© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 34-07 vom 25. August 2007

In Stalin fand Alexander I. seinen Meister
Während der Zar nur Moskau anstecken ließ, galt der »Fackelmännerbefehl« des roten Diktators für ganze Landstriche
von Hans-Joachim von Leesen

Zu den nicht eben wenigen Legenden, die sich im Laufe der Jahrzehnte um die Geschichte des Zweiten Weltkrieges, hier speziell um das meist negative Verhalten der deutschen Wehrmacht, gesponnen haben, gehört die Behauptung, die umfangreichen Zerstörungen in der Sowjetunion seien allein durch die Deutschen verursacht worden. Sie hätten systematisch in der UdSSR die Politik der „verbrannten Erde“ angewendet, das heißt jedes Wohnhaus, jedes Bauernhaus, jedes Fabrikgebäude, jedes öffentlichen Institutionen dienende Haus, in die Luft gesprengt oder verbrannt. Elektrizitätswerke, Gleisanlagen der Eisenbahn, Silos, Erntevorräte, Magazine seien von der Wehrmacht im Rahmen des angeblich vom Deutschen Reich geführten „Vernichtungskrieges“ gegen die „ostischen Untermenschen“ vernichtet worden. So reagierte denn auch vor kurzem ein Leser der Preußischen Allgemeinen Zeitung auf die Veröffentlichung eines Leserbriefes, in dem die Sowjetregierung für die Politik der „verbrannten Erde“ verantwortlich gemacht worden war. Diese Behauptung, so ein Leser, sei „Blödsinn“ gewesen, den die PAZ nicht hätte veröffentlichen dürfen, denn es sei doch allgemein bekannt, daß es die Deutschen waren, die die Erde „verbrannt“ hätten. Tatsächlich wurde die Politik der „verbrannten Erde“ zuerst von der Roten Armee auf Befehl der sowjetischen Führung verwirklicht. Die deutschen Truppen stießen bei ihrem Angriff sehr schnell weit in die Sowjetunion hinein. Die Sowjetregierung gab daraufhin die Anweisung, die Eisenbahnanlagen zu zerstören ebenso wie Fabriken, Kraftwerke, Industrieanlagen, Getreidevorräte, landwirtschaftliche Geräte. Das gelang in großem Umfang. Um den deutschen Soldaten jede Unterkunftsmöglichkeit zu nehmen, wurden alle Bauernhäuser, Katen und Hütten verbrannt, was besonders im Herbst und vor allem im harten Winter 1941/42 für alle Betroffenen schlimme Folgen hatte. Zu den Leidtragenden gehörten allerdings nicht nur die Soldaten der Wehrmacht, sondern auch die Kriegsgefangenen, die in den ersten Kriegsmonaten zu Millionen in deutsche Hand gefallen waren, sowie die russische und ukrainische Zivilbevölkerung. Allgemein bekannt geworden ist der „Fackelmänner-Befehl“, der von Josef Stalin angeordnet worden war.

Der Stavka-Befehl Nr. 0428 vom 7. November 1941 verfügte, alle „Siedlungspunkte“ im Hinterland der deutschen Truppen seien in einer Tiefe von 60 Kilometer von Partisanen systematisch zu zerstören. Dazu sollten neben Luftwaffe und Artillerie auch „Jagdkommandos“ der Partisanen (kleinere Einheiten in einer Stärke von 20 bis 30 Mann) hinter den deutschen Linien operieren, um auch das noch zu zerstören, was beim schnellen Vordringen der Wehrmacht von den regulären Vernichtungstrupps der Roten Armee nicht hatte vernichtet werden können. (Näheres siehe in den „Vierteljahresheften für Zeitgeschichte“ 4/2000.) So fanden die vorrückenden deutschen Truppen eine Wüste vor, zumal auch nach der Einnahme durch die Wehrmacht in ihrem Rücken Partisanen das Vernichtungswerk fortsetzten. Welchen Grad die sowjetischen Zerstörungen erreicht hatten, geht auch aus dem Buch von W. P. und Zelda K. Coates „Vom Interventen zum Alliierten 1917–1942 – Die Geschichte der englisch-sowjetischen Beziehungen“ hervor. Dessen deutsche Übersetzung erschien 1959 im Ost-Berliner Ratten & Loening Verlag. Das Buch, ganz im kommunistischen Geist und im Interesse der Sowjetunion geschrieben, berichtet unter anderem von einer Begegnung des sowjetischen Botschafters in London Maiski mit dem britischen Außenminister Eden zu einem Frühstück in London am 21. November 1941. Die beiden Politiker beschworen in Reden die britisch-sowjetische Waffenbrüderschaft. Der sowjetische Botschafter schilderte die „vielen Schwierigkeiten“ der letzten fünf Monate und sagte: „Wir mußten Millionen und aber Millionen unserer Zivilbevölkerung evakuieren, wodurch unvermeidliche Unannehmlichkeiten, Härten und Leiden für unser Volk verursacht wurden. Infolge der konsequenten Durchführung der Politik der ,verbrannten Erde‘ mußten wir mit eigenen Händen – und das war vielleicht eine der tragischsten Seiten der Situation – viele der stolzesten Schöpfungen unserer Fünfjahrespläne zerstören, alle jene großen Industrieanlagen, Kraftwerke, prächtigen Gebäude und so weiter, die überall in der Sowjetunion mit Hilfe der heldenhaften Anstrengungen und großen Opfer des gesamten Volkes entstanden waren.“

Kaum bekannt ist es, daß Deutschland dann daran ging, ein umfangreiches Wiederaufbauprogramm einzuleiten. Das war zwingend notwendig, weil sonst weder die weißrussische, ukrainische und russische Bevölkerung noch die Wehrmacht im Lande hätte ernährt und versorgt werden können. Notgedrungen unverwirklicht blieb der Plan, aus den jetzt verwüsteten ehemaligen landwirtschaftlichen Überschußgebieten Nahrungsmittel nach Deutschland zu transportieren. Der Münchener Historiker Walter Post hat darüber in dem 1999 erschienenen, überaus aufschlußreichen Band „Die verleumdete Armee“ ausführlich unter Quellenangaben berichtet. So wurde das riesige Dnjepr-Kraftwerk bei Saporoschje, das die ganze Südukraine mit Strom versorgte und völlig zerstört in deutsche Hand fiel, durch die „Organisation Todt“ wieder aufgebaut. Im Januar 1943 konnten die Stromlieferungen wieder aufgenommen werden, wenn auch nur mit 23 Prozent der Vorkriegskapazität.

Um die landwirtschaftliche Erzeugung wieder anzuheben, stellte Deutschland erhebliche Hilfsmittel zur Verfügung. Im Rahmen des „Ostackerprogramms“ wurden während der deutschen Besatzung bis Ende 1943 aus dem Reich 15000 Eisenbahnwaggons mit landwirtschaftlichen Geräten und Maschinen geliefert; darunter befanden sich mehr als 70000 Traktoren, 16000 Holzgasgeneratoren, 5000 Schlepperanhanggeräte, 306000 Gespannpflüge. Außerdem gingen mehrere tausend Kühe, Ochsen, Schweine und Zuchthengste zur Auffüllung des Viehbestandes nach Osten. Die deutsche Landwirtschaftshilfe belief sich bis Ende 1943 auf 510 Millionen Reichsmark. Post listet auf, daß zwischen Juli 1941 und Dezember 1943 Deutschland rund eine Milliarde Reichsmark allein in die Bereiche Bergbau, Energieerzeugung und gewerbliche Wirtschaft steckte, ferner eine weitere Milliarde in die Wiederherstellung des Eisenbahnsystems und den Straßenbau. Walter Post weiter: „Zusammen mit der Landwirtschaftshilfe von 510000000 Reichsmark betrug die deutsche Wirtschaftshilfe für die besetzten sowjetischen Gebiete rund drei Milliarden Reichsmark.“ Als nach der Niederlage von Stalingrad der deutsche Rückzug begann, bemühte sich die Wehrmacht, alles zu zerstören, was der vorrückenden Sowjetarmee von Nutzen hätte sein können: Industrieanlagen wie Unterkünfte, Magazine wie Eisenbahngleise. Für diese Aktion „verbrannte Erde“ war die Wehrmacht verantwortlich; sie geschah aus militärischen Gründen und entsprang nicht blinder Zerstörungswut. Auch hier wird belegt, daß eine einfache Schuldzuweisung, daß die Einteilung in Schwarz und Weiß den Tatsachen nicht gerecht wird.


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