© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Als deutscher Unternehmer in Allenstein
Interview mit Prof. Dr. Christofer Herrmann, der in Ostpreußen den Verlag Artes gegründet hat

Nach dem Ende des kommunistischen Staats- und Wirtschaftssystems im Jahre 1989 wurden von zahlreichen deutschen Unternehmern Betriebe in Ost- und Westpreußen gegründet. Seit dem Beitritt Polens zur Europäischen Union 2005 haben sich die Bedingungen für die wirtschaftliche Tätigkeit von Ausländern erheblich verbessert. Einer der Nutznießer dieser Entwicklung ist Prof. Dr. Christofer Herrmann, der im Februar dieses Jahres den Verlag Artes mit Sitz in Allenstein gegründet hat. Der gebürtige Mainzer lebt seit 1995 in Ostpreußen und war über zehn Jahre am germanistischen Lehrstuhl der Ermländisch-masurischen Universität in Allenstein tätig. 2005 habilitierte er sich an der Universität Greifswald mit einer Arbeit über die mittelalterliche Architektur im Preußenland. Seit 2005 lehrt Herrmann Kunstgeschichte an der Danziger Universität. Sein Forschungsschwerpunkt liegt auf der Backsteingotik des Ostseeraums.

 

Herr Prof. Herrmann, wie kamen Sie auf die Idee, einen Verlag in Polen zu gründen?

Prof. Dr. Christofer Herrmann: Mich hat es schon immer gestört, daß für viele herausragende Kunstdenkmäler in Polen keine vernünftigen oder überhaupt keine Reiseführer existieren. In Deutschland kann man fast schon in jeder Dorfkirche einen handlichen und preisgünstigen Kirchenführer erwerben, in Polen sucht man solche oftmals sogar bei den berühmtesten Bauten vergeblich. Meinen ersten Führer habe ich daher der Danziger Marienkirche gewidmet. Diese neben der Lübecker Marienkirche berühmteste Kirche im Ostseeraum hat jedes Jahr Hunderttausende von Besuchern, aber es gibt keinen handlichen Führer, der den modernen Qualitätsanforderungen genügt.

Was verstehen Sie denn unter einem guten Führer?

Herrmann: Ein guter Kunstführer zeichnet sich durch fünf Dinge aus: die Qualität des Textes, die Qualität der Abbildungen, ein professionelles Layout, einen guten Druck und schließlich durch einen günstigen Preis.

Erläutern Sie doch einmal etwas genauer, woran man einen guten Text erkennt.

Herrmann: Die Texte in einem Kunstführer müssen im Inhalt sachlich fundiert und in der Sprache verständlich sein. Einen kurzen und verständlichen Text zu verfassen, der dennoch sachlich korrekt ist und die richtigen Schwerpunkte setzt, ist keine leichte Aufgabe. Die im wissenschaftlichen Betrieb tätigen Profis unterziehen sich ungern dieser Mühe, währenddessen Nichtfachleute häufig nicht über das notwendige Hintergrundwissen verfügen, um einen wirklich fundierten Text schreiben zu können. Ich bemühe mich bei meinen Führern, diese Gratwanderung zwischen Wissenschaft und Popularisierung durchzuführen. Wer einmal aufmerksam die heute angebotenen Stadtführer in Danzig studiert, wird feststellen, daß viele Texte populär geschrieben sind aber zahlreiche sachliche Fehler enthalten. Dies liegt daran, daß ausgebildete Fachleute, das heißt Kunsthistoriker, Archäologen oder Historiker, nur selten als Autoren erscheinen. Viele Professoren sind sich offenbar zu fein dafür, Texte für Laien zu verfassen und überlassen das Feld den Dilettanten, was man beim Lesen leider deutlich spürt.

Woran kann ein Käufer denn erkennen, wie gut die Qualität des Textes ist? Die Kaufentscheidung wird doch häufig innerhalb einer Minute getroffen.

Herrmann: Das ist tatsächlich ein Problem. Ein guter Text mit langweiligem Layout und Bildern von geringer Qualität wird sich immer schlechter verkaufen als ein schwacher Text mit schönen Bildern. Deshalb ist es auch unbedingt notwendig, daß neben einem guten Text auch qualitätsvolle Abbildungen, professionelles Design sowie gute Druck- und Papierqualität hinzukommen müssen.

Unterscheiden sich Ihre Texte inhaltlich von denen polnischer Autoren?

Herrmann: Da gibt es schon gewisse Unterschiede. Wenn man etwa die Inhalte der heute in Danzig erhältlichen Führer studiert, dann fällt schon auf, daß in vielen - nicht in allen - Texten polnischer Autoren gewisse antideutsche Stereotypen vorkommen. Ganz grob gesprochen läßt sich eine Tendenz erkennen, nach der in den Epochen der Zugehörigkeit Danzigs zum Deutschen Orden, Preußen oder dem Deutschen Reich es der Stadt schlecht ging, während in den polnischen Zeiten alles gut gewesen sein soll. So einfach ist die Geschichte dann doch nicht gewesen, und ich bemühe mich um eine differenzierte Darstellung. Natürlich darf man auch keine umgekehrte Schwarzweißmalerei betreiben und die Geschichte nur aus deutscher Perspektive schildern. Auch die wichtige Rolle der Polen in Danzig ist in angemessener Weise zu würdigen.

Gibt es denn Tabu-Themen, die man in einem Reiseführer nicht ansprechen sollte?

Herrmann: Grundsätzlich gilt, daß man schwierige Themen auf beiden Seiten nicht durch Verschweigen übergehen darf. So ist die große Zustimmung der Danziger Bürger zur NSDAP und Hitler sicher kein Ruhmesblatt für die Geschichte der deutschen Danziger. Auf der anderen Seite muß aber auch in einem Stadtführer klar und deutlich gesagt werden, daß 1945 die Polen nicht einfach in die Stadt "zurückkehrten", sondern daß vorher die deutsche Bevölkerung vertrieben wurde. Dies sind einfach historische Tatsachen, die man nicht durch nebulöse Formulierungen verschleiern sollte, wie dies in vielen Reiseführern polnischer Autoren leider geschieht. Die Stadt wird schließlich auch von vielen Touristen aus Amerika oder Asien besucht, die überhaupt nicht wissen, daß in Danzig einmal Deutsch gesprochen wurde oder daß die Stadt 1945 fast völlig zerstört war. Ich möchte allerdings betonen, daß im Mittelpunkt der Führer die herrlichen Baudenkmäler und ihre wertvolle Ausstattung stehen und nicht die Kontroversen um die Interpretation der jüngsten Geschichte.

Welche Führer planen Sie in der nächsten Zeit herauszugeben?

Herrmann: Aus praktischen Gründen konzentriere ich mich zunächst auf den Ostseeraum, insbesondere auf Ost- und Westpreußen. Im kommenden Jahr sind Führer zu Kulm, Thorn, Allenstein und dem Ermland geplant. Später möchte ich auch Krakau, Breslau oder Posen in das Programm aufnehmen.

Kann man die Führer auch über den deutschen Buchhandel beziehen?

Herrmann: Ich arbeitete eng mit dem Michael-Imhof-Verlag in Fulda zusammen, mit dem auch ein Teil der Führer gemeinsam produziert wird. Alle Hefte können daher ganz normal über den deutschen Buchhandel bezogen werden. Auch der Preußische Mediendienst hat sie im Angebot.

Hatten Sie als Deutscher Probleme, eine Firma in der Republik Polen anzumelden?

Herrmann: Ich hatte das gleiche Prozedere zu bestehen wie ein polnischer Staatsbürger, der ein Gewerbe anmeldet. In Polen muß man einige bürokratische Hürden überwinden, um einen Betrieb gründen zu können. Manches ist zwar lästig, besondere Probleme hatte ich allerdings nicht. Da ich Polnisch verstehe und auch meinen ständigen Wohnsitz in Polen habe, wird es für mich etwas einfacher gewesen sein, als für jemanden, der von Deutschland aus eine Firma in Polen gründen möchte. Es ist ratsam, eine Vertrauensperson vor Ort zu haben, die mit den örtlichen Vorschriften vertraut ist und während der Gründungsphase behilflich sein kann. Auch die Buchführung sollte man einem zuverlässigen hiesigen Steuerberatungsbüro überlassen, um sich nicht unnötige Probleme mit dem Finanzamt einzuhandeln. Ansonsten sind die Anfangsprobleme eher allgemeiner wirtschaftlicher Art. Man muß sein Produkt erst einmal bekannt machen, Buchhändler finden, die die Ware in ihr Angebot aufnehmen und später auch zuverlässig die Rechnungen bezahlen, denn als neuer Verlag kann man von den Händlern leider keine Vorkasse verlangen. Das erste Jahr bringt mit Sicherheit Verluste und auch danach werden die Einkünfte noch recht bescheiden sein, da ich jedes Jahr neue Führer auflegen werde und diese erst einmal vorfinanzieren muß. Ich glaube aber daran, daß sich Qualität durchsetzt und nach einigen Jahren der Verlag auch wirtschaftlich einen ordentlichen Ertrag bringen wird.


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