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25.08.07 / Ein altes Versprechen / Russin wartet seit Jahrzehnten auf ihren in den Krieg gezogenen Liebsten

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Ein altes Versprechen
Russin wartet seit Jahrzehnten auf ihren in den Krieg gezogenen Liebsten

In dem Roman „Die Frau vom Weißen Meer“ erzählt Andrei Makine die Geschichte eines jungen Schriftstellers aus Leningrad, der in das kleine Dorf Mirnoje am Weißen Meer reist, um eine Reportage zu schreiben, und dabei unversehens in den Bann der schönen Landschaft und der geheimnisvollen Vera gezogen wird.

Was für den jungen Mann den besonderen Reiz an der um einige Jahre älteren Vera ausmacht, ist allerdings nicht ihre Schönheit oder Klugheit, sondern ein Versprechen, das sie vor 30 Jahren ihrer großen Liebe gab, nämlich solange auf ihn zu warten, bis er aus dem Krieg wiederkäme.

Immer wieder laufen sich die beiden über den Weg und immer wieder sind diese Begegnungen von einer ganz besonderen Stimmung und einer seltsam surrealen Atmosphäre geprägt. 

„An einem Tag im September begegnete ich ihr an derselben Stelle wie beim ersten Mal: im Weidendickicht am Seeufer. Die Zweige hatten bereits ihre Blätter verloren, der rote Lehmboden der Böschung war gestreift von dem stumpfen Goldton. Sie trug ihren alten Kavalleriemantel, derbe Stiefel und versuchte ein Boot ins Wasser zu schieben ... ,Kann ich Ihnen helfen?‘ Sie richtete sich auf, lächelte mir zerstreut zu wie durch ein von Erinnerungen mattgeschliffenes Glas und willigte ein.“

Mit viel Poesie beschreibt Andrei Makine die Umgebung des Schriftstellers, seine Zusammenkünfte mit Vera und das Dorf Mirnoje.

Fast schon märchenhaft, würde er nicht den Leser von Zeit zu Zeit auf den harten Boden der Realität zurückholen.

„Die Verwirklichung meines Vorhabens, eine Satire zu schreiben, stellte sich ebenfalls als schwierig heraus. Ich hätte gerne vom grotesken System der Kolchosen erzählt, von der allgemeinen Betrunkenheit, während Dörfer mit erbaulichen Slogans beschallt wurden. Aber die Dörfer waren einfach nur verlassen oder ausgestorben, auf einen Überlebenskampf beschränkt, der sich kaum von der Steinzeit unterschied ... Ich hatte gehofft, in diesem verlorenen Winkel des russischen Nordens die Sowjetepoche in komprimierter Form vorzufinden, einer Karikatur dieser zugleich messianischen und stehengebliebenen Zeit. Aber in diesen Dörfern, die nach dem Untergang des Regimes, nach dem Fall des Imperiums zu existieren schienen, war die Zeit einfach nur abwesend.“

Sehr bildhaft stellt der Autor die negative Stimmung des Großteils der Bevölkerung in Rußland zur Zeit des Kalten Krieges dar.

Der Wunsch der Jugend in den Westen zu fliehen, nach Europa oder Amerika, das Land der, wie sie dachten, unbegrenzten Freiheiten und Möglichkeiten, raus aus dem reglementierten und durch Verbote beschränkten Leben in Rußland, wurde zum weithin spürbaren Traum.

Doch neben all den politischen Irrungen und Wirrungen gewinnt in diesem Roman die Romantik eindeutig immer wieder die Oberhand.

„Da ertönte in der abgeklärten Mitternachtsstille ein dumpfes Geräusch wie von einer Tür, die in der Ferne aufgestoßen wird. Ich ging hinaus und sah gerade noch Licht im Eingang des kleinen Badehauses am Abhang zum See ... Ich marschierte los ohne zu wissen wohin ... sehr schnell jedoch fand ich mit schlafwandlerischer Sicherheit den Weg zu der kleinen Isba ... Das Gefühl, daß ich hier absolut nichts zu suchen hatte und doch aus unerfindlichen Gründen einfach hier sein mußte ... In diesem Augenblick ging die Tür auf. Die Frau, die herauskam, war nackt: Sie verließ den Brutofen, trat auf die kleine hölzerne Freitreppe hinaus und sog nun die frische Seeluft ein. Das blasse Mondlicht verwandelte sie in eine bläuliche Statue aus Glas ...“

Ein Roman voller blumiger Worte und poetischer Beschreibungen, bei dem der Leser die zunächst unerwiderte Zuneigung und Verehrung, welche der junge Schriftsteller für die unnahbare Vera empfindet, schon fast körperlich spüren kann. A. Ney  

Andrei Makine: „Die Frau vom Weißen Meer“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2007, geb., 189 Seiten, 18,95 Euro, Best.-Nr. 6320


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