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04.08.07 / Voller Tragweite / Moderne Erzählungen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Voller Tragweite
Moderne Erzählungen

Jeder hat in seinem Leben schon mal einen solchen Moment erlebt, den Moment des großen Verstehens, des Begreifens einer Tatsache, deren Tragweite unser Leben von nun an von Grund auf verändern wird.

Paul Brodowsky führt dem Leser in seinem Erzählungsband „Die blinde Fotografin“ mehrere solcher Augenblicke vor Augen.

So zum Beispiel die verwirrenden Gedankengänge eines unter Verfolgungswahn leidenden Stalkers:

„Wieder draußen ist der Himmel beinah taghell, aber noch immer brennen die Neonröhren in den Straßenlaternen … Er geht durch den Tunnel zur U-Bahn-Station, in einer Ecke hinter ihm hört er das Klicken einer Überwachungskamera … Zu Hause legt er sich schlafen. Er träumt, daß er davon aufwacht, daß sein Telefon klingelt, er hebt ab und sagt in einem Reflex seinen Namen. Dann wacht er auf, weil das Telefon immer noch klingelt. Er wartet einen Moment und hebt dann mitten im Klingeln ab, etwas knackt einmal in der Leitung oder in seinem Ohr, in der Ohrmuschel ist der Wählton zu hören.“

Die eindrucksvollste, aber auch tragischste der Erzählungen in diesem Band ist jedoch die, nach welcher der Autor auch das Buch benannt hat: die Erzählung über eine erblindende Fotografin, deren Partner verzweifelt versucht, für sie „mit zu sehen“ und alles noch genauer wahrzunehmen, um es ihr später alles haarklein beschreiben zu können.

„Du mußt mir sagen, wie ich aussehe, du bist mein Spiegel, sagte sie, du bist dünn geworden, sagte ich, dünn, dünn, sagte sie, dein Schlüsselbein tritt hervor, deine Taille ist noch schmaler als früher, …, die Haut um deine Augen ist faltig, fast knittrig, als ich von der Galerietour zurückkam, ich hatte stundenlang Kunstwerke angeschaut, versucht, mir alles zu merken, ich konnte ihr von über 20 Ausstellungen erzählen, …“

Doch bald schon muß er einsehen, daß seine Augen ihre eigene Wahrnehmung nicht ersetzen können, und egal wieviel Mühe er sich gibt, es doch am Ende vergebens ist.

Interessant zu lesen, aber manchmal auch etwas verwirrend, stellt Paul Brodowsky in diesem Erzählungsband Momentaufnahmen im Leben verschiedenster Personen vor, die auf den ersten Blick zwar alle sehr unterschiedlich wirken, aber sich in gewisser Weise auch zu ähneln und etwas gemeinsam zu haben scheinen. A. Ney

Paul Brodowsky: „Die blinde Fotografin“, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, geb., 129 Seiten, 14,80 Euro, Best.-Nr. 6274


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