© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Vergoldeter Zauberstab des Emir
von Jean-Paul Picaper

Als französische und europäische Soldaten an der Regierungstribüne auf der „schönsten Straße der Welt“, den Pariser Champs-Elysées, zum Nationalfeiertag 14. Juli 2007 vorbeimarschierten, saß neben dem Staatspräsidenten Sarkozy ein von einem weißen Gewand umhüllter, wohlbeleibter Mann mit dunklem Schnurrbart, der Emir von Katar. Warum erhielt der Herrscher über einen kleinen arabischen Staat von nur 750000 Einwohnern, wovon nur 20 Prozent die katarische Staatsangehörigkeit besitzen, so viel Ehre?

Die Antwort auf diese Frage kam zehn Tage später, als die bulgarischen Krankenschwestern und der palästinensische Arzt, die acht Jahre lang in Libyen hinter Gittern gewesen und dreimal zu Tode verurteilt wurden, im Flugzeug des französischen Staatsoberhauptes in Begleitung der Präsidentengattin in Sofia landeten. Der immense Reichtum des Katars hatte sie aus der libyschen Gefangenschaft befreit. Es ist bestimmt nicht ganz unwahr, wenn es im Elysée-Palast, Sarkozys Amtssitz, heißt, daß Frankreich und die EU keinen einzigen Euro für die Freilassung der Geiseln ausgegeben haben. Freilich, einige westliche Staaten haben libysche Schulden getilgt und die EU wird ein Aids-Bekämpfungsprogramm in Benghazi in Höhe von 2,5 Millionen Euro finanzieren. Zugegeben, Frankreich und Italien haben 2006 150 kranke libysche Kinder aufgenommen und gepflegt. Aber das Lösegeld von 332 Millionen Euro (und zwar 723000 Euro, das heißt eine Million Dollar pro Aids-krankes libysches Kind - 2004 hatte Tripoli noch zehn Millionen Euro pro Kind verlangt) hat wohl der Emir von Katar seinen Glaubensgenossen in Libyen bezahlt. Seltsamerweise entspricht dieser Betrag genau den Entschädigungen, die Oberst Gaddafi den Familien der Opfer hatte zahlen müssen, die bei den Anschlägen seiner Geheimdienste gegen eine Boeing der Panam über Lockerbie 1988 (270 Todesopfer) und gegen eine DC-10 der UTA über der Tenere-Wüste 1989 (170 Tote) umgekommen waren. Der Gesamtbetrag, der nicht von ungefähr herauskam, bedeutet, daß nicht die Familien der kranken Kinder, sondern der libysche Staat den Preis festgelegt hat. Das Geld wird ohnehin der Gaddafi-Stiftung überwiesen.

Während Cecilia Sarkozy ihre humanitäre Mittlerinnenaufgabe im Laufe zweier Reisen nach Libyen erfüllte, verhandelte im Hintergrund der Generalsekretär des französischen Präsidialamtes, Claude Guéant, mit einem guten Freund, dem libyschen Geheimdienstchef Moussa Koussa. Daraufhin folgte die Ehrenrettung von Gaddafi durch den Besuch von Sarkozy in Syrte. Frankreichs Realpolitik in der arabischen Welt war selten wählerisch. Es sei nur an die überzogen guten Beziehungen unter Chirac mit Saddam Hussein erinnert. Will Sarkozy darüber hinaus sein Projekt einer Mittelmeerunion durchsetzen, kann er nicht an Libyen vorbei.

Andere europäische Staaten schauen das französische Spektakel argwöhnisch an. Immerhin hatten die englische und die deutsche EU-Präsidentschaften die Rettung der Geiseln in die Wege geleitet. Ohne den Druck der gesamten EU wäre es nicht möglich gewesen. Aber der Durchstoß kam aus Paris. Sarkozy hat mit seiner draufgängerischen Art, die noch manche in Europa verärgern wird, einen schnellen Erfolg erreicht.

Sarkozy und sein sozialistischer Außenminister Bernard Kouchner (ein Verräter aus der Sicht der sozialistischen Partei) haben Trümpfe in der Hand, die sie ausspielen wollen. Die ungeheuren Öl- und vor allem Gasreserven des Emirs von Katar sind einer davon. Dieser arabische Freund Frankreichs hat am Vorabend der jüngsten Flugzeugschau in Le Bourget bei Paris sage und schreibe 80 Stück des Airbus A350 XWB und insgesamt fünf A380 bestellt. Über Doha, die katarische Hauptstadt, laufen diskret nicht ganz legal subventionierte Exporte in die Welt und Gelder nach Afrika. Der Katar ist für Paris, was die Virgin Islands für Washington sind. Und der arabische Sender El-Dschasira hat in Doha seinen Sitz.


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