© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Vergessener »Literaturpapst«
Biographie über Friedrich Sieburg

Friedrich Sieburg ist aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen gefallen. Dabei hat es der Publizist, Schriftsteller und große Frankreichfreund verdient, daß man wieder an ihn erinnert. Eine Gelegenheit dazu liefert eine Lebensbeschreibung Sieburgs, die jetzt im Frankfurter Societäts-Verlag - in dem die meisten seiner Bücher herauskamen - erschienen ist. Die Autorin ist Cecilia von Buddenbrock, die sich dem Porträtierten mit sehr viel Sympathie nähert. Um die definitive Biographie über den „Literaturpapst“ der frühen Bundesrepublik handelt es sich nicht, dazu fehlen in der 300seitigen Skizze zu viele Facetten aus dem Leben Sieburgs.

Doch: Wer war Friedrich Sieburg? Man glaubt es kaum. Der lebenslange Frankreichfreund und Lebemann war - wie Carl Schmitt - ein gebürtiger Sauerländer und kam 1893 in Altena in eher bescheidenen Verhältnissen zur Welt.

Diese Bodenhaftung verrät Sieburgs westfälische Wurzeln. Der konservative Publizist Hans-Georg von Studnitz bezeichnete ihn als „Sinfoniker der Sprache“. Denn der den Frauen zugetane Sieburg war ein großer Ästhet mit einem Gespür für die Schönheit der Sprache, aber auch der äußeren Lebensumstände und des gesellschaftlichen Auftritts.

Jürg Altwegg streicht im Vorwort von Buddenbrocks Biographie heraus, wie „himmelschreiend ungerecht“ Sieburgs Behandlung durch die Franzosen im Vergleich mit Martin Heidegger und Ernst Jünger gewesen sei. Dies müsse zumindest literarisch beziehungsweise biographisch zurechtgerückt werden. Sieburg war ein Konservativer, der dem NS-Regime bestimmt nicht nähergestanden hat als der genannte Philosoph und der Schriftsteller. Doch die Franzosen haben ihm seine unklare Haltung während des Dritten Reiches nach 1945 wesentlich stärker übelgenommen als beispielsweise Jüngers Verhalten während der Diktatur und der deutschen Besatzung in Frankreich.

Cecilia von Buddenbrock zeichnet Kindheit und Jugend Sieburgs nach, beleuchtet seine Zeit als Schüler von Stefan George und als Nachfolger von Joseph Roth als Korrespondent der liberalen „Frankfurter Zeitung“ ab 1926 in der französischen Hauptstadt, seine Tätigkeit im diplomatischen Dienst während der NS-Diktatur, die Reisen nach Polen, Portugal, Afrika, China und Japan, seine Ehen und die von Melancholie umwölkte Phase als Literaturkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und schließlich als freier Schriftsteller in Gärtringen, die Bekanntschaft mit Ernst Jünger und die Arbeit an den großen Biographien über Robespierre, Chauteaubriand und Napoleon.

Cecilia von Buddenbrock bemerkt zu der zunehmenden Verbitterung Sieburgs in den 50er und 60er Jahren: „Das war Sieburgs Drama: Die äußeren Umstände hatten sich seinen persönlichen Wünschen entgegengestellt.“ Hier finden wir den Schlüssel zu seiner Persönlichkeit, die vor allem in seiner Egomanie und Eitelkeit zu suchen ist. Er bekannte seinen Lesern, ihm sei „der Stil, also auch meine eigene Schreibweise, seit je … wichtiger gewesen ... als alle Programme“.

Dieser Geisteshaltung verdanken wir einige der schönsten Sätze, die im 20. Jahrhundert in deutscher Sprache geschrieben wurden. Wer in Sieburg nicht den großen politischen Denker sucht oder ihn zu einer Art deutsch-französischem Freundschaftsonkel verkitschen will, sollte sich an den schönen Abbildungen dieses Buches und an seinen gut geschriebenen Seiten erfreuen und anschließend Sieburg im Original lesen. Wer ein gut sortiertes Antiquariat in seiner Nähe hat, ist in diesem Fall jedoch klar im Vorteil.

Sicherlich ist mit diesem Buch noch nicht das letzte Wort über Sieburg gesprochen. Tilman Krause, der über Sieburg promoviert worden ist, schrieb zum 40. Todestag des Publizisten, seine Zeit werde noch kommen: „Eleganz und Charme setzen sich durch.“ Hoffen wir es. Ansgar Lange

Cecilia von Buddenbrock: „Friedrich Sieburg (1893-1964) - Ein deutscher Journalist vor der Herausforderung eines Jahrhunderts“, Societäts-Verlag, Frankfurt 2007, 312 Seiten, 19,90 Euro, Best.-Nr. 6273


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