© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Prunk und Pracht
Kostbares Silbergerät gab es nicht nur am Hof, sondern auch auf bürgerlichen Tafeln
von Silke Osman

Der Zweite Weltkrieg und seine Folgen haben gerade in die Sammlungen der Berliner Museen unübersehbare Lücken gerissen. Um so erfreulicher ist, wenn es gelingt, kostbare Stücke für die Sammlungen zurückzugewinnen oder durch ein ebenso edles Teil zu ergänzen. Der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg (SPSG) ist es im vergangenen Jahr gelungen, die sogenannte Kleine Hohenzollern-Kanne des Berliner Goldschmieds Johann Christian Lieberkühn des Älteren, die einen Zapfhahn hat und 52 Zentimeter hoch und 10,8 Kilogramm schwer ist, wieder zu erwerben. Die zwischen 1720 und 1733 entstandene Kanne ist geschmückt mit insgesamt 193 Medaillen und Talern, die bis auf wenige Ausnahmen Münzprägungen des Hauses Hohenzollern aus insgesamt zwei Jahrhunderten sind. Der älteste Taler stammt aus dem Jahr 1538, die jüngsten sind von 1717. Dieses Prunkstück der Silberschmiedekunst ist heute in der Silberkammer in Schloß Oranienburg zu sehen. Die sogenannte Großer-Kurfürst-Kanne konnte schon in den 1950er Jahren wieder erworben werden.

Ihre große Schwester, die Große Hohenzollern-Kanne (103 Zentimeter hoch), war über Jahrzehnte im Berliner Kunstgewerbemuseum Schloß Köpenick ausgestellt. Heute ist sie im restaurierten Schloß Königs Wusterhausen zu bewundern, im Tabakskollegium Friedrich Wilhelms I., wo sie auch hingehört. Hat doch der

Verleger und Stadthistoriograph Friedrich Nicolai berichtet, daß sie dort als Bierzapfkanne genutzt wurde.

Diese drei Kannen zeugen nicht nur von der großen Kunstfertigkeit der Gold- und Silberschmiede, sie zeigen auch den beispiellosen Reichtum der Silberbestellungen des preußischen Hofes. Die Prunksilber-Sammlung gehörte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den prächtigsten Beständen ihrer Art in Europa.

Als kostbares Tafelsilber und in Form aufwendiger Schaubuffets waren Silbergegenstände aller Art in eigenen Schauräumen zentraler Teil höfischer Repräsentation. Selbst der als kunstfeindlich geltende und spartanisch lebende Friedrich Wilhelm I. konnte sich der Pracht nicht verschließen. Der Soldatenkönig gehörte zu den größten Auftraggebern von Goldschmiedearbeiten seiner Epoche. Im letzten Jahrzehnt seiner Regierungszeit hat er insgesamt über acht Tonnen Geschirr, Leuchter und Möbel aus Silber in Augsburg und Berlin bestellt!

Im Norden der Republik muß man nicht gleich ganz bis nach Berlin oder Brandenburg fahren, um etwas über Silber zu erfahren. Die kleine schleswig-holsteinische Stadt Itzehoe zeigt in ihrem Kreismuseum Prinzeßhof derzeit die Ausstellung „Silber - Macht, Fluch und Zierde. Kulturgeschichte eines Edelmetalls“. Tafelsilber, Schmuck oder Geräte für den kirchlichen Gebrauch erzählen die Geschichte des Silbers, eines begehrten Edelmetalls, auf dem allerdings auch ein Fluch lag. Schließlich hat nur ein kleiner Teil der immensen Silberproduktion die Zeiten überdauert.

Silber galt nicht nur als ein gut zu verarbeitendes Metall, sondern wurde auch als Kapitalanlage geschätzt. In Notzeiten wurde es nach Gewicht verkauft und eingeschmolzen. Am bekanntesten dürfte die Aktion unter Fried-rich Wilhelm III. gewesen sein, der sein Volk 1809 aufforderte, mitzuhelfen, die von Napoleon geforderten 120 Millionen Franken Kriegskontribution aufzubringen. Bis hin zu Eheringen wurde in der Aktion „Gold gab ich für Eisen“ alles gesammelt, was Silber oder gar Gold war, und eingeschmolzen. Nur wenig hat diese Zeiten überdauert.

Doch auch dann, wenn es den Bürgern nicht allzu schlecht ging, zog man es vor, aus der Mode gekommene Geräte einzuschmelzen, um dann neues zu erwerben. Verschont blieb meist nur das Kirchensilber.

Im sogenannten Silberzimmer der Ausstellung werden Arbeiten aus dem 18. und 19. Jahrhundert präsentiert. Betrachtet man die einzelnen kunstvollen Silberarbeiten, dann fragt der Laie sich, wie die verschiedenen Muster und Gravuren überhaupt auf das Silber kommen. In einer inszenierten Werkstatt werden die verschiedenen Techniken wie Schmieden, Gießen, Ziselieren oder Gravieren gezeigt und ein Einblick in die Arbeitswelt der Gold- und Silberschmiede gegeben. Nachbildungen historischer Exponate und zeitgenössische Silberarbeiten aus verschiedenen Ländern ziehen den Bogen zur Gegenwart, denn immerhin werden noch 20 Prozent der Silberproduktion weltweit zu Schmuck oder zu Silberwaren verarbeitet. Im Vergleich: Fotografie 47 Prozent, Elektrotechnik / Elektronik 27 Prozent.

Silber ist in so vielen Gegenständen zu finden, daß man aus dem Staunen kaum herauskommt. Man findet es in Batterien und Kondensatoren, im Spiegel oder im Christbaumschmuck, im Mund als Teil von Amalgamfüllungen, in Wundverbänden oder Salben, in Texti-lien und sogar als Lebensmittelfarbstoff E 174, der als Überzug von Pralinen verwendet wird.

Das Rohmaterial wurde einst im Altertum in Kleinasien, Attika, Afrika und Kleinasien gewonnen. Im Mittelalter baute man es im Harz, dem Erzgebirge, dem Schwarzwald, in Böhmen, Ungarn, Siebenbürgen, Tirol, dem Elsaß und in Norwegen ab. Importe aus Mexiko, Bolivien und Peru kamen im 16. Jahrhundert hinzu. Doch auch Rußland und Nordamerika wurden zu Lieferanten.

Reines Silber ist für den Goldschmied viel zu weich und deshalb schlecht zu verarbeiten. So wird es mit Kupfer und Nickel „gemischt“, legiert. Diese Legierung bestimmt den Wert der Silbergegenstände. In der Ausstellung erfährt der Besucher denn auch einiges über Silberproben, Beschaustempel, Meisterzeichen und Silber-Surrogate, sogenannte Ersatzstoffe für das kostbare Edelmetall.

Wem das alles zu sachlich ist, der findet seine Freude vielleicht in der alten Mär, daß Silber auch Dämonen und Krankheiten abwehrt. Nur eine Kugel, aus alten ererbtem Silber gegossen, konnte Hexen, Werwölfe und verhexte Tiere töten. Alte Silberringe sollten darüber hinaus vor Verhexung schützen. Deshalb trugen bis ins 19. Jahrhundert hinein viele Männer Silberringe im linken Ohr. Ob die jungen Männer von heute, die diese Mode wieder aufgegriffen haben, sich dieses Volksglaubens allerdings bewußt sind, mag dahingestellt bleiben.

Die Ausstellung im Kreismuseum Prinzeßhof, Kirchenstraße 20, 25524 Itzehoe, ist täglich außer montags von 10 bis 12 Uhr und von 15 bis 17.30 Uhr geöffnet, Eintritt 1,50 / -,50 Euro, bis 16. September.

Das Schloßmuseum Oranienburg, Schloßplatz 1, 16515 Oranienburg, ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet, Eintritt 6 / 5 Euro ( mit Führung), 5 / 4 Euro (ohne Führung).


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