© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 43-07 vom 27. Oktober 2007

Verehrt wie schon lange nicht mehr
Preußens Königin Luise erfreut sich in Deutschland trotz gegenteiliger Vorhersagen nach wie vor einer großen Beliebtheit
von Wolfgang Stribrny

Ein führender deutscher Historiker schrieb am Ende der Preußen-Ausstellung 1981: Nun würden die Ausstellungsobjekte im Gropiusbau in Berlin (eigentlich Königliches Kunstgewerbemuseum) zusammengepackt, das Haus stände leer und die Beschäftigung mit Preußen sei nunmehr für die Öffentlichkeit abgeschlossen. Nach dem Preußenjahr 1981 kam dann das Preußenjahr 2001. An dessen Ende schrieb dann ein anderer führender deutscher Historiker: „Preußen vergiftet uns.“ Nun, auch das hat sich als fundamentaler Irrtum erwiesen. Schon 1989 schüttelten alle diese scharfen Analytiker der historisch-politischen Situation die Köpfe; denn eine solche unblutige Zeitenwende hatten sie nicht erwartet – sie rechtfertigten vielmehr Eisernen Vorhang, Todesstreifen und Berliner Mauer als Konsequenz der deutschen Geschichte. Wieder einmal hatte sich die Anbetung des jeweiligen Status quo, der bejaht, gerechtfertigt, sanktioniert wird – als die Berufskrankheit des Historikers erwiesen.

Die Verehrung der Königin Luise ist – wie Preußen überhaupt – schon oft tot gesagt worden, ihr demnächst eintretendes Ende wurde schon vor 50 Jahren ausposaunt. Nichts davon traf ein, im Gegenteil: Luise ist so beliebt wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Man kann an Neustrelitz denken, wo der Vater der vom 10. März 1776 bis zum 19. Juli 1810 lebenden Prinzessin als Großherzog von Mecklenburg-Strelitz regierte. Dort laufen seit Jahren sommerliche, populäre Festspiele, in deren Mittelpunkt das Musical „Luise – Königin der Herzen“ steht. Die Musik ist aus Weisen von Johann Strauß zusammengestellt.

Wer ihren Sterbeort Hohenzieritz schon länger kennt, kann nur staunen, wie man im dortigen Schloß die alte Erinnerungsstätte an „Louise“, wie man dort sagt, wieder aufleben ließ. Wer das leergeräumte Schloß in SED-Zeiten sah, kann sich nur von Herzen freuen. Selbst das Familienwappen krönt in Farbe die Fassade. Im Schloß befindet sich die Verwaltung des nahen Naturparks, eine feine Sache für die Finanzierung. Umgeben ist es von einem sehenswerten, vorzüglich restaurierten Park im englischen Stil.

Abgesehen von der Rundkirche, die ihr Vater dem Gedächtnis Luises widmete, gab es schon vor 1989 ein privates Luisen-Gedenken in der alten Dorfschmiede. Die Nachfahren des Schmieds hatten alles gesammelt, was über Luise in Mitteldeutschland erhalten war. Sogar zu Prinz Louis Ferdinand hatte man auch schon vor 1989 Kontakt. Eine solche Verbindung aufzunehmen, verlangte nicht nur Zivilcourage, sondern war tapfer und mutig!

In Gransee (zwischen Berlin und Neustrelitz) steht weiter das gußeiserne Schinkeldenkmal auf dem Markt, das an den nächtlichen Aufenthalt des Sarges der Königin auf dem Weg von Hohenzieritz nach Berlin erinnert. Die Bewohner der Grafschaft Ruppin haben es schon 1811 aufgestellt. Der auf hohem Sockel aufgebahrte Sarkophag mit Inschrifttafeln steht unter einem neugotischen Baldachin (alles in Eisenkunstguß). Das inzwischen vorzüglich restaurierte Denkmal sollte um 1960 zerstört werden, Proteste der Bevölkerung haben wenigstens diese Barbarei verhindert.

Mittelpunkt der lebendigen Luisen-Verehrung ist selbstverständlich ihr Mausoleum im Charlottenburger Schloßgarten. Am Vorabend ihres Geburtstages am 9. März (Todestag des dort auch beigesetzten Kaisers Wilhelm I.) findet dort jeweils eine Gedenkfeier statt, für die Tradition und Leben e. V., Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des monarchischen Gedankens die Verantwortung trägt. Am 19. Juli, ihrem Todestag, treffen sich die Luisenfreunde erneut dort. Der in Berlin-Friedenau, Rubensstraße 23 wohnende Erhard Mayer – in ganz Deutschland als Luisen-Mayer bekannt – hat dort die Verantwortung. In Charlottenburg gibt es die Luisenkirche, in Schöneberg (wie einst im oberschlesischen Hindenburg-Zabrze, in Breslau und noch heute in Königsberg in Preußen) eine Königin-Luise-Gedächtniskirche. Auf der Luiseninsel am Südrand des Tiergartens steht ihr Denkmal (für die Restaurierung des Denkmals ihres Sohnes, das sich ganz in der Nähe befindet, wird zur Zeit gesammelt).

Wenden wir uns nun über Potsdam nach Paretz, nordwestlich von Potsdam an der Havel gelegen, zu. Das ganze Dorf mit Schloß, Schloßpark, Kirche und Wohnhäusern wurde von 1795 bis 1803 von David Gilly dem Älteren für Luise und ihren Gatten Friedrich Wilhelm III. völlig neu gebaut. Vor 1989 erinnerte nur die Kirche mit dem 1811 geschaffenen großen Tonrelief von Johann Gottfried Schadow, das die Verstorbene als Verklärte umgeben von vier Tugenden zeigt, an Luise. Glücklicherweise hatte die brandenburgische Landeskirche dort jeweils einen pensionierten Pfarrer als Hüter der Kirche und der wenigen Christenseelen eingesetzt. Diese Pfarrer waren richtige Preußen. Deshalb konnte man auch mit einer ganzen Busladung voller Studenten dort vorfahren und wurde freundlich empfangen. Aber wo, fragte man damals konsterniert, wo ist eigentlich das Schloß? Wo hatte das Königspaar (zuletzt 1810) die Sommerfrische genossen und (vergleichsweise) einfach gelebt?

Man wurde vom Pfarrer auf einen x-beliebigen Bau hingewiesen, groß verputzt und in der üblichen braunen Farbe, wie sie die SED und ihre Funktionäre liebten und der aufmerksame Beobachter sie heute noch in Dorf und Stadt erspähen kann. Immerhin erkannte man an den Flügelanbauten, daß da einmal etwas Bedeutendes stand. Seit 1948 war hier die „Bauernhochschule Edwin Hörnle“ (wer das nur war?), später der „Volkseigene Betrieb Tierzucht“ untergebracht.

Der Besitz Paretz-Utz-Falkenrehtde war 1795 vom damaligen Kronprinzen von der Junkerfamilie Blumenthal gekauft worden. 1890 fiel der Besitz an Kaiser Wilhelms II. Bruder Prinz Heinrich von Preußen. Als Großadmiral hat er im Ersten Weltkrieg dafür gesorgt, daß die Kaiserlich Russische Marine im inneren Finnischen Meerbusen festlag und seine Schiffe die Ostsee beherrschten. Nach seinem Tod 1929 erbte seine (1953 verstorbene) Witwe, Prinzessin Heinrich, den Besitz. Sie war eine geborene Prinzessin von Hessen und bei Rhein und die Schwester des bedeutenden Großherzogs Ernst Ludwig von Hessen (Darmstadt) und der 1918 ermordeten letzten Kaiserin von Rußland.

Das Schloß war bis 1945 selbstverständlich mit seiner Inneneinrichtung aus Luises Tagen zugänglich. 1912 kostete der Eintritt 25 Pfennig. In Kießlings Wanderbuch für die Mark Brandenburg, 1. Teil, Berlin, 1912, ist zu lesen: „Die Wohnräume der königlichen Ehegatten bergen viele Erinnerungen an sie, u. a. Pastellbilder beider von Schröder (1800) Kleidungsstücke, Toilettengegenstände, Spielzeug der Kinder, auch zahlreiche Kupferstiche (bes. aus dem alten Berlin); Gouachebild von Dähling: Friedrich Wilhelm III., die Königin Luise und Alexander I. in Memel (1802); Abbildungen der Truppengattungen beim Regierungsantritt des Königs, von ihm selbst. Den Oberstock bewohnte Friedrich Wilhelm IV. 1848 während der Revolution mehrere Wochen; hier auch der Tisch, an dem er 1850 die neue Verfassung unterzeichnete.“ (Sie galt bis 1918 und hatte den längsten Grundrechtekatalog aller deutschen Verfassungen.)

Kießling weiß nichts von den Papiertapeten. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts begann man, statt sie mit Stoff oder Leder zu bespannen, die Wände mit Papiertapeten zu schmücken. Von allen Hohenzollernschlössern sind die Tapeten untergegangen. Nur von Paretz sind sie erhalten, weil sie 1945 dort geborgen und nach Potsdam geschafft wurden. Überhaupt kann man nur staunen, was in den dortigen Magazinen doch alles erhalten blieb. Sogar Bestände des Hohenzollernmuseums im Schloß Monbijou, deren Ruine an der Spree im Berliner Zentrum 1959 auf Befehl der SED gesprengt wurde. Daß die Rekonstruktion des Schlosses Paretz so zügig vonstatten ging, lag wesentlich daran, daß die Stiftung Brandenburgisch-Preußische Schlösser und Gärten erst unter Joachim Giersberg und dann unter Hartmut Dorgerloh die Tapeten wieder in Paretz sehen wollte. 2001 kehrten die in Berliner Manufakturen geschaffenen einmaligen Kunstwerke an den angestammten Ort zurück.

Die Grundsstruktur der Anlage blieb trotz häßlicher Veränderungen am Schloß nach 1945 erhalten. Zwischen 2004 und 2006 wurde der ehemalige Stall der Gutsanlage gründlich saniert. Seitdem werden dort aus den Marställen der Hohenzollern Kutschen, Schlitten und Sänften gezeigt (teilweise bis zum Zweiten Weltkrieg Bestand des Hohenzollern Museums).

Im Land verwurzelte Märker betonen Ortsnamen gern auf der zweiten Silbe: Lebús, Gransée und Parétz. Man kann aber auch Páretz sagen, denkt aber auf jeden Fall an Luise.

Foto: Luise: Preußens Königin von 1797 bis 1810


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