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25.08.07 / Als nordischer Flüchtling in Rom / Was Johann Wolfgang von Goethe in der Stadt am Tiber erlebte und wie man heute des großen Dichters dort gedenkt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Als nordischer Flüchtling in Rom
Was Johann Wolfgang von Goethe in der Stadt am Tiber erlebte und wie man heute des großen Dichters dort gedenkt
von Angelika Fischer

In kaum einer anderen Stadt hat Johann Wolfgang von Goethe sich so wohl gefühlt wie in Rom, „dieser Hauptstadt der Welt“. Als nordischer Flüchtling war er fasziniert von der südländischen Lebensart, ihrer Heiterkeit und Gelassenheit, ihrer Leichtigkeit und Sinnlichkeit. „Ich kann sagen, daß ich nur in Rom empfunden habe, was eigentlich ein Mensch sei. Zu dieser Höhe, zu diesem Glück der Empfindung bin ich später nie wieder gekommen“, hat er Jahre später seinem Vertrauten Eckermann gestanden. 

Insgesamt 15 Monate verbrachte der Dichter zwischen 1786 und 1788 in der Ewigen Stadt. Am 29. Oktober 1786 traf er über die Via Flaminia in Rom ein, am darauffolgenden Tag  zog er als Untermieter in die Wohnung eines Kutscher-ehepaares in der Via del Corso Nummer 18. Hier wohnten bereits drei andere deutsche Künstler, darunter der mit ihm befreundete Maler Johann Heinrich Wilhelm Tischbein. Das Haus ganz in der Nähe der Piazza del Popolo steht noch heute und beherbergt seit 1997 die „Casa di Goethe“, das Goethemuseum. Dieses vom Arbeitskreis selbständiger Kulturinstitute (AsKI e.V.)  getragene einzige deutsche Museum im Ausland zeigt in den einst von der Künstler-Wohngemeinschaft bewohnten Räumen eine Dauerausstellung zum Thema Goethe in Italien. Darüber hinaus fanden in den vergangenen zehn Jahren mehr als 30 Wechselausstellungen statt, die sich mit Goethes Werk und dessen Rezeption, der Tradition der Italienreise bis in die Gegenwart und Themen der Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Italien beschäftigten. Noch bis Anfang Dezember werden dort Radierungen und Zeichnungen deutscher Künstler zum Thema „Italienische Landschaften der Goethezeit“ gezeigt.

Die Exponate der Dauerausstellung – Bilder, Skulpturen, Manuskripte und auch einzelne erhalten gebliebene Erinnerungsstücke – vermitteln eindrucksvoll die ungezwungene Atmosphäre, in der die deutschen Künstler hier unter einem Dach zusammen lebten. Kleine Zeichnungen zeigen Goethe beispielsweise mit angezogenen Knien auf einem Stuhl hockend beim Lesen, beim Plausch mit seinen Wirtsleuten oder auch beim Bettenmachen. In Kopie erblickt man das berühmte Tischbein-Gemälde „Goethe in der Campagna di Roma“ (das Original befindet sich im Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt) sowie die von Andy Warhol verfremdete Pop Art-Adaption dieses wohl bekanntesten Goethe-Porträts. Den Blick aus dem Fenster im ersten Stock auf die Via del Corso erlebt der Besucher heute noch genau so wie einst Goethe, als er 1787 beim Hinausschauen von hinten in Hemd, Kniebundhose und Pantoffeln von seinem Freund Tischbein skizziert wurde.

Auch die nur ein paar Schritte entfernte Piazza del Popolo hat ihr Gesicht in 200 Jahren nur wenig verändert. Das Tor, der Obelisk, den einst Augustus als Siegesbeute aus Ägypten mitbrachte, sowie die beiden barocken Kirchenkuppeln prägen bis heute das Bild der bei den Römern als Treffpunkt beliebten Piazza.

Hoch über dem Platz erhebt sich der Monte Pincio, der Stadtpark Roms, in dem das marmorne Goethe-Standbild an den Aufenthalt des Dichters in der Ewigen Stadt erinnert.  Bewegt man sich von der Casa di Goethe in Richtung Stadtmitte, gelangt man in wenigen Schritten in die Via Condotti zu einer Institution, die ihren berühmten Ruf ihren berühmten Gästen verdankt: dem Antico Caffè Greco. Auf 250 Jahre kann das geschichts-trächtigste Kaffeehaus Roms zurückblicken, das seit 1760 von einem Griechen betrieben wurde und sich schnell zum Treffpunkt der internationalen Künstlerszene entwickelte. Auch Goethe war hier Stammgast und genoß seinen Kaffee, so wie bereits vor ihm Casanova und nach ihm Lord Byron, Hans Christian Andersen, Franz Liszt, Richard Wagner und viele andere mehr, wie die Chronik des Hauses vermerkt. Wegen der vielen Deutschen, die zwischen 1780 und 1830 in Rom eine Künstlerkolonie bildeten und das Café zu ihrem Treffpunkt erkoren hatten, trug es sogar kurzzeitig den Namen „Caffè dei Tedeschi“, also „Deutsches Café“. Auch diente es als eine Art Poststation, in der sämtliche Briefe an die deutschen Künstler  abgegeben wurden. Zwischen Zuckerbüchsen eingeklemmt, lagerten sie als Päck-chen, um von jedem durchgesehen und von ihrem jeweiligen Empfänger abgeholt zu werden.

Die Räume atmen Geschichte – das spürt auch der heutige Gast. Sehenswert ist besonders die Gemäldegalerie mit Bildern namhafter Künstler, von denen es heißt, daß sie einst damit ihre über Wochen und Monate angesammelte Zeche beglichen ...

Wer sich unter kundiger Führung in Rom auf Goethes Spuren begeben möchte, kann sich einem der thematischen  Kulturrundgänge anschließen wie „Auf Goethes Spuren“, „Begegnung mit der Antike“ oder „Rom zu Goethes Zeiten“. Informationen dazu gibt es im Internet unter www.romaculta.it, zu den Veranstaltungen des Goethemuseums unter www.casadigoethe.it.

Foto: Erinnerung an einen großen Deutschen: Goethestandbild in Rom


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