© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Nassauer Nachlese
Die Einwanderer wurden in Ostpreußen mit offenen Armen willkommen geheißen
von Ruth Geede

Vielleicht führt die Überschrift zu Irritationen - man könnte denken, es handelte sich um einen edlen Tropfen, vielleicht denkt auch so mancher an das Nachstoppeln auf abgeernteten Feldern, das uns Vertriebene damals nach Krieg und Flucht unser täglich Brot einbrachte. Weder - noch: Es handelt sich um eine interessante Abhandlung über das Thema der Einwanderung hessischer Siedler in Ostpreußen im frühen 18. Jahrhundert. Sie geht detailliert auf einzelne Schicksale ein und ergänzt damit den ersten Bericht, der bei unsern Lesern sehr viel Aufmerksamkeit erregte, weil über diese - nach den Salzburgern - größte geschlossene Siedlergruppe allgemein nur wenig bekannt war. Eine Abhandlung von höchster Authentizität, denn sie wurde im Jahre 1896 für das Feuilleton des "Wiesbadener Tagblatt" geschrieben. Der Autor, Th. Schüler, kann sich also noch auf Quellen berufen, die uns heute wohl kaum zur Verfügung stehen, und das macht die Sache so interessant, daß wir mit Auszügen aus diesem sehr umfassenden Bericht das Thema weiterführen. Wie sich zeigen wird: eine reiche Nachlese.

"Eine Massen-Auswanderung von Nassauern nach Ostpreußen 1721-1725" lautet der Titel, aber eine genaue Zahl wird nicht genannt. Immerhin spricht der Verfasser von "Tausenden", die nach den Aufrufen König Friedrich Wilhelm I. zur Einwanderung in das durch Tatareneinfälle und Pest "wüst" gewordene nördliche Alt-Preußen zogen. Der König wird von ihm gelobt: "Der anfänglich viel verkannte preußische Herrscher, den erst neuere Geschichtsforscher in seinen weitgehenden Bestrebungen zur Hebung der Kultur seines Landes würdigen und als den größten inneren König bezeichnen, hatte sich die Reorganisation jener Teile Preußens zum Ziel gesteckt. Einfälle von Barbaren, wie sie deutsche Lande seit den Hunnen und Mongolen nicht mehr gesehen, hatten das Land an den Rand des Verderbens gebracht. Dem König eröffnete sich ein weites Arbeitsfeld, als er mit der Neukolonisation begann, in dem er Hunderte von Dörfern neu anlegte und mit fleißigen Ackerbauern bevölkerte, zahlreiche Kirchen, Schulen, Mühlen und Fabriken erbauen ließ und die Gewerbe in den größeren Orten hob." Für die in ihrer durch Mißernten und Kriegsfolgen verarmten Heimat Not leidenden Nassauer, die fleißige Ackerbauern waren, bot sich hier im fernen Preußen ein weites Feld im wahrsten Sinne des Wortes, so daß es zu der Massenauswanderung kam. Aber auch die Städte erfuhren manchen Zuwachs aus Nassau. In Königsberg und Gumbinnen nahm namentlich die Wollweberzunft durch Zuzüge von hessischen Tuchmachern einen merklichen Aufschwung. Die im Preußisch-Lithauen, wie der nordöstliche Teil Ostpreußens damals fiskalisch bezeichnet wurde, gebotenen Vorteile ließen eine Ansiedlung begehrenswert erscheinen, zumal die ersten nassauischen Siedler in ihren Briefen nur Gutes berichten konnten.

 So schrieb Johannes Schmitt von Pillkallen aus an seine daheim gebliebene Mutter: "Es hat, Gott lob, ein Jeder ein schön Vorhauß wie auch scheuer, stall, benäbst auch zwei Huben Lantz darauf eins bekommen hat 4 Pfert, 4 Ochsen, 3 Küh, und wir bekommen auch noch 2 schwein, 2 Schaf, 2 Geiß, 2 Enten, 2 Hüner wie auch das klein Hausgerät, und ich hab mir auch selbst eine Kuh umb mein geld gekauft, daß wir im geringsten gar nicht zu klagen haben ... Wir bekommen Korn so lang bis wir selbst eingeernt haben, dann unser gnädiger Herr König sorgt für uns besser als wir uns selbst einbilden können, und wolde Gott, daß alle rechtschaffenen Männer, sie mögen seyn, wer sie wollen, bey unß weren, sie bekommen alles genoch wie wir auch ..." Sogar an den "Doback" hatte der gute König - selber ja ein starker Raucher, wie sein Tabakcollegium bewies - gedacht, und den Männern auf der Überfahrt eine gehörige Ration bewilligt! Und da er ein treuer Sohn war, dieser Johannes Schmitt, wollte er auch seine Mutter bei sich haben, sie brauchte auch nichts mitzubringen als "ein Gesangbuch, Gebetbuch und Ney Testament."

So zogen die ersten Auswanderer Verwandte und Freunde nach, dem hessischen Land drohte die Entvölkerung, so daß sich die Landesväter zu einschränkenden Maßnahmen und Verboten veranlaßt sahen. Im Frühjahr 1723 erließ der Landgraf Karl von Hessen ein Edikt, in dem er versicherte, daß er auf Mittel und Wege sinnen werde, wie den notleidenden Bauern und arbeitslosen Handwerkern zu helfen sei. Dem Zuckerbrot folgte die Peitsche: Jeder, der ohne ausdrückliche Erlaubnis sein Land verlasse, werde steckbrieflich verfolgt und ohne weiteren Prozeß zur öffentlichen Strafarbeit verurteilt. Ähnliche Auswanderungsverbote erließ auch Fürst Wilhelm von Dillenburg, allerdings ohne Zuckerbrot, bei ihm gab es keine Aussicht auf Unterstützung, die es ja allein ermöglicht hätte, die fest in ihrer Heimat Verwurzelten zum Bleiben zu bewegen. Waren die Auswanderungswilligen vorher offen vorgegangen und hatten sich unter Darlegung ihrer Notlage den vorgeschriebenen Entlassungsschein erwirkt, versuchte man jetzt, sich diesen zu erschleichen, oder verließ die Heimat bei Nacht und Nebel. Unter den heimlich Abziehenden befand sich auch der Pfarrer Petri von Ebersbach mit Familie, der sich wegen Unterstützung und Belehrung von Auswanderern die Ungnade seines Fürsten zugezogen hatte, jener Petri, der die erste Gemeinde hessischer Siedler in Preußen gründete und vom König zum Hofprediger ernannt wurde. Einer seiner Söhne, der Medizin studiert hatte, wurde zusammen mit den aus Herborn stammenden Auswanderern Johann Jaskob Klunck aus Königsberg und Philipp Andreas Rosenkrantz aus Gumbinnen von den preußischen Behörden in ihre Heimat entsandt, um die Umsiedlung zu forcieren. Aber da nützte auch der königliche Schutzbrief nichts: Petri und Klunck fielen den Häschern des Fürsten Wilhelm in die Hände und wurden "in den Stöcken" des Dillenburger Schlosses arretiert. Dem Arzt Petri gelang die Flucht, der Wollenweber Klunck wurde erst nach energischen Interventionen des preußischen Königs freigelassen, mußte aber schwören, daß er sich für die "ausgestandene, wohlverdiente Strafe" nicht rächen und ohne die gnädigste Erlaubnis seine Heimat nicht mehr betreten werde.

Diese und andere Vorgänge führten zur Mißstimmung zwischen den Herrschern, die sich dadurch verschärfte, daß einige Rückwanderer mit allem beweglichen Gut, das sie zur Besiedlung erhalten hatten, in die hessische Heimat zurückkehrten. Natürlich erboste sich der Monarch über diese "Unserm Königreich entwichenen, gewissenlosen und eydbrüchigen Unterthanen und Colonisten, die sich heimlich aus ihrem Lande hinweggeschlichen unter Mitnahme von Vieh und Geschirr" wie in einem Schreiben des Königs an Fürst Christian in Dillenburg zu lesen.

Zwar redete er den Nachfolger des Fürsten Wilhelm geziemt mit "Euer Liebden" an, aber der Ton wurde im Verlauf des Schreibens immer härter, da nützte auch die Unterschrift "Euer Liebden freundwilliger Vetter Wilhelm" nicht viel. Zwar erklärte sich Fürst Christian bereit, die vom König benannten Personen zur Rückerstattung des Mitgenommenen anhalten zu wollen, doch es blieb wohl bei der Absichtserklärung, denn es gibt keine Akten, die nachweisen, daß dies wirklich geschehen ist. So wird 1724 der aus Palladszen entkommene Jost Hurmel in Waldaubach beschuldigt, den preußischen Staat um 96 Reichsthaler 39 Groschen geschädigt zu haben, denn er war fast mit dem gesamten Hofinventar - darunter je vier Ochsen und Pferde sowie drei Kühe - ab nach Hessen! Noch 1739 reklamierte Preußen diese Summe - vergebens!

Die aber in Preußen blieben, erwiesen sich bald als gute Söhne des Preußenkönigs, wie er sie selber nannte. So schrieb der aus dem Amt Burbach ausgewanderte Johann Theiß Reyff aus seiner neuen Heimstatt Pillupönen an seine in der hessischen Heimat verbliebene Mutter: "Ich bin, gott lob und danck noch frysch und gesund und halt mich auf bei meinen schwygereltern, dan ich hab Jost Heinrich Stömans Tochter, Anna Maria, geheyratet, und leb in guder genügung allermaßen ich hauß, scheuer, stal samt 120 Morgen lant bekommen habe ... summa ich wolt, daß meine liebe mutter und bruder Johann Heinrich allhier bei mir wer."

Es ist nicht nur vergnüglich, in diesen alten Briefen zu lesen, sie zeigen auch ein ehrliches Bild jener Zeit und ihrer Menschen mit allen Sorgen, Mühen und Hoffnungen. Und bringen uns die Ahnen, die einst diesen beschwerlichen Weg gingen, soviel näher. Denn so haben sie gedacht, geschrieben, gesprochen. Und werden posthum zu Zeitzeugen einer wichtigen Epoche unserer ostpreußischen Geschichte.


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