© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Hexenkessel der Eitelkeiten
oder Wenn Kunst zum Event verkommt
von Silke Osman

Nee, von dem Trubel merken wir nichts. Interessieren uns auch nicht, diese Festspiele“, Timo, 24jähriger BWL-Student in Bayreuth, und seine Mitbewohner in der WG haben anderes im Sinn: Letzte Klausuren vor den Semesterferien müssen geschrieben werden. Anders die Zaungäste, die sich wieder zu Hunderten am Roten Teppich eingefunden haben, um einen Blick auf die Prominenz zu erhaschen, die sich am Grünen Hügel ein Stelldichein gab.

Alle waren sie gekommen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem zartlilafarbenen Seidenkleid, wie man der Presse entnehmen konnte, der Präsident der EU-Kommission José Manuel Barroso, Edmund Stoiber samt Mitgliedern seines Kabinetts, die Altbundespräsidenten Scheel und Herzog (warum las man nichts über deren Garderobe?), Thomas Gottschalk mit Frau Thea sowieso und der unvermeidliche Roberto Blanco (bei dem manche fürchten, sie sehen ihn auch, wenn sie ihren Kühlschrank öffnen, so häufig sei der Entertainer auf der Mattscheibe zu sehen).

Familie Wagner rief, und alle waren sie dem Ruf gefolgt, die meisten in schöner Regelmäßigkeit, denn wo gibt es schon einen so illustren Laufsteg wie auf dem Grünen Hügel in Bayreuth, einmal von den Filmfestspielen in Berlin abgesehen. Die Fotografen, die wieder ein wahres Blitzlichtgewitter entfachten, taten das ihre, um die Promis ins rechte Licht zu rücken. Man stelle sich einmal vor, was wäre, wenn keine Fotografen und keine Schaulustigen, die man bei Verkehrsunfällen übrigens auch Gaffer nennen darf, nach Bayreuth kommen würden. Die Parade der Promis würde ganz gewiß ausfallen. Denn nach Bayreuth geht mancher nur, um gesehen zu werden, getreu der olympischen Devise, dabeisein ist alles. Und es ist ja nicht so, daß die Festspielleitung Angst haben müßte, den Saal nicht voll zu bekommen: 460500 Kartenwünsche gingen in diesem Jahr ein, 53900 konnte man nur erfüllen. Durch künstliche Verknappung (warum verlängert man nicht die Spielzeit?) und ein geschicktes Marketing hält die Familie Wagner den „Topf am Kochen“. So hat die Diskussion um die Nachfolge des Festspielleiters Wolfgang Wagner ein weites Echo in den Medien gefunden. Die drei potentiellen Nachfolgerinnen Tochter Eva und Nichte Nike (mit beiden hat sich W. W. verzankt) sowie Tochter Katharina inszenierten sich in zahlreichen Interviews selbst. Der Medienanalytiker und Germanist Jochen Hörisch sprach in der „Welt“ von einer „Kulturindustrie“: „Man kann das Megaunternehmen Bayreuth auf sehr vielen Ebenen mit dem Hype um ,Harry Potter‘ vergleichen: die Sekundärverwertung, der Kult drumherum; man zieht sich entsprechend an, investiert unheimlich viel Zeit.“

In diesem Hexenkessel der Eitelkeiten steht Katharina, Wolfgang Wagners Tochter aus zweiter Ehe, mittendrin. Sie ist als Nachfolgerin ausgeguckt und mußte ihre Meisterprüfung mit der Inszenierung der „Meistersinger“ ablegen. Neben freundlichem Applaus gab’s schließlich heftige Buhrufe. Kritiker sprechen von „Belanglosigkeit“ („Financial Times Deutschland“) oder nennen das Ergebnis, „eine kopflastige und dennoch beeindruckend platte Wagner-Pizza - jede Menge Belag auf dünnem Boden“ („Der Spiegel“). Der von Christoph Schlingensief, dem „enfant terrible“ der Theaterwelt, prophezeite Skandal ist ausgeblieben.

Eingefleischten Wagnerianern allerdings wird es sauer aufstoßen, wenn sie hören (oder gar sehen), wie im dritten Akt der „Meistersinger“ Katharina ihren Urgroßvater Richard in Unterhose mit anderen Geistesgrößen wie Goethe und Schiller tanzen läßt. „Bayreuth kann Experimente wagen“, hat sie in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt. Es gehe nicht darum, etwas zu bewahren, sondern auch darum, es zu entwickeln.

Musikfreunde fragen sich allerdings, wie weit Experimente gehen dürfen. Kann es angehen, daß Werke derart verfälscht werden, daß man sie nicht wiedererkennt?

Festspiele von Salzburg über Bregenz bis nach Rheinsberg und Schleswig-Holstein bieten viele Gelegenheiten, zu überprüfen, wie es um die Pflege der Tradition bestellt ist und ob Kunst zum Event verkommt. In Oberammergau ist es erst in drei Jahren soweit, dann allerdings darf der Jesus-Darsteller auch nachts gekreuzigt werden.

Die Bürger des Passionsspielortes haben’s per Bürgerentscheid bestimmt - damit die Kassen noch süßer klingeln. Festivals oder Festspiele als Event - nein danke!

Auf dem Weg nach oben? Katharina Wagner wird nach langen Querelen vermutlich die Leitung der Bayreuther Festspiele übernehmen. Foto: ddp


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