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25.08.07 / »… bleib’ nicht so lange fort …« / Ortelsburgs Heimatvertriebene und -verbliebene freuen sich schon jetzt auf das Wiedersehen nächstes Jahr

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

»… bleib’ nicht so lange fort …«
Ortelsburgs Heimatvertriebene und -verbliebene freuen sich schon jetzt auf das Wiedersehen nächstes Jahr

Es waren nicht nur Ortelsburger, die den Bus an den Zusteigepunkten bestiegen. Einige hatten überhaupt keine Bindungen zu Ostpreußen, und die Altersspanne reichte von 18 bis 80 Jahren. Um es vorwegzunehmen, in kurzer Zeit bildete sich wie immer auf den Fahrten der Kreisgemeinschaft Ortelsburg eine harmonische und fröhliche Gemeinschaft, die auch bei trübem Wetter ihre gute Laune nicht verlor.

Die Hinfahrt führte zunächst nach Breslau, das die Kriegszerstörungen gut überwunden hat, wie die Führung durch die kenntnisreiche Stadtführerin erkennen ließ. Chaotisch war jedoch die Organisation in der Unterkunft in Bezug auf das Frühstück und Abendessen. Die jungen Bedienungskräfte waren sichtlich überfordert. Hilfreich war in dieser Situation die tüchtige Ehefrau des Busfahrers Johann, eine gebürtige Polin, welche die Gruppe im Bus versorgte und auch ansonsten tatkräftig half, soweit dieses überhaupt möglich war.

Weiter ging es nach Warschau, wobei in Tschenstochau ein längerer Stop eingelegt wurde, um das Nationalheiligtum Polens, die Schwarze Madonna, aufzusuchen. Das Hotel Campanile in Warschau entschädigte die Reisenden hinsichtlich Sauberkeit und Organisation für das Chaos in Breslau. Erstklassig war der Stadtführer Plewb, ein jüngerer historisch gebildeter Pole, der auch auf verzwickte Fragen stets eine überzeugende, objektive Antwort wußte.

Auf der Weiterfahrt in Richtung Ortelsburg wurde beim Erreichen der alten Reichsgrenze und damit zugleich des Kreises Ortelsburg bei Flammberg ein Waldparkplatz angefahren. Zeitgleich traf verabredungsgemäß eine kleine Abordnung des deutschen Kulturvereins „Heimat“ aus Ortelsburg mit einem Akkordeon ein. Alle Fahrgäste stiegen aus, Liedertexte wurden verteilt, Becher wurden mit Bärenfang gefüllt und Ortelsburgs Kreisvertreter Edelfried Baginski erinnerte mit launigen Worten an die Vorfahren, die baltischen Prussen, die hier gelebt haben, und an deren Götter, die mit einem Toast geehrt wurden. Danach sang die ganze Schar mit Akkordeonbegleitung das alte Lied „Kehr ich einst zur Heimat wieder…“, und zum Schluß erklang in dem herrlichen Kiefernwald das Ostpreußenlied „Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen …“. Die Zimmerverteilung im Waldhotel „Lesna“ in Ortelsburg ging schnell vonstatten, und zum guten Abendessen begrüßte die Hotelchefin, Agatha Bogdahn, ihre Gäste mit einem milden Honiglikör.

Für den nächsten Tag stand eine Masurenrundfahrt auf dem Programm. Sie führte zunächst zu dem schönsten Flüßchen Masurens, zur Krutinna. Einige der Fahrgäste nutzten trotz des trüben Wetters die Gelegenheit zu einer Stakerfahrt und genossen dabei die Stille und die herrliche Natur. Es ging weiter nach Nikolaiken mit den reichhaltigen Bernsteingeschäften und der vielfältigen Gastronomie. Natürlich wurde auch der angekettete Stinthengst nicht übersehen. Das eindrucksvolle Kloster Heiligelinde mit dem dort stattfindenden Orgelkonzert war vor allem für diejenigen, die zum ersten Male dort waren, ein Erlebnis. Durch die schöne masurische Landschaft fuhr man dann zum Dörflein Zondern, wo Christel Dikti die Reisenden auf ihrem Bauernhof schon mit Kaffee und Kuchen erwartete. Christel Dikti stammt aus Neu Leschienen im Kreis Ortelsburg und hat nach schlimmen Erlebnissen bei Kriegsende durch ihre Tatkraft und mit ihrem unbesiegbaren Humor den Bauernhof und das dazugehörige Bauernmuseum gestaltet und ausgebaut. Mancher ihrer Gäste fühlte sich angesichts der alten Geräte, Zimmereinrichtungen und Werkzeuge an seine Kindheit in der Heimat erinnert. Während des Kaffeetrinkens unterhielt sie ihre Landsleute mit Witzen und lustigen Erzählungen, wofür sie oft schallendes Gelächter erntete.

Der nächste Tag – ein Sonnabend – gab Gelegenheit, das sehenswerte Heimatmuseum in Ortelsburg aufzusuchen, den Rathausturm zu besteigen, von dem man einen guten Überblick über die Stadt und Umgebung hat, sowie sich auf dem Wochenmarkt mit Kirschen, Blaubeeren und anderem frischen Obst zu versorgen. Ein Teil der Gruppe suchte den deutschen Kulturverein in seinen neuen Räumen in der Bartna Strona 3 (ehemals Horst-Wessel-Straße) auf, welche der Verein bezogen hat, nachdem er die Räume auf dem Kirchhof wegen des Eigenbedarfs von Pfarrer Dr. Tschirschnitz hatte räumen müssen. Der Kulturverein hat sich in den neuen Räumen gut eingerichtet und begrüßte die Besucher mit einem Willkommensgetränk.

Traditionsgemäß hatte Baginski die Angehörigen des deutschen Kulturvereins am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen in das Hotel Lesna eingeladen. Und es ist ebenso Tradition, daß dabei die alten deutschen Volkslieder mit Akkordeonbegleitung gesungen wurden – ein Zeichen der Gemeinsamkeit und untrennbaren Verbindung der Heimatvertriebenen zu ihren in der Heimat lebenden Landsleuten und zur gemeinsamen deutschen Kultur. Die Heimatverbliebenen freuen sich schon auf das Wiedersehen bei der Auszahlung der Bruderhilfe im Oktober dieses Jahres und beim gemeinsamen Singen im nächsten Jahr.

Am Sonntag erlebte die Reisegruppe einen deutsch-polnischen Festgottesdienst in der renovierten evangelischen Kirche in Ortelsburg aus Anlaß des Besuches des Kirchenchores aus Düsseldorf-Wersten mit sieben jungen Posaunenbläsern, der sich auf einer Begegnungs- und Konzertreise in Masuren befand. Die Reise, zu der Besuche in Allenstein und Passenheim ebenso gehörten wie in Schiemanen und eben Ortelsburg, hatte der Ortelsburger Klaus Lorenz organisiert und wurde von Pfarrer Georg Kraft begleitet. Im Anschluß an den Festgottesdienst lud der Chor zu einem gastlichen Miteinander auf dem Kirchhof, eine Einladung, die gebührend angenommen wurde.

Am Nachmittag folgte Baginski einer Einladung der neuen Bürgermeisterin von Ortelsburg, Danuta Gorska, in das Rathaus. Anwesend waren auch der neue Landrat Jaroslaw Matlach, ein Stadtinspektor und eine Dezernentin sowie von deutscher Seite die Schatzmeisterin der Kreisgemeinschaft, Helga Frankiewicz, und der Vorsitzende des deutschen Kulturvereins, Edmund Kucinski, der zugleich als Dolmetscher fungierte. Der Besuch diente in erster Linie dem gegenseitigen Kennenlernen. Wie auch in den vergangenen Jahren lud der Kreisvertreter die Bürgermeisterin und den Landrat zum Ortelsburger Kreistreffen am 16. September dieses Jahres nach Herne ein.

Der Grillabend vereinte die Reisegesellschaft mit dem Vorstand des Kulturvereins. Nachdem man von der guten Küche des Hotels Lesna reichlich verwöhnt worden war, hatten alle die richtige Stimmung zum Singen und Schunkeln nach den Klängen des Akkordeons.

Am Montag besuchte die Gruppe die älteste evangelische Kirche Masurens in Passenheim wo der Pfarrer Twardzik die wiederhergestellte Orgel und das innen renovierte Kirchenschiff vorstellte. Dringend erforderlich ist die Außenrenovierung, weil Wasser in das Mauerwerk eindringt. An Plänen für die Restaurierung wird gearbeitet. Zugleich werden Geldgeber für die hohen Kosten gesucht. Hilfe wurde bereits von verschiedenen Stellen, so unter anderem vom Gustav-Adolf-Werk, von der Landsmannschaft Ostpreußen und von der Kreisgemeinschaft Ortelsburg zugesagt. Nach einer Stadtrundfahrt in Allenstein war noch Zeit für einen Stadtbummel, bevor es dann weiterging zum Reiter- und Pferdehof Marengo. Am Hoftor wurden die Reisenden mit Musik und einem geistigen Getränk, dar- beziehungsweise angeboten von hübschen in Trachten gekleideten Mädchen, empfangen. Es schlossen sich Kutschfahrten durch Wald und Wiesen mit Akkordeonmusik an und danach die freundliche Bewirtung mit Speisen und Getränken. Höhepunkte waren die folkloristischen, fröhlichen Tanzvorführungen, in die auch die Gäste einbezogen wurden.

Am nächsten Morgen wurden bei strömendem Regen die Koffer in den Bus verladen, und es ging über Allenstein, Osterode, Thorn und Gnesen zur Zwischenübernachtung im ausgezeichneten Hotel SEN in Swiehodzien. Der letzte Reisetag brachte die Gruppe nach kurzem Grenzaufenthalt zu den Aussteigepunkten der Reiseteilnehmer, die stets mit dem bekannten Schlager ,,Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn, bleib’ nicht so lange fort …“ verabschiedet wurden. Ein Zeichen für den guten Geist und den Zusammenhalt in dieser zufälligen Busgemeinschaft.        E. B.

Auch im Jahre 2008 will die Kreisgemeinschaft Ortelsburg wieder Busreisen durchführen – am 9. Mai zum Deutschlandtreffen der Ostpreußen in Berlin und vom 14. bis 23. Juli sowie vom 18. bis zum 27. August nach Ortelsburg. Nähere Informationen erteilen gerne der Kreisvertreter Edelfried Baginski, Schweidnitzer Straße 21, 45891 Gelsenkirchen, Telefon (02 09) 7 20 07, und der Geschäftsführer Manfred Katzmarzik, Am Kirchenfeld 22, 44357 Dortmund, Telefon (02 31) 37 37 77.

Foto: Besuch des Kreisvertreters bei der Bürgermeisterin im Rathaus von Ortelsburg: Justyna Kordek-Bogdanska, Jaroslaw Matlach, Bürgermeisterin Danuta Gorska, Kreisvertreter Edelfried Baginski, Helga Frankiewicz und Edmund Kucinski (v.l.n.r.)


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