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25.08.07 / Persönlicher Einsatz ist gefragt / Kunst und Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch tatkräftig mit anpacken bei Ausstellungen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Persönlicher Einsatz ist gefragt
Kunst und Kultur nicht nur konsumieren, sondern auch tatkräftig mit anpacken bei Ausstellungen
von Helen Bauers

Was machen Sie eigentlich in Ihrer Freizeit?“ Antworten auf diese Frage werden natürlich je nach Altersgruppe und persönlicher Interessenlage unterschiedlich ausfallen – die Jüngeren bevorzugen meist das Kino und die Disko, die Sportlichen gehen Surfen oder Skaten, Menschen „im besten Alter“ lieben vielleicht Tennis, Golf und das Wandern, lesen gern das sprichwörtliche „gute Buch“ oder – sie besuchen kulturelle Veranstaltungen.

Verständlich – nach einer anstrengenden Arbeitswoche braucht man Entspannung und Erholung, aber auch neue Anregungen und Abwechslung gegenüber dem Wochenalltag und seiner Routine. Die Anbieter entsprechender Möglichkeiten, Kino- und Diskobetreiber also, Sportschulen, Rastlokale für Wanderer und öffentliche Bibliotheken haben während der Freizeit anderer halt Dienst und ihre Mitarbeiter eben zu einem anderen Zeitpunkt frei. Mit Kultur, sprich der Präsentation von Kunst, verhält es sich ähnlich – Museen und Galerien öffnen auch am Wochenende, wenn potentielle Besucher frei haben, die Verantwortlichen der Einrichtungen haben dann an anderen Wochentagen ihre Freizeit. Oder?

Für staatliche Ausstellungseinrichtungen mag das zutreffen, wie aber kommen die kleinen, nicht kommerziellen Präsentationen von Kunst und Kultur zustande, die bequem, quasi gleich um die Ecke, ohne stundenlanges Anstehen und erschreckend hohe Eintrittspreise zu besuchen sind – und dennoch zum Teil Hochkarätiges an Malerei, Graphik und Bildhauerei zeigen?

„Fast immer durch das Engagement eines privaten Vereins“, weiß Dirk-Uwe Becker, 1. Vorsitzender des Kunstvereins Heide in Dithmarschen. „Wer sonst wäre bereit, unentgeltlich dafür zu sorgen, daß die Werke nicht so bekannter und deshalb weniger zugkräftiger, aber anspruchsvoller Künstler der Öffentlichkeit zugänglich und dadurch auch populärer gemacht werden?“ Also schließen sich begüterte Sponsoren und andere zahlungskräftige Förderer als Mäzene in Vereinsform zusammen? „Schön wär’s“, lacht Dirk Becker, „außer den Mitgliedsbeiträgen und gelegentlichen, nicht sehr üppigen Spenden steht uns nur die Einsatzbereitschaft der Mitglieder zur Verfügung, um etwas zu bewegen. Die Mitglieder allerdings sind überwiegend in einem normalen Brotberuf tätig, in ihrer Freizeit vielfach selbst kreativ schaffend und haben außerdem Familie, so daß für die Vereinsarbeit häufig nicht viel Kapazität übrig bleibt, weder finanziell noch hinsichtlich der verfügbaren Zeit.“

Kreativ Schaffende? Also präsentiert der Verein hauptsächlich die Exponate eigener Mitglieder? „Absolut nicht“, betont Dirk Becker, „ein wesentlicher Teil unserer Arbeit besteht darin, durch Kontakte mit Vereinen und weiteren Veranstaltern in anderen Regionen einen Austausch von Exponaten zu fördern. Allerdings ist es auch einer der Vorteile für Vereinsmitglieder, bei entsprechender Qualität und Quantität ihres Werks im Rahmen der Infrastruktur des Kunstvereins eine Einzelausstellung zu bekommen. Außerdem erhält natürlich jedes Mitglied im Zuge der Jahresausstellung die Gelegenheit, das eigene Werk zu präsentieren.“ Infrastruktur? Was ist darunter zu verstehen? „Durch die Kooperation mit dem Heimatmuseum Heide steht uns ein Ausstellungssaal im oberen Stockwerk des Museumsgebäudes zur Verfügung“, erläutert Dirk Becker, „die offene Dachkonstruktion und das sichtbare Backsteinmauerwerk bieten einen attraktiven Rahmen für die Exponate, und die Anbindung ans Museum garantiert ein Maß an Öffentlichkeit und Wiedererkennbarkeit, wie wir sie in wechselnden, immer wieder neu angemieteten Räumen möglicherweise nicht hätten.“ Wenn aber die Vereinsmitglieder so wenig Einsatz für die Vereinsarbeit zur Verfügung stellen können, wie ist dann ein regelmäßiger Ausstellungsbetrieb überhaupt zu gewährleisten? „Das funktioniert wie in jedem Verein“, schmunzelt Dirk Becker, „maximal fünf Prozent der Mitglieder machen 95 Prozent der Arbeit.“ Das klingt bitter – was bedeutet das also zum Beispiel konkret für die Vorbereitung einer Ausstellung? „Das läßt sich plastisch an unserem aktuellen Projekt darstellen: Durch Kontakte zum Kunstverein Husum und zum Buchkunst-Verlag ‚Die Quetsche‘ in Witzwort / Nordfriesland bestand die Möglichkeit, eine einzigartig konzipierte Wanderausstellung mit Drucken und Druckstökken von zeitgenössischen Holzschnitt-Künstlern aus ganz Deutschland nach Heide zu holen. Unglücklicherweise stand ich zum Ausstellungsende in Husum plötzlich ganz allein vor der Aufgabe, innerhalb von 48 Stunden (in die auch noch ein Freitag als „haupt“beruflicher Arbeitstag fiel) 44 zum Teil sehr großformatige, schwere Druckstöcke und Drucke einschließlich einiger anderer Materialien von Husum nach Heide zu schaffen, die Ausstellung räumlich zu konzipieren, den Raum entsprechend mit Stellwänden zu versehen und schließlich alle Stücke möglichst wirkungsvoll zu plazieren. Erschwerend kam dazu, daß ich nur während der Öffnungszeiten des Museums im Ausstellungssaal arbeiten konnte.“

Und wie ist so etwas ganz allein zu schaffen? „Mit einer optimistischen Grundeinstellung, einem gemieteten Transporter und eigener Muskelkraft“, lacht Becker, „und mit der spontanen Hilfe von zwei Künstlerfreunden, die jeweils an einem Tag mit angepackt haben. Nur so konnte ich die Ausstellung am Sonntagmittag mit einer kurzen Ansprache planmäßig eröffnen – ohne daß von den Improvisationen der letzten zwei Tage noch allzu viel zu bemerken war!“

So viel Verantwortung und Streß wirft die Frage auf, ob dies nicht genau die Situationen sind, in denen auch ein Kunstvereinsvorstand darüber nachdenkt, ob er in seiner Freizeit nicht lieber selber Ausstellungen besucht, ins Theater, Konzert oder Kino geht – also besser Kultur konsumiert anstatt nebenbei einen derart verantwortlichen Job zu erledigen. „Natürlich gibt es solche Phasen“, erwidert Dirk Becker mit Nachdruck, „wenn aber dann die Ausstellung steht, wenn auf der Vernissage eine anerkannte Expertin die Einführung zum Werk der Künstler gibt, wenn die stellvertretende Heider Bürgermeisterin in überzeugenden Worten den Beitrag der privaten Kunstvereine zur – vom Staat stets stiefmütterlich behandelten – Kultur dankend anerkennt, wenn an einem Sonntagmittag im August bei bestem Ausflugs- und Grillwetter die Eröffnung gut besucht wird – und einer der ausgestellten Holzschneidekünstler, der in der Region ansässig ist, zur Vernissage kommt und die Konzeption der Ausstellung lobt, dann weiß ich, daß sich die Mühe gelohnt hat – ein Mosaikstein unserer zeitgenössischen Kultur, die Bilder engagierter Künstler, ihre dahinter spürbaren Gefühle und Gedanken werden in der Öffentlichkeit beachtet, sprechen einige Menschen mehr an – das zeigt mir, daß der Zweck unseres Vereins keine Utopie und mein persönlicher Einsatz nicht sinnlos ist.“

Ein guter Grund, die eigene Freizeit anders zu verbringen als nach den Idealvorstellungen der meisten Menschen. Und vielleicht eine motivierende Anregung für alle Kunstfreunde, sich über die örtlichen Kunst- und Kulturvereine sowie deren Angebote zu informieren – und die Veranstaltungen einmal zu besuchen.

Die Ausstellung der deutschen Holzschnittkünstler Uwe Bremer, Gerhard Hermanns, Bernhard Jäger, Peter Loeding, Lothar Seruset und Klaus Süß in Heide ist noch bis zum 2. September auf der Museumsinsel Heide, Lüttenheid 40, 25734 Heide, zu sehen. Nähere Informationen über Dirk-Uwe Bekker, Telefon (0 48 36) 2 32, E-Mail:  dirk-uwe.becker@t-online.de.

Foto: Einsatz in der Freizeit: Der 1. Vorsitzende des Kunstvereins Heide, Dirk-Uwe Becker, muß selbst mit anpacken, bis die Ausstellung steht.


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