sechs besonders gelungene Schülerarbeiten zu den Themen "Europa", "On Tour" und "Bräuche" verwiesen auf eine Dimension, die bei den politischen Gesprächen großen Raum einnahm. Das Selbstverständnis der "Jüngsten" für ein offenes Zusammenleben soll Vorbild für alle Generationen sein.

Die entspannte Atmosphäre des Dialoges in Plawniowitz machte deutlich, welche Chancen die moderierte Begegnung bietet. Beim Abschied schrieb Rüttgers in das Gästebuch, er sei "in großer Bewunderung für die große Leistung, dieses Schloß als Zeichen unserer gemeinsamen Geschichte der Nachwelt zu erhalten". Somit war dieser Termin für alle Beteiligten von Bedeutung. Das Oberschlesische Museum trug seinen Teil dazu bei. Wieder erstaunte die Wagenkolonne, als die Delegation mit hoher Geschwindigkeit sich zum Zentralen Bergbauinstitut nach Kattowitz auf den Weg machte. Gesprächsgegenstand war dort die Zukunft von Kohletechnologie. Im Gegensatz zu Deutschland plant Polen keinen Kohleausstieg. Dennoch ist die notwendige Bereitstellung zumeist oberschlesischer Steinkohle zur polnischen Stromgewinnung langfristig keineswegs gesichert. Auch sind die technischen Optionen zur Endlagerung von Kohlendioxid in Kohleflözen noch lange nicht ausgereift.

Zur großen Politik in Warschau, zum regionalen Kulturaustausch und zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit gab es in den drei Tagen für die Landespolitiker aller Parteien viele neue Eindrücke. Beim üblichen gemeinsamen Abendessen auf Einladung von Marschall Janusz Moszynski wurde verkündet, alsbald die Zusammenarbeit durch eine neue Grundsatzvereinbarung auf weitere Felder, so den Sport und die Innere Sicherheit, zu vertiefen. Ein herausragender Bereich wird wieder die Kultur unter Einbeziehung bewährter Partner sein. Erbe und Auftrag sind auch für das Oberschlesische Landesmuseum tragende Begriffe.           E. B.

Foto: Hoher Besuch aus dem volkreichsten Land der Bundesrepublik im Schloß Plawniowitz: Ministerpräsident Dr. Jürgen Rüttgers (links) informiert sich bei Museumsdirektor Dr. Stephan Kaiser (Mitte) und Ministerialrat Johannes Lierenfeld (rechts) über die Ausstellung "Heinz Tobolla".


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