© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 30-07 vom 28. Juli 2007

Gigantisches Erbe der Bourbonen
Das Hinterland am Golf von Neapel birgt kolossale Schätze
von Helga Schnehagen

Eine andere Reise habe ich nach Caserta gemacht, wo der König einen prächtigen Palast mit vier großen Höfen bauen läßt. Versailles wird dadurch verdunkelt werden ...", schrieb am 26. April 1758 Johann Joachim Winckelmann aus Neapel nach Deutschland. Wenige Jahre später bezeichnete der beliebte Reiseführer des Franzosen J.J. Lalande "Caserta als das prächtigste, schönste und größte Schloß Italiens", und Madame de Bocage hatte sogar prophezeit, es werde nach seiner Fertigstellung der stolzeste Bau Europas sein. In jüngerer Zeit war es George Lucas der, von der Eleganz des Schlosses überwältigt, den Königspalast als Kulisse für einige seiner "Star Wars"-Filme auswählte.

Den Grundstein zu der sagenhaften "Reggia" im Königreich beider Sizilien hatte Karl III. von Bourbon an seinem 37. Geburtstag, dem 20. Januar 1752, mitten in der Campagna gelegt. Die Bedrohung Neapels durch feindliche Kriegsschiffe vom Meer her ließen den Urenkel Ludwigs XIV. und ersten Vizekönig der spanischen Bourbonen in Italien zusammen mit seiner Frau Maria Amalie, Tochter des Kurfürsten August III. von Sachsen, 25 Kilometer nördlich der damaligen Weltstadt am Golf eine neue Residenz planen.

Als Architekten verpflichtete er Luigi Vanvitelli, einen Sohn des in Neapel lebenden holländischen Malers Gaspard van Wittel. Nach über 20jähriger Bauzeit erlebte Vanvitelli kurz vor seinem Tod 1773 noch das Aufsetzen der Dachbalustrade. Ein Jahr später vollendete sein Sohn Carlo Italiens Super-Versailles.

Karl III. selbst konnte den Palazzo Reale nicht mehr nutzen. Er hatte sich schon 1759 nach Spanien eingeschifft, um dort den Thron zu besteigen.

An dem Mammutprojekt mit 44000 Quadratmetern Grundfläche, 250 Meter langer Fassade, 1200 Räumen, 34 Prunktreppen und 1742 Fenstern waren zeitweise mehr als 3000 Arbeiter beschäftigt. Bei der Auswahl war man nicht zimperlich. Sträflinge wurden ebenso eingesetzt wie muslimische Sklaven, die man sich von im Mittelmeer kreuzenden Schiffen kaperte. Dennoch verschlang der Bau die enorme Summe von 6133507 Dukaten.

Heute machen jährlich 1,3 Millionen Besucher dem Schloß von Caserta ihre Aufwartung und bringen damit wesentlich mehr Leben in die herrschaftlichen Räume, als es zu höfischen Zeiten je gelang. Den Rundgang im Glanz von Marmor, Stuck, Fresken, Möbeln, Gemälden, Statuen und Kristalllüstern beendet eine große Weihnachtskrippe. Neapels Krippentradition wurde vom Hof besonders gefördert und erlebte im 18. Jahrhundert eine grandiose Entwicklung. Schaut man genau hin, scheint der Stall, in dem Jesus zur Welt kam, in Italien gestanden zu haben. Denn die kunstvollen Schnitzereien sind ein Spiegel des neapolitanischen Alltagslebens, bei dem auch üppige Spaghetti-Mahlzeiten nicht fehlen.

Ist das Schloß schon eine Liga für sich, ist der 120 Hektar große Park gewissermaßen die Superliga. Er ist der einzige in Italien, auf dem in ganzer Länge öffentliche Busse verkehren. Die Wasserstraße mit den skulpturenreichen Brunnen in seiner Mitte ist vier Kilometer lang. Wer ihr bis zur großen Kaskade folgen will, muß entweder sehr gut zu Fuß sein oder motorisiert.

Blickfang der schier endlosen Parkanlage ist der gewaltige Wasserfall, der genau in der Mittelachse des Schlosses von einem Berghang herniederbraust. Diese große Kaskade ist kein Naturphänomen. Vanvitelli mußte den Berg durchbrechen und das Wasser über einen 40 Kilometer langen Aquädukt aus dem Gebirge herbeiführen. Heute bewegen sich die Wassermassen in einem Kreislaufsystem.

Ein Bourbonen-Projekt ganz anderer Art entstand im nur drei Kilometer entfernten San Leucio, wo Karls Sohn, Ferdinand IV., eine Seidenweberkolonie gründete. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit eigenen Gesetzen versehen, wurde sie zu einem Modell sozialer Gleichheit und Gerechtigkeit, das seiner Zeit weit voraus war. Die Zeitläufe überlebt hat die private Seidenweberei Antico Opificio Serico de Negri, in der unter anderem der Krönungsmantel für Elisabeth von England und Seidentapeten für den Kreml angefertigt worden sind. Einen Blick auf die herrlichen Stoffe und in den Produktionsraum sollte man sich daher nicht entgehen lassen.

Vor allem aber sollte man nicht auf die Fahrt ins zehn Kilometer entfernte Casertavecchia verzichten. Das mittelalterliche Hügeldorf ist gewissermaßen Casertas Altstadt, die man in der Ebene vergebens sucht. Die engen Kopfsteingassen erobert man am besten zu Fuß. Sie gehen alle vom Hauptturm der inzwischen verfallenen Burg aus und führen unweigerlich zum Dom, einem wahren Schmuckstück der Romanik.

Mit Blick auf den Campanile kann man in Casertavecchia genüßlich speisen und in der beschaulichen Atmosphäre zu normalen Maßstäben zurückfinden.

Foto: Italiens Versailles: Schloß Caserta bei Neapel verfügt über 1200 Räume.


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