© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 44-07 vom 03. November 2007

»Unter Werwolfverdacht«
Tragische Kindheit: Tilsiter Oberschüler endete im Keller der Butyrka

Es war an einem Frühlingstag des Jahres 1939, als 30 Jungen erwartungsvoll die Klasse 1 b der Oberschule für Jungen zu Tilsit betraten. Sie kamen aus den zahlreichen Volksschulen der Stadt am Memelstrom, aber auch aus Dorfschulen der Elchniederung und des Landkreises Tilsit-Ragnit. Der erste Tag für die frischgebackenen Sextaner begann mit der Schilderung ihrer Personalien. Das diente dem gegenseitigen Kennenlernen – schließlich hatte man acht gemeinsame Jahre bis zum Abitur vor sich.

Ein Schüler, der sich als Siegfried Silberstein vorstellte, erregte besonderes Aufsehen. Er war ein großgewachsener, schwarzhaariger Bursche. Er war Halbjude. In jener Zeit war es schon nicht mehr selbstverständlich, daß ein Nichtarier eine höhere Lehranstalt besuchte. Aber die unterrichtenden Studienräte machten davon kein Aufhebens, zumal er sich gar bald als ein intelligenter und fleißiger Schüler entpuppte, der auch in Fragen der Disziplin zu keinen Beanstandungen Anlaß gab. Seine Stärke waren die naturwissenschaftlichen Fächer. Besonders in Mathematik konnte ihm kaum einer das Wasser reichen. Zu seinen Mitschülern war er freundlich, wenn auch direkte Freundschaften nicht zustandekamen. Er galt als Einzelgänger. Das hing wohl auch damit zusammen, daß er sich wegen seines besonderen Status ausgegrenzt fühlte. Wenn an nationalen Feiertagen alle Schüler in Pimpfenuniform zur Schule kamen, war er der einzige „Zivilist“ in der Klasse. In der Hitler-Jugend durfte er ja nicht mitmachen, und um an solchen Tagen nicht zu sehr aufzufallen, erschien er in einem dunkelblauen Bleyle-Matrosenanzug zum Unterricht.

Siegfried wohnte unweit der Schule in der Moltkestraße 3, wo er als einziges Kind seiner Eltern aufwuchs. Der Vater Moritz Silberstein galt nach den NS-Rassegesetzen als Volljude. Er stammte aus Splitter, einem Vorort von Tilsit, wo die Silbersteins früher einen Holzhandel betrieben. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Front, wurde mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet, erlitt schwere Verwundungen und galt nun als Schwerkriegsbeschädigter. Die Mutter war eine liebenswürdige Frau, eine geborene Gertrud Deutschmann, stammte aus Heinrichswalde in der Elchniederung und hatte keine jüdischen Vorfahren. Ihren Sohn liebte sie sehr und freute sich, wenn er – selten genug – Besuch mitbrachte. Denn die spärlichen Kontakte zu Mitschülern machten auch ihr zu schaffen.

Siegfried Silberstein besuchte die Tilsiter Oberschule bis zur Quarta mit gutem Erfolg. Eines Tages, es mag Ende 1941 oder 1942 gewesen sein, geschah etwas, was seine Klassenkameraden bis heute nicht vergessen haben. Mitten im Unterricht flog die Klassentür auf und der Hausmeister forderte Silberstein auf, sofort zum Direktor zu kommen. Trotz der aufkommenden Unruhe versuchte Studienrat Sch. den Unterricht fortzusetzen, bis Oberstudienrat K. mit Siegfried die Klasse betrat und eine kurze Erklärung abgab. Gemäß einer Verfügung des Reicherziehungsministeriums sei Halbjuden ab sofort der Besuch der höhreren Lehranstalten nicht mehr gestattet. Da sei nun auch nichts zu machen. Siegfried Silberstein nahm seine Schulsachen, winkte von der Tür einen kurzen Gruß und verließ wortlos die Klasse.

In der Schule tauchte er nie wieder auf. Einige Male bekam ihn dieser oder jener Schüler zu Gesicht. Manchmal, wenn er einen Karren vom Spielwarengeschäft Gohl zog, um Ware vom Bahnhof  abzuholen. Von den einsetzenden Judendeportationen blieb sein Vater verschont. Die Familie wohnte bis zum Herbst 1944 in Tilsit. Auch die schweren Bombardierungen Tilsits im Juli / August 1944 überstand das Haus in der Moltkestraße. Es steht heute noch.

Als gemäß einer Verfügung vom 21. Oktober 1944 die Deportation von Juden befohlen wurde, die bislang wegen ihres arischen Ehepartners als geschützt galten, waren Silbersteins schon nicht mehr in Tilsit. Die Stadt wurde im Oktober 1944 zum Frontgebiet und mußte auf Anweisung der Wehrmacht von der Zivilbevölkerung geräumt werden. Die Evakuierungszüge gingen zunächst in das südliche Ostpreußen. Die Silbersteins landeten in einem kleinen Dorf bei Allenstein, wo es ein Zusammentreffen mit einem ehemaligen Klassenkameraden gab, kurz vor der Weiterbeförderung nach Sachsen. Das Jahresende 1944 begingen die Silbersteins in Riesa.

Das Reich lag in den letzten Zügen. Jede Hand wurde nun gebraucht. Der HJ-Bann Riesa erfaßte alle jüdischen Mischlinge zum „geschlossenen Arbeitseinsatz“. Der 17jährige Siegfried Silberstein kam in die Heeres-Munitionsanstalt Zeithain und wurde schließlich noch zum Volkssturm einberufen. Es war eine Ironie der Geschichte, daß er, der das Ende des Nationalsozialismus mit seinen Diskriminierungen herbeisehnte, nun mit der Waffe in der Hand dessen Untergang verhindern sollte. Doch er überlebte das Kriegsende ohne Blessuren, konnte aufatmen und glaubte an ein neues Leben. Doch was dann folgte, sollte alles Vorangegangene in den Schatten stellen.

Schon bald nach Kriegsende ging die Besatzungsmacht daran, gefährliche Personen aufzuspüren. Siegfried Silberstein erregte ihren Argwohn. Ein Volkssturmangehöriger, der sich als rassisch Verfolgter auszugeben versuchte – das konnte doch nur eine Tarnung sein! Unter Werwolfverdacht sperrten ihn die Sowjets in ihr Speziallager Nr. 1 in Mühlberg ein. Das war das ehemalige Stalag IV B mit seinen 80 Gefangenenbaracken. Ohne Schuldnachweis und ohne Urteil blieb er hier drei Jahre lang isoliert von der Außenwelt in Sicherheitsverwahrung. Der Lageralltag war geprägt von Hunger, Krankheiten und Hoffnungslosigkeit. Innerhalb von drei Jahren, von Mitte 1945 bis Mitte 1948 starben hier 6765 Insassen. Erst im Juni 1948 erinnerte sich der Ministerrat der UdSSR der Speziallager und verfügte im Beschluß Nr. 2386-991 ss, die unschuldigen Zivilgefangenen zu entlassen.

Am 10. Juli 1948 kam Siegfried Silberstein frei. Er war krank, von Lungentuberkulose gezeichnet und mußte sich umgehend in klinische Behandlung begeben. Der Wille, nun endlich den Weg ins neue Leben zu beginnen, beschleunigte seine Genesung. Er war inzwischen 21 Jahre alt. Hilfestellung gab ihm die in Riesa existierende „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“. Sie verschaffte ihm einen Studienplatz an der ABF in Leipzig, einer Vorstudienanstalt, wo er sein Abitur nachholen konnte, natürlich unter der Bedingung, daß er Mitglied der FDJ und dann auch der SED wurde.

Das Studium machte ihm Freude. Aber dann holte ihn seine Krankheit wieder ein. Wegen eines Tumors wurde er in der Ostberliner Charité operiert. In dieser Zeit geriet er erneut in die Fänge der sowjetischen Abwehrorgane. Sie hatten ihn noch nicht vergessen und verhafteten ihn am 12. Mai 1951, diesmal unter der Anschuldigung, Kurier eines britischen Geheimdienstes zu sein. Die Entkräftung dieses hanebüchenen Vorwurfs gelang nicht. Das in Berlin-Lichtenberg stationierte sowjetische Militärtribunal Nr. 48240 verurteilte Silberstein in einer geschlossenen Sitzung nach Artikel 58 des Strafgesetzbuchs der ASFSR wegen Spionage zum Tode durch Erschießen. Das war am 28. Dezember 1951, wenige Tage nach Weihnachten. Kurz darauf verbrachte man ihn nach Moskau in das Butyrka-Gefängnis. Sein Gnadengesuch lehnte das Präsidium des Obersten Sowjets ab.

Am 20. März 1952 wurde das Todesurteil vollstreckt. Siegfried Silberstein wurde nur 25 Jahre alt. Seine Mutter forschte lange nach dem Verbleib ihres Sohnes. Sie erhielt nie eine Antwort. Sie erfuhr nie, daß sein junges Leben im Keller der Butyrka endete, daß sein Leichnam im Krematorium Donskoje eingeäschert und in einem Massengrab im Süden Moskaus verscharrt wurde.

Es verging ein halbes Jahrhundert, bis sich die Archive öffneten und sein furchtbares Schicksal bekannt wurde. Die Oberste Militärstaatsanwaltschaft stellte seine Unschuld fest und rehabilitierte ihn. Da waren seine Eltern schon lange tot.

Auf dem Friedhof Donskoje wurde am 1. Juli 2005 ein Gedenkstein für die deutschen Opfer des stalinistischen Terrors eingeweiht. Siegfried Silberstein bleibt unvergessen.

Mitschüler der Oberschule für Jungen zu Tilsit


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