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25.08.07 / Und überall ist Mutter / Viele Eltern wollen auch aktiv an den Entscheidungen ihrer erwachsenen Kinder mitwirken

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Und überall ist Mutter
Viele Eltern wollen auch aktiv an den Entscheidungen ihrer erwachsenen Kinder mitwirken
von Rebecca Bellano

Zu unrealistisch und übertrieben, so das Fazit bezüglich des neuen Kinofilms mit Diane Keaton. In „Von Frau zu Frau“ spielt die 61jährige Oscar-Preisträgerin, die vor allem durch ihre Arbeiten mit „Stadtneurotiker“ Woody Allen bekannt wurde, eine alleinlebende Mutter von drei erwachsenen Töchtern. Ihr erster Griff, wenn sie von der Arbeit nach Hause gekommen ist, geht zum Telefon, um nach und nach ihre Töchter anzurufen und nach ihrem Wohlbefinden zu befragen. Natürlich meint Mutter Daphne es nur gut, doch ihre inzwischen ziemlich flügge gewordenen Küken fühlen sich von der Über-Mama eingeengt.

Diane Keaton spielt die überengagierte Mutter, die ihr letztes noch unverheiratetes Töchterchen Milly unter die Haube bekommen will, sehr überzeugend. Natürlich wird im Film ein wenig übertrieben, aber der Kern ist durchaus realistisch.

„Meine beiden Schwestern und ich können nur von Glück sprechen, daß unsere Mutter noch nichts von Telefon-Konferenzschaltungen gehört hat und auch in Sachen Internet nicht so fit ist wie die Daphne im Film“, so die 29jährige Kinobesucherin Sandra. Ein täglicher Anruf ihrer Mutter pro Tochter sei normal. Die meisten Nachrichten auf den Anrufbeantwortern der drei jungen Frauen stammten von ihrer Mutter.

An der Reaktion der Kinobesucher ist schnell zu erkennen, daß die meisten von Daphnes Verhalten und ihrem Versuch, für ihre Tochter über das Internet einen Mann zu finden, der ihren, nicht Millys Wünschen entspricht, angenervt sind. Die Tatsache, daß die im Film 60jährige sich herausnimmt, besser zu wissen, was für ihre über 30jährige Tochter gut ist, wird von den Kinobesuchern lautstark abgeurteilt. Doch die Gründe, warum Daphne so in der Sorge um das Wohl ihrer Töchter aufgeht, bringt Diane Keaton in ihrem Spiel zu Tage. Denn neben ihren besten Wünschen für das Leben ihrer Töchter, ihrer dominanten Besserwisserei, ihrer unangebrachte Kritik und ihrem Kontrollzwang leidet sie unter der Tatsache, daß sie kein eigenes Privatleben hat.

„Viele Mütter haben ein Problem damit, sich wieder auf sich selbst zu konzentrieren, nachdem sie mehrere Jahre voll und ganz in der Mutterrolle aufgegangen sind“, so die psychologische Erklärung. Wer über Jahrzehnte sich überall mit den Worten „Ich bin die Mutter von …“ bei Schulveranstaltungen, Freunden der Kinder und anderen Freizeitaktivitäten vorstellte, hat ein Problem, wenn diese identitätsstiftende Erklärung wegfällt, plötzlich nur noch man selber zu sein, sein Leben nicht mehr über die Termine der Kinder, sondern anhand eigener Vorstellungen zu planen.

Die Daphne im Film hat keine Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben selber planen soll. Da sie auch keinen Partner an ihrer Seite hat, ist sie ziemlich orientierungslos, doch da sie sich dies nicht eingestehen will, fixiert sie sich auf ihre Töchter. Die erkennen zwar das Problem ihrer Mutter, trauen sich aber nicht, ihr gegenüber ehrlich zu sein, denn wer will schon die eigene Mutter verletzen?

Gerade in Zeiten hoher Scheidungsraten gibt es immer mehr alleinerziehende Mütter, deren Leben sich nur um das Wohl ihrer Kinder gedreht hat. Sind diese groß, wirft es viele von ihnen aus der Bahn. Viele Eltern trennen sich auch erst, wenn die Kinder aus dem Haus sind, da diese häufig zu der einzigen Verbindung zueinander geworden waren. Fällt diese Verknüpfung weg, zerbricht die Ehe, doch was dann?

Einigen Kindern, die oft genug eigene Probleme in Sachen Beruf und Partnerschaft haben, fehlt dann das nötige Verständnis für die Lage des sich an sie klettenden Elternteils – es müssen schließlich nicht immer nur Mütter sein, auch Väter können überpräsent sein –, sie reagieren abweisend. Andere hingegen – so wie die drei Töchter im Film – wollen ihre Mutter nicht verletzen und lassen sie gewähren, was dazu führt, daß Daphne sich immer mehr in die Lebensplanung ihrer Töchter wirft.

Während im Film sich alles zum Guten wendet, indem die von Diane Keaton gespielte Übermutter einen neuen Mann kennenlernt, der ihr die Augen dafür öffnet, daß ihre Töchter alt genug sind, um ihre Entscheidungen endlich selbst zu treffen, bietet das wahre Leben selten derartige Wendungen. Demzufolge hilft freundliches Tolerieren der Einmischungsversuche nicht. Falsche Rücksichtsnahme führt zu nichts.

„Wie soll ich meiner Mutter erklären, daß Ratschläge wie ,Das ist ja typisch, daß gerade dir das passiert ist. Du hättest lieber …‘ oder ,Sei nicht immer so wählerisch, so wird das nie was mit den Männern‘, anhand der Tatsache, daß ihre Lebensführung keineswegs als Vorbild dienen kann, von ihrer Seite her nicht angebracht sind“, so die erwachsene Sandra. Da helfe nur Fingerspitzengefühl und auch wenn es ermüdend sei, müßten beide Seiten da durch.

Eine neue Aufgabe muß her, eigene Interessen nach Jahrzehnten des Unterdrückens wieder entwickelt und ausgebaut werden.

Es muß Spaß machen, mit der Mutter zu telefonieren.

Die Phase, wo die Mutter-Kind-Beziehung aufgrund der Pflegebedürftigkeit des Elternteils sich weiter anspannt, kommt noch früh genug. Zwischen 50 und 70 Jahren haben die meisten aber noch viele gute Jahre vor sich und es bieten sich viele Möglichkeiten.

Foto: Nervige Übermutter: Diane Keaton (2.v.l.) in „Von Frau zu Frau“


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