© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Auf gute Nachbarschaft

Wenn es unverhofft klingelt, öffnet sie nur ungern die Tür. Heutzutage weiß man ja nie, wer dort draußen steht und Einlaß begehrt. Abwarten, der geht schon wieder, denkt sie sich und verhält sich ganz ruhig. Schließlich aber siegt die Neugier und sie schleicht sich doch zum Fenster, um zu sehen, ob sie etwas entdecken kann. Vergeblich. Vom ersten Stockwerk aus dann sieht sie ihn wieder verschwinden. Ein zartes Kerlchen, knapp einen Meter groß, kurze blonde Haare. Und vor so etwas hatte sie Angst, das ist doch zum Lachen. Sie beobachtet den Jungen, wie er sorgfältig versucht, die Gartenpforte zu schließen. Kaum ein Erwachsener unterzieht sich dieser Mühe. Verwundert schüttelt sie den Kopf und fragt sich, was der Knirps wohl wollte. Hinterherlaufen kam nicht in Frage, dazu war der unerwartete Besucher schon zu weit entfernt.

Das Rätsel löste sich bei einem Plausch über den Gartenzaun. Plötzlich tauchte ein kleiner blonder Junge auf. „Das ist unser neuer Nachbar“, sagte die Nachbarin zur Linken, „der hat letzte Woche geklingelt und sich vorgestellt.“ Der Knirps grinste freundlich und sagte: „Ich bin Leon und wohne dahinten“, damit zeigte er zum Ende der Straße. „Ich hab überall geläutet, wo eine Klingel ist.“ Sie beugte sich zu ihm herunter und schwindelte ein bißchen, indem sie meinte, sie wäre wohl nicht da gewesen.

Zwei Tage später klingelte es erneut an ihrer Tür. Nun konnte sie erkennen, daß es ihr neuer Nachbar war. Sie öffnete die Tür. „Guten Tag, Leon, was kann ich für dich tun?“ Leon aber blieb die Spucke weg. „Eh, ui, eh, ja, ich wußte ja nicht, daß du das bist, eh, ich wollte nur sagen, daß ich da hinten wohne, letztes Mal warst du nicht da.“ Es folgte ein kleiner Plausch, wie unter guten Nachbarn üblich, und man verabschiedete sich. Auf gute Nachbarschaft, Leon. SiS


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