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04.08.07 / Im Land Vaubans / Mit dem Festungsbaumeister des Sonnenkönigs auf Entdeckungstour durch die provenzalischen Alpen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 31-07 vom 04. August 2007

Im Land Vaubans
Mit dem Festungsbaumeister des Sonnenkönigs auf Entdeckungstour durch die provenzalischen Alpen
von Cornelia Höhling

Längst hat er den Boden unter den Füßen verloren und schwebt mit dem Gleitschirm über den Bäumen. Doch wie zur Sicherheit strampelt er in der Luft noch eine Weile mit den Beinen. „Ein unvergleichliches Gefühl von Freiheit“, schwärmt Ralph vom Tandemsprung. Unter den vielen Aktivsportangeboten der französischen Hochalpen vom Wandern über das Klettern und Mountainbiking bis hin zum Wassersport fasziniert er ihn am meisten. „Einfach genial. Er hat nur einen Nachteil“, klagt Ralph, „er geht zu schnell vorüber.“

Genial war auch er, der Marquis de Vauban (1633-1707), Festungsbaumeister des Sonnenkönigs. Die Möglichkeit eines Angriffes aus der Luft hatte der berühmteste Kriegsingenieur seiner Zeit freilich noch nicht einkalkuliert. Dennoch veränderten seine Visionen die gesamte Militärarchitektur Europas und galten bis ins 19. Jahrhundert als Vorbild. Marschall Vauban, dessen 300. Todestag in diesem Jahr begangen wird, leitete über 50 Belagerungen, baute im gesamten damaligen Einflußgebiet Frankreichs rund 270 Festungen um und 30 neu. Sie stehen heute in den Niederlanden, in Flandern, dem Elsaß, am Oberrhein und vor allem in der Provence-Alpes-Côte-d’Azur.

Von Briancon in den provenzalischen Alpen, Europas höchstgelegener Stadt, die ein Gürtel von 25 Festungen umgibt, bis zu den Forts von Marseille am Mittelmeer wird der Besucher von der Militärarchitektur des Universalgenies regelrecht begleitet. Alle Anlagen können das ganze Jahr über besichtigt werden. Dabei kommt man in den Genuß herrlicher Ausblicke auf mittelalterliche Städte, malerische Täler, Schluchten und Gebirgsketten. Ganz nebenbei ist Wissenswertes über Militärgeschichte und Kriegskunst zu erfahren.

Gemeinhin gilt die Provence als idyllisch verschlafenes Paradies, das durch den Wechsel von Bergen, Meer und Ebenen besticht. Die meisten Menschen sehen blau, wenn sie an die Provence denken, nämlich blühende Lavendelfelder. Dabei malt der Mohn auch rote Flecken in die Landschaft. Andere verbinden sie mit den Wohlgerüchen der Parfümstadt Grasse. Aber zu der Region gehört auch hochalpines Gelände, das vor allem durch die „Tour de France“ bekannt wurde. Nicht nur während des Radrennens begegnet man hier Radlern, die sich zu den Pässen hinaufquälen. Beeindruckend ist die Fahrt über den 2361 Meter hohen Col d’Izoard von Briancon nach Château-Queyras. Die gleichnamige mittelalterliche Burg, die sich über das lange Flußtal des Guil erhebt, wurde von Vauban erweitert. Fort-Queyras sollte als Vorposten von Briancon und Mont-Dauphin den Feind aufhalten.

Briancon, im Zentrum von fünf Tälern malerisch über dem Zusammenfluß von Guisane und Durance, der Lebensader der Haute-Provence, gelegen, gehört zu den bedeutendsten Vauban-Festungen. Als Vauban die Zitadelle ausbaute, lag sie an der Grenze zu Savoyen. „Eigentlich schuf Vauban die Befestigungen nur, um Blutvergießen zu verhindern“, sagt Daniel Sautai, Kurator der weiter südlich dem Gelände angepaßten Festung Mont-Dauphin. Nicht nur er ist vom Universalgenie Vauban begeistert, der sich auch um das Wohl seiner Soldaten sorgte, wie die Sonderausstellung „Vauban, Architekt der Vernunft“ im ehemaligen Arsenal zeigt.

Mont-Dauphin, zu drei Viertel aus natürlichen Felswänden bestehend und bis 1951 militärisch genutzt, wurde wie alle Festungen Vaubans gar nicht erst angegriffen, heißt es, weil sie als uneinnehmbar galten. Dazu trug nicht nur die Zug-Brücke, deren Namen sich mit „Klaps auf den Arsch“ übersetzen läßt, bei. Hingegen seien von 53 Festungen, die Vauban belagerte, 51 gefallen, sagt Sautai. Ein erstmalig in Originalgröße rekonstruierter Sturmgraben soll den Besuchern Vaubans Angriffs- und Verteidigungsstrategien veranschaulichen.

Um seinerzeit die Soldaten in der Abgeschiedenheit von Mont-Dauphin „bei der Stange zu halten“, hatte Vauban ein Dorf mit 300 Zivilisten integriert. Es gab Handwerker, 13 Tavernen, zwei Wochen- und drei Jahrmärkte, eine Kirche und vor allem Kurtisanen.

Die Anlage ist noch im Original erhalten. Nur die Zahl der Einwohner, die ganzjährig hier leben, ist auf 123 geschrumpft. Das alte Hospital und eine Taverne wurden zu Urlaubsunterkünften ausgebaut.

Neugierig geworden auf die Vielseitigkeit Vaubans, schaut man in das zum Museum mutierte Waffenlager. Gemälde, Aquarelle, Stiche, Jahrbücher, Weltkarten, Pläne, Modelle, Maschinen und Waffen zeigen Vauban als Ingenieur des Militärwesens, als Denker und seine weniger bekannte Seite als Staatsdiener. In den Vitrinen liegen sein Briefwechsel mit Ludwig XIV. samt Originalunterschrift des Sonnenkönigs und seine Zeichnungen von einem beweglichen Fort, das nie gebaut wurde. Er führte eine Sonnenuhr in der Größe einer Taschenuhr und einen Schrittzähler mit sich, verbesserte die Hebelwirkung der Schubkarre und maß die Sprengkraft des Pulvers mit einem seltsamen Gerät nach dem Hau-den-Lukas-Prinzip.

Militärisch: Ein Wachturm an einer Bastion des Forts Mont-Dauphin Foto: Lemaitre / ddp


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