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04.08.07 / Wir spielen Untergrund / Der Charme des - vermeintlich - Verbotenen: Filmemacher führen ihre Berliner Kundschaft an der Nase herum

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Wir spielen Untergrund
Der Charme des - vermeintlich - Verbotenen: Filmemacher führen ihre Berliner Kundschaft an der Nase herum
von Patrick O'Brian

Samisdat“, abgeleitet vom russischen Wort für „selber machen“, umschrieb einst die Untergrundliteratur in der UdSSR, die niemand drucken durfte, weshalb sie in häuslich produzierten Kleinstauflagen verbreitet werden mußte. Noch heute umweht „Samisdat“ der Duft des Geheimen und Verbotenen, der alle anzieht.

Letzten Sonntag füllt sich in Moabit ein Kinosaal, der einmal ein Theater war: Im früheren Hansatheater wird „Loose Change“ gezeigt. Dieser US-Dokumentationsfilm greift alle gängigen Verschwörungstheorien über den 11. September auf, die es so gibt. Der billig gemachte Streifen (die DVD kann kostenlos bestellt werden unter www.freeloosechange.com) verbreitete sich zuerst über das Internet, wird jetzt sogar schon öffentlich aufgeführt. Aber immer mit dem Vermerk „geheim“ oder „Untergrund“ oder „verboten“.

Wer jetzt an den enormen politischen Verfolgungsdruck dachte, dem die verbotenen Autoren des Ostblocks zu entrinnen trachteten, wurde indes bitter enttäuscht: Die Humboldt-Uni hatte den Filmemachern im vergangenen Jahr lediglich den Gefallen getan, seine Ausstrahlung wegen der „amerikafeindlichen“ Haltung in ihren Räumen zu untersagen. „2006 an der Humboldt-Uni verboten“ steht seitdem reißerisch auf den absichtlich billig wirkenden Werbeplakaten, die wild in der Stadt geklebt worden sind.

Mit dem Hinweis „verboten“ lassen sich Dinge offenbar gut vermarkten. Gerade die „kapitalismuskritische“ Kundschaft von links schreit förmlich danach.

Inzwischen ist es eine erfolgreich Strategie, sich selbst aggressiv als Außenseiter anzupreisen. Der Regisseur Quentin Tarrantino („Pulp Fiction“) ist längst ein Hollywood-Schwergewicht, lebt aber noch immer von seinem Ruf als „Unabhängiger“. Als er seinen neuen Film „Todsicher“ vergangene Woche in Berlin vorstellte, wählte er keines der glitzernden Premierekinos am Potsdamer Platz, sondern das Kino in der „Kulturbrauerei“ im Prenzlauer Berg. Das Lichtspielhaus geriert sich als kleines Außenseiterkino, dabei gehört es in Wirklichkeit zur Großkette „Cinestar“.

Beispiel „Video Kings“: Eine Woche vor „Loose Change“ wurde im „Kino International“ am Alexanderplatz diese deutsche Kinoklamotte aufgeführt. Der Inhalt des „Kultfilms“ (so die Macher über ihren eigenen Film - bereits vor der Premiere!) ist schnell erzählt: Flo ist ein Mitarbeiter einer heruntergekommenen Videothek. Seine Ex-Freundin Maria ist schwanger, er hat jede Menge Ärger mit der Konkurrenz und verliebt sich in Nachbarin Ramona, die er erst für eine Prostituierte hält, um dann glücklicherweise festzustellen, daß sie „nur“ Telefonsex macht.

Zur „Secret show“ (englisch für Geheimaufführung) wurden junge Leute per E-Mail oder SMS eingeladen. So weckt man Neugier. Kaum einer wußte, was ihn erwartet. Schließlich war von „Video Kings“ vorher nichts zu sehen gewesen, ganz anders als bei aufwendigen Kinoproduktionen.

Die Halle des Kinos füllte sich stärker als sonst. Jeder, der auf der Liste der Eingeladenen stand, erhielt ein rosa Bändchen - wie bei einer richtigen Kinopremiere. So wurde genau erfaßt, wer gekommen war und wer nicht. Damit wissen die Veranstalter exakt, wer auf die geheimniskrämerische Einladung angesprungen ist.

Diese Vermarktungsstrategie ist also in Wirklichkeit sehr professionell und durchdacht. Die Gäste werden dann sogar frech eingespannt in den kommenden Werbefeldzug, als kostenlose Anpreiser: „Ihr seid unser Werbebudget“, rief einer der Macher den Zuschauern zu, bevor der Film losging. Sie sollen die Botschaft ins Land tragen: „,Video Kings‘? Mußt du sehen!“

Die neue Vermarktungs-Masche gilt nicht nur in der Filmwirtschaft. Auch Musik oder Zeitschriften leben davon, daß sie sich als Alternative zu Hollywood, zu Sony oder zu Bertelsmann präsentieren. Als krasser Außenseiter hat vor vier Jahren auch die Berliner Erfolgscombo „Wir sind Helden“ begonnen, die inzwischen eine feste Größe auf dem deutschen Musikmarkt ist.

Die „Helden“ brannten 3000 CDs mit ihrer Musik selbst und verteilten sie kostenlos. Die Hörer waren begeistert. So begann der rasante Aufstieg der deutschsprachigen Popgruppe. Vielleicht ist diese neue Masche der Kulturindustrie bald schon wieder überholt.

In diesem Jahr läuft es nicht so gut für deutschsprachige Nachwuchstalente. Noch keiner einzigen deutschen Gruppe ist eine Erstveröffentlichung mit mehr als 50000 verkauften Platten gelungen. Die Macher des Films „Video Kings“ geben sich dagegen optimistisch. Christine Ebert von „Madhouse Pictures“, die die Werbekampagne für den Streifen konzipiert hat, resümiert: „Im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten können wir sagen, daß wir zufrieden sind.“


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