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25.08.07 / Asche zu Asche / Finanznot: Berlins evangelische Kirche verkauft Friedhöfe – Bürger protestieren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Asche zu Asche
Finanznot: Berlins evangelische Kirche verkauft Friedhöfe – Bürger protestieren
von Markus Schleusener

Nein, Frau Zepperitz-Hoßfeld mag nicht über den Friedhof reden. Und fotografieren lassen will sie sich erst recht nicht. Dabei hat sie das einfallsreichste Transparent vor ihrem Balkon hängen – in der Berliner Heinrich-Roller-Straße 24. Es zeigt einen Pfarrer, der an zwei Dinge denkt: eine Graburne rechts und zwei Geldsäcke links, Überschrift: „Asche zu Asche“.

Es klingt sarkastisch – und ist auch so gemeint. Die Anwohner dieser Straße nahe dem Alexanderplatz wehren sich dagegen, daß ihr Friedhof auf der gegenüberliegenden Straßenseite umgewandelt wird – in Bauland. Wenn es nämlich nach dem Willen der Pankower Kirchengemeinde St. Petri / St. Marien geht, dann werden dort vermutlich bald Wohnhäuser stehen.

Der evangelische Pfarrer Johannes Krug gibt sich unbeirrt: „Wir werden die Möglichkeiten des Friedhofsnutzungsplanes nutzen.“ Er weiß den rot-roten Senat hinter sich, der in seinem neuesten Nutzungsplan die Fläche als „Sonstiges“ aufgeführt und damit den Weg zur Bebauung freigemacht hat. Dagegen protestiert die „Bürgerinitiative Rollerstraße“, die seit Wochen Zettel klebt, Pressemitteilungen und Briefe an Wolfgang Huber, den Landesbischof von Berlin, Brandenburg und der schlesischen Oberlausitz sowie EKD-Ratsvorsitzenden, schreibt und Transparente auf Balkonen aushängt. „Keine Gräber zu Tiefgaragen“ ist dort zu lesen. Oder „Ist euch nichts mehr heilig als das Geld?“

Die Initiative hat sogar die Lokalpolitiker von Linkspartei bis Grüne im Bezirk hinter sich. Die gleichen Politiker, die den Pankow-Heinersdorfern jegliche Unterstützung im Widerstand gegen die erste Ost-Berliner Moschee versagen, ziehen mit ins Gefecht, wenn es gegen die evangelische Kirche und ihre Verkaufspläne geht.

Die Kirche steckt in einem Dilemma, denn eigentlich hat die Aufgabe des Friedhofs auch eine positive Ursache: Es wird zu wenig gestorben in Berlin. 2006 segneten in der Hauptstadt 31530 Personen das Zeitliche. Das waren 460 weniger als im Vorjahr. Zum Vergleich: 1970 waren es noch 58000. Ursache: die längere Lebensdauer und die kriegsbedingte Lücke. Viele, die erst heute den natürlichen Tod finden sollten, nahmen im Weltkrieg bereits in jungen Jahren ein furchtbares Ende.

Deswegen verwaisen Teile der 228 Friedhöfe in Berlin. 38 sind bereits geschlossen. Das heißt, daß dort niemand mehr zusätzlich bestattet wird. Begehbar sind die Friedhöfe jedoch. Die Kirche wirbt sogar dafür, daß mehr Menschen auf die Friedhöfe kommen, die nicht bloß Trauer ausstrahlen, sondern auch zur stillen Erbauung und Einkehr einladen.

„Besuchen Sie unsere Friedhöfe auch ohne direkten Bezug. Sie sind grün und mit Bänken ausgestattet, die geradezu zum Verweilen auffordern. Sie können hier Ruhe und Besinnung erfahren. Entspannung und Erholung sind dann nicht mehr weit“, heißt es seitens der evangelischen Kirche.

Dezent wird auch darauf verwiesen, daß die Friedhöfe nicht nur den „Angehörigen der evangelischen Glaubensgemeinschaft vorbehalten sind“. Wenn es nach der evangelische Kirche ginge, dann würde sie nur möglichst wenige Friedhöfe ganz schließen. Denn: Keine Bestattungen heißt kein Geld. Der Träger bleibt auf den Kosten sitzen. Deswegen will die Kirche jetzt das innerstädtische Filetstück an der Heinrich-Roller-Straße veräußern, um mit dem dort gewonnenen Finanzpolster Grabstätten an anderen Stellen halten zu können.

Finanziell geht es ihr nämlich schlecht. Nicht nur die Zahl der zu Bestattenden sinkt. Auch die der Kirchenmitglieder ist rückläufig. Die große Mehrheit der Berliner ist sowieso schon konfessionslos (59 Prozent). Nur noch 22 Prozent gehören der evangelischen Kirche an, neun der katholischen. Eines nicht fernen Tages werden die Moslems (jetzt sechs Prozent) die Katholiken überholen. Da will jeder potentielle Tote umworben sein, so makaber das auch klingen mag.

Die Gegend, um die es sich dreht – das Winsviertel – gilt als „Geheimtip“ für Neuberliner. Familienfreundliches Umfeld, zentrale Lage, niedrige Mieten. Wo gibt es so etwas noch? Manche Anwohner planen deswegen schon jetzt den eigenen Tod mit ein, nach dem sie auf dem Friedhof an der Heinrich-Roller-Straße beerdigt werden wollen. (Der Friedhofsentwicklungsplan besagt, daß eine wohnortnahe Bestattung stattfinden soll, aber nicht muß.)

Doch bis dahin ist es für die meisten Anwohner noch eine Weile hin. Im Winsviertel leben überdurchschnittliche viele junge Leute. Die Zahl der über 55jährigen liegt bei nur acht Prozent. Berlin-weit sind es 30.

Und kaum einer ist zufällig in die Heinrich-Roller-Straße gezogen. Die Anwohner, mit Ausnahme der eingangs erwähnten Frau Zepperitz-Hoßfeld, bestätigen, daß das Grün auf der anderen Straßenseite für sie ein Grund für den Umzug war. In diesem ansonsten grünflächenfreien Stadtteil wirkt der verwilderte Friedhof wie eine Oase der Ruhe.

Jetzt werden dort erst einmal 300 Kriegsgräber verlegt. Diese Gräber dürften nicht eingeebnet werden, sagt Pfarrer Krug. Die anderen offenbar schon. Es sind wirklich alte Gräber darunter, zum Beispiel von den Frankes, die in den 30er Jahren gestorben sind. Ihr Sohn Alfred war da bereits tot. Er ist seit Juni 1918 in Frankreich vermißt.

Solche alten Gräber werden heute von keinen Angehörigen mehr gepflegt. Entsprechend wuchert das Grün in diesem hinteren Teil des Friedhofs, der demnächst bebaut werden soll. Nur hier und da liegt mal ein frischer Blumenstrauß – vor einem der jüngsten Gräber. Diese stammen aus den 70er Jahren, sind also auch schon drei Jahrzehnte alt.

Foto: „Sie können hier   Ruhe und Besinnung erfahren“: Berlins evangelische Kirche wirbt für ihre Friedhöfe als Erholungsorte – offenbar mit Erfolg.


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