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25.08.07 / Das kleine Haus / Erinnerungen an die Kindheit prägen den Menschen der Gegenwart

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

Das kleine Haus
Erinnerungen an die Kindheit prägen den Menschen der Gegenwart
von H. Patzelt-Hennig

Es gab ein kleines Haus, das sich aus meiner Sicht mit keinem zweiten auf der Welt vergleichen läßt. Es ist das Haus meiner Großeltern, das in einem Dorf an der Memel stand. Meine Träume führen mich oft zu ihm. Ich gehe in Gedanken die grandige, von wogenden Birken gesäumte Chaussee entlang, die zum Dorf führt, und sehe es etwas abseits davon liegen. Den Zufahrtsweg begrenzen stämmige alte Weiden, und am Hoftor grüßt ein riesiger Fliederbusch.

Dann stehe ich vor der Tür. Tief neigt sich das dicke Strohdach herab. Es ragt weit über die zierlichen sechsscheibigen Fenster. Aus der Mitte des Daches dringt ein üppiger Schornstein hervor, der in seinem Innern, vom Dachboden aus zugänglich, eine geräumige Räucherkammer birgt. An der sauber verarbeiteten Holzverschalung des Hauses rankt eine blaue Klematis empor. Das Natursteinfundament der Hofseite ist heiß von der Sonne. Die blütenweißen gestärkten Voilegardinen sind nach dem Frühjahrsputz neu aufgesteckt worden, und auf den lackierten Fensterbänken stehen Myrten.

Wenn man die Haustür öffnet, duftet es nach Spirgel. Der gekalkte, mit etwas Waschblau eingetönte Flur ist ständig von abgestellten Holzschlorren „besiedelt“, und die Katze hat hier ihr Milchschälchen stehen. Vom Flur führt eine Leitertreppe auf den Dachboden, die sogenannte Lucht. Dort steht ein riesiger alter Schrank, der Schätze enthält  ähnlich denen eines Museums. Da gibt es Reifröcke, Perlentäschchen mit Seidenfransen, Zylinderhüte und Vatermörder, vergilbte Bilder aus kaiserlicher Zeit, ledergebundene Tagebücher, Poesiealben, Schleierreste, Josten- und  Schleifenbänder und viele andere persönlichen Dinge. Auch eine alte Wiege steht auf dem Boden. Und ein sehr alter Puppenwagen wie auch ein glanzloses Steckenpferd.

Geht man im  Hausflur geradeaus, gelangt man in die anheimelnde kleine Küche, die zu einem beträchtlichen Teil von dem riesigen Küchenherd beherrscht wird mit  seiner  beachtlichen Vielseitigkeit. Er hat neben mehreren Feuerstellen mit verschiedenen großen herausnehmbaren Gußeisenringen, die den Kochtopfgrößen entsprechen, auch ein Wasserbassin, in dem es Tag und Nacht heißes Wasser gibt. Außerdem ist auf der Herdplatte genügend Platz, um etwas warm zu halten. Im unteren Teil dieses Giganten  befindet sich ein großer Backofen. Dann gibt es in der kleinen Küche noch einen halbhohen Schrank, über dem ein offenes Wandregal hängt, in dem Teller glänzen. Und das sind keine Zierteller; es ist das Gebrauchsgeschirr.

Auf einer langen Bank neben dem Schrank stehen zwei Eimer mit Brunnenwasser. Ein kleines Bord mit dem Wecker und einigen hübschen Blechdosen ziert die Ecke am Fenster. Manchmal leuchtete von dort auch, hastig abgestellt, die rote Zichorinrolle. Dann gab es hier noch Tisch und Stühle und den Schemel am Herd. Er wurde gern genutzt, um sich aufzuwärmen, war ähnlich begehrt in der kalten Jahreszeit wie die Ofenbank in der kleinen Stube. Hier war es äußerst behaglich, wenn das Feuer im Ofen prasselte, die Wärme wohltuend in den Rücken strömte und aus der Röhre die Bratäpfel dufteten. Manchmal wurde von der Ofenbank aus auch das Spinnrad gedreht, dessen leises Surren zusätzliche Behaglichkeit vermittelte. Die Dielenböden der Stuben zierten handgewebte Flickerdecken in erregend bunten Farbstreifen. Auch auf dem großen ovalen Tisch in der guten Stube lag eine handgewebte Decke, deren lange Fransen die beiden immer verschlossenen Schubfächer nicht einmal ahnen ließen. Versperrt war auch der Glasschrank mit dem zierlichen Porzellan, in dem manche Leckerei zu finden gewesen wäre, wenn man – ja, wenn man gewußt hätte, wo der Schlüssel lag. Der große Kleiderschrank war dagegen immer offen. Aber darin waren für mich nur die vielen Sonntagsblusen der Großmutter interessant, die so selten angezogen wurden.

Auf dem Tischchen vor dem großen Spiegel mit dem schnörkeligen Mahagonirahmen lagen die Bibel, das Predigtbuch und die Gesangbücher bereit. Sonntags wurde damit Hausandacht gehalten, wenn man nicht in die Kirche fuhr, und mitunter las auch einer oder der andere aus der Familie abends darin.

Zum Sonntag und zum Feiertag gehörte der Gottesdienst, und eingehalten wurden auch die feiertäglichen Traditionen. Was sich in dem kleinen Haus besonders zu Pfingsten zeigte, wenn unter jedem dicken Eichenbalken der Stubendecken ganze Bündel von Birkengrün steckten. Gemäß der biblischen Aufforderung: Schmücke das Fest mit Maien!

Die mir willkommenste Tradition aber war, daß ich zu Ostern in die kleine Stube eine Schaukel  eingehängt bekam. Sie wurde dort alljährlich einige Zeit vor diesem Fest an einem der Deckenbalken befestigt. Und ich fand auf dem Sitzbrett, die ganze Osterzeit lang, an jedem Morgen einen buntverpackten Bonbon. Glücklicherweise auch am Karfreitag, dem Tag, den ich nicht mochte. Wir pflegten ihn in stiller Frömmigkeit zu verbringen. Ich meinte, am Karfreitag war der Bonbon auf der Schaukel die einzige Freude, die mir blieb. Nur die Hoffnung auf den Osterhasen, der am zweiten Feiertag  zu erwarten war, tröstete mich. Trotzdem schien mir der Karfreitag immer unendlich lang.


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