© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Die Rebellin von Riad
Ein Roman schockiert die arabische Welt - Todesdrohungen gegen die Autorin
von Rebecca Bellano

Es gibt Menschen, die müssen ihre Heimat verlassen, weil ihnen dort Gefahr an Leib und Leben droht. So auch die 25jährige Rajaa Alsanea. Die Tochter aus gutem, vermögendem Hause ist wegen eines von ihr verfaßten, knapp über 300 Seiten starken Buches in ihrer Heimat Saudi-Arabien bei radikalen Moslems nicht sonderlich gern gesehen, genauer, sie erhielt zahlreiche Todesdrohungen. Für viele junge Saudis ist sie hingegen eine Heldin. Im Westen nennt man sie sogar die „Rebellin von Riad“, da die junge Zahnmedizinstudentin etwas gewagt hat, was vor ihr keiner in ihrer Heimat gewagt hat: Sie hat über das Leben vier junger Araberinnen aus gutem Hause geschrieben, die trotz aller gesellschaftlichen Beschränkungen ihr Glück suchen. Dabei spart Rajaa nicht an Kritik an der von Männern dominierten Gesellschaft und schreibt zu allem Überfluß auch noch über Sex.

Da Rajaa wußte, welche Probleme in ihrem Land auf sie zukommen, hat sie das Buch 2005 im Libanon veröffentlicht, von wo aber zahlreiche Exemplare den Weg nach Saudi-Arabien fanden. Auf dem Schwarzmarkt wurden Kopien ihres Buches für 100 Euro gehandelt, während die Autorin zahlreiche Anfeindungen im eigenen Land ertragen mußte. Nach langen Diskussionen, Gegenromanen, in denen Frauen in arrangierten Ehen ihre Erfüllung finden, wurde das Buch 2006 auch in Saudi-Arabien von der Zensur genehmigt, doch: Buchhändler wagen nicht, den Titel in ihrer Auslage zu präsentieren, da dessen Kritiker nicht vor Gewalt zurückschrecken.

Die junge Frau hat viel Staub aufgewirbelt, doch für sie ist dies ein Zeichen dafür, daß sich ihre Heimat in Bewegung befindet. Daher entschied sie sich auch, aus dem Schatten eines Pseudonyms herauszutreten und offen die Konfrontation zu wagen. Da sie so zum Star vieler junger Menschen wurde, blieb auch dem saudi-arabischen Königshaus nichts anderes übrig, als auf die junge Frau zuzugegehen. Zwar studiert sie bis 2008 in den USA, doch sie hofft, daß sich dann die Wogen daheim geglättet haben und sie zurückkehren kann. Daß sie nach dem Roman allerdings noch einen saudischen Mann findet, halten einige ihrer Brüder für unwahrscheinlich. Rajaa hingegen ist positiv gestimmt, schließlich wisse der Mann, der in Frage kommt, genau, wie sie über eine Ehe denkt.

Doch was steht in diesem Buch, das in der arabischen Welt die Gemüter erhitzt hat und in Deutschland unter dem Titel „Die Girls von Riad“ erschienen ist?

Der Roman beginnt mit der Hochzeit von Kamra, bei der auch ihre drei besten Freundinnen Lamis, Sadim und Michell anwesend sind. Kamra sieht ihren ihr zugedachten Mann zum zweiten Mal in ihrem Leben und ist ganz angetan von dem jungen Mann, der die Hochzeit mit nüchterner Sachlichkeit über sich ergehen läßt. Da er noch studiert, zieht Kamra zu ihm in die USA, wo er seinen Doktor macht, doch hier wird immer offensichtlicher, daß Raschid an seiner Frau kein Interesse hat, es ihr sogar übel nimmt, daß sie existiert, da er in den USA eigentlich ein anderes Leben geführt hat. Irgendwann kommt es zum Eklat, er schickt die schwangere Kamra zurück nach Riad und reicht die Scheidung an. Auch Sadim erhält von ihrem Angetrauten die Scheidung, weil sie sich ihm nach der standesamtlichen, aber vor der gesellschaftlichen Trauung hingibt. Die junge Studentin ist genau wie Kamra von da an für einen saudischen Mann, der noch Karriere machen will, nicht mehr ehrbar, und obwohl Sadim in London ihre große Liebe kennenlernt, will der Saudi daheim keine offizielle Verbindung mit ihr eingehen, ruft sie nur täglich per Handy an, um ihr seine Liebe zu beteuern.

Auch Michell wird in der Liebe enttäuscht, da der junge Faisal, der sie sogar heiraten will, aufgrund ihrer amerikanischen Mutter von seiner Familie den Kontakt zu ihr verboten bekommt. Obwohl er sie liebt, folgt er den Vorgaben seiner Familie und heiratet die ihm Zugedachte.

Lamis verliebt sich in den Bruder ihrer schiitischen Freundin, und wagt es, sich mit ihm in einem Café zu treffen, wo beide wegen unschicklichen Verhaltens verhaftet werden. Er, der als Angehöriger einer Minderheit im sunnitischen Saudi-Arabien sowieso im Visier der Herrschenden steht, wird sogar als Widerständler inhaftiert, während Lamis wegen ihres unmoralisches Benehmens „nur“ von ihrem Vater bei der Polizei abgeholt werden muß.

Rajaa Alsanea hat viele Geschichten, die ihren vier Heldinnen widerfahren, von Komillitoninnen an der Universität oder anderen Bekannten gehört, diese hat sie dann miteinander verwoben und ihren Romanfiguren widerfahren lassen. So ist der Roman authentisch und verknüpft mit den jedem Kapitel vorangestellten E-Mails schafft sie die Verbindung zwischen individuellem Schicksal und gesellschaftlichen Auffassungen.

Die vier Mädchen treffen sich regelmäßig bei der 38jährigen Umm-Nuwair. Diese erhielt von ihrem Mann die Scheidungspapiere, weil er ihr die Schuld daran gab, daß der gemeinsame Sohn schwul ist. Ein Skandal in Saudi-Arabien. Bei Umm-Nuwair erzählen und diskutieren die jungen Frauen ihre Erlebnisse. „Lamis hatte zum Beispiel Angst, etwas zu essen, das ihr eine schiitische Kommilitonin anbot. Kamra und Sadim hatten sie gewarnt, weil die Schiiten Essen, das Sunniten zu sich nehmen würden, heimlich verunreinigten, … weil sie nämlich für diese gute Tat, den Tod eines Sunniten, belohnt werden würden.“

Bei allem Wünschen der jungen Frauen, leben sie jedoch stets angepaßt an ihre Gesellschaft, lehnen sich nur im Kleinen auf. Trotzdem gilt der Roman in der arabischen Welt als skandalös, weil erstmals die Sehnsüchte von Frauen thematisiert werden. Zudem: Für Liebesheiraten ist in ihrer Welt kein Platz.

Rajaa Alsanea: „Die Girls von Riad“, pendo, München 2007, geb., 330 Seiten, 19,90 Euro

Sieht so eine Rebellin aus? Rajaa Alsanea an ihrer Universität in Chicago Foto: Uni Chicago


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