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25.08.07 / Blick ins Innerste / Ein Pole über das Deutschland der 30er Jahre

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Blick ins Innerste
Ein Pole über das Deutschland der 30er Jahre

Antoni Graf Sobanski war ein 1898 geborener polnischer Intellektueller mit einer guten Beobachtungsgabe. Und so schrieb er für mehrere Publikationen längere Reportagen. Seine Reisen führten ihn auch nach Deutschland, wo er seinen polnischen Landsleuten die Entwicklungen der Jahre 1933 und 1934 beschrieb. Erst kürzlich sind die Reportagen wieder aufgetaucht und wurden sogar ins Deutsche übersetzt. In „nachrichten aus berlin“ ist jetzt nachzulesen, was Graf Sobanski auf seinen Reisen durch Deutschland erlebte.

„Deutschland ist immer noch ein ideales Land zum Reisen. Außer im Zentrum großer Städte kommt man überall preiswert unter. Die gutmütige Freundlichkeit des einzelnen Deutschen einem Ausländer gegenüber hat nichts von ihrem gewohnten Charme verloren“, schrieb Sobanski 1933 und meinte, daß sogar Juden unbesorgt durch Deutschland reisen könnten. Ein Jahr später bezeichnet er die Lage der Juden in Deutschland allerdings schon als weniger günstig. Während er 1933 Veränderungen bemerkt und sie noch als amüsant und liebenswürdige Marotten deutet, bemerkt er 1934 schon eine Fanatisierung und Gleichschaltung.

Als herzlich beschreibt er die Damen des Kölubu, des Königin-Luise-Bundes. Die Einheitstracht der „Hitler’schen Mädelsorganisation“ bedauert er allerdings, da die armen Mädchen „scheußlich“ aussehen.

Auch trifft er sich mit alten Bekannten. Kurt, zuvor arbeitslos, hat bei der SA eine neue Aufgabe gefunden. Begeistert lobt er seine neue Tätigkeit. „Jeder Deutsche sei doch erzogen in einer Tradition der Hochachtung der Arbeit und ihrer unabdingbaren Notwendigkeit. Zumeist sei er zudem gesund und voller Tatendrang. Das Fehlen einer Beschäftigung sei erniedrigend und komme physischer Tortur gleich.“

Offenbar scheint es vielen Deutschen so zu gehen, denn Sobanski trifft zahlreiche Personen, die selbst für einen Hungerlohn bereit sind, der Gemeinschaft zu dienen, um ihrem Elend der Arbeitslosigkeit zu entkommen. All dies führe dazu, daß Deutschland einen Aufschwung erlebe, der den Lebensstandard aller erhöhe. Allerdings erkennt der Graf auch schnell den Preis, den nicht nur die Juden, sondern auch die Deutschen zu zahlen haben. Zeitungen meldeten nur noch regimekonforme Nachrichten, eigene Meinungen würden genauso gleichgeschaltet wie Gewerkschaften, Kirchen und Vereine, Terror beeinträchtige das Leben. Doch: „Ausländische Journalisten in Berlin äußerten mir gegenüber mehrfach die Meinung, die Terrorakte seien eine Übergangserscheinung und daher kein Anlaß zur Besorgnis und nicht berichtenswert.“

Anfangs findet es der Pole noch drollig, daß es Läden gibt, die plötzlich zu 90 Prozent nur noch Konterfeis des Führers in ihrem Sortiment haben, doch ein paar Monate später vergeht ihm das Lachen aufgrund der sich abzeichnenden Gewaltwelle.

1941 stirbt der inzwischen für die BBC in London tätige Journalist an einem Lungenleiden. Er hat nie erfahren, daß seine Beobachtungen Entwicklungen beschreiben, die zum Tode von Millionen Menschen geführt haben. Ob Krieg oder Judenvernichtung, Sobanski hilft zu verstehen, wie es von deutscher Seite dazu kommen konnte. Dabei besticht er durch eine unerwartete Sympathie für die Deutschen, auch wenn er ihr Verhalten teilweise aufgrund seines intellektuellen Gehabes ein wenig spöttisch von oben herab beurteilt.         R. B.

Antoni Graf Sobanski: „nachrichten aus berlin“, parthas, Berlin 2007, geb., 250 Seiten, 19,80 Euro, Best.-Nr. 6321


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