© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-07 vom 01. Dezember 2007

Was wird aus Eupen?
Deutschsprachige Gemeinschaft Belgiens blickt mit Sorge auf Streit in Brüssel
von Hans Heckel

Charles de Gaulles träumte von einem „Europa der Vaterländer“, die einst verfeindeten Nationalstaaten sollten künftig Hand in Hand marschieren, aber eben doch Nationalstaaten bleiben. Die, denen das nicht europäische Einheit genug war, erfanden später das Leitbild des „Europas der Regionen“: Grenzüberschreitende Gebiete sollen neben der Ebene der Nationalstaaten und der gesamteuropäischen Institutionen ein „Europa von unten“ schaffen. In der Regionalisierung sehen die Visionäre des „Europas von unten“ die sicherste Gewähr dafür, daß sich eine paneuropäische Identität entwickelt, die ein Zurückfallen in alte Gegensätze dauerhaft verhindert.

Seit einigen Jahren jedoch scheint es, als wollten die gepriesenen Regionen in der EU sich und der Welt beweisen, daß sie sich genauso argwöhnisch behaken können wie einst die rivalisierenden Nationalstaaten, nur ohne Krieg.

In Britannien und Spanien konnten Regionalbewegungen in den vergangenen zehn Jahren deutliche Erfolge verbuchen. Die Kritiker solcher Bewegungen orakeln, daß am Ende der Absetzbewegungen von Schotten oder Wallisern, Katalanen oder Basken nichts weniger stehen könnte als die Auflösung der betroffenen Gesamtstaaten wie Britannien und Spanien.

In Belgien nun scheint sich die düstere Prophezeiung erstmals zu bewahrheiten: Selbst ein knappes halbes Jahr nach den letzten Wahlen ist es den Vertretern der Flamen, die rund 60 Prozent der angestammten Bevölkerung ausmachen, und denen der Wallonen (etwa 40 Prozent) nicht gelungen, eine mehrheitsfähige Regierung zu bilden. Nicht linke oder rechte Gesinnung trennt sie dabei, sondern die Zugehörigkeit zu ihrer ethnischen Gruppe. Erste Kommentatoren kündigten bereits das Ende des belgischen Gesamtstaates an.

Aber wollen die Belgier die Spaltung überhaupt wirklich? Umfragen ergeben unterschiedliche Resultate. Vor allem in der Hauptstadt Brüssel, in Flandern gelegen, aber zu 80 Prozent französischsprachig, regt sich öffentlicher Widerstand gegen die Spaltungstendenzen. Seit Mitte November schmücken immer mehr belgische Fahnen die Fenster der Metropole als Manifestation eines belgischen Nationalbewußtseins.

Mehr Beobachter als Akteur in dem zähen Ringen um eine neue Regierung ist die kleine deutschsprachige Gemeinschaft im Osten mit der Hauptstadt Eupen. Das Gebiet war nach dem Ersten Weltkrieg als Teil „Eupen-Malmedys“ Belgien zugeschlagen worden. Die Stadt Malmedy ist samt Umgebung französischsprachig, in Eupen und in der Gegend um das Eifelstädtchen St. Vith spricht man deutsch. Das Territorium der auch offiziell so genannten „Deutschsprachigen Gemeinschaft“ (DG) umfaßt gut 850 Quadratkilometer, etwas weniger als das Land Berlin. Hier leben rund 72000 Menschen.

Vom Kampf der Wallonen und vor allem der Flamen um mehr Eigenständigkeit profitierte die DG bislang beträchtlich. Obschon allein viel zu klein, um selbst Druck auszuüben, gingen die wachsenden Autonomierechte der beiden großen Teilvölker auch auf die kleine deutschsprachige Gruppe über. Nach Jahrzehnten der Diskriminierung verfügen die deutschsprachigen Belgier heute über ein eigenes Parlament, ein Kabinett mit vier Ministern und einen eigenen Ministerpräsidenten, den 55jährigen Karl-Heinz Lambertz.

Mit gedämpfter Sorge verfolgt die Führung der Deutschbelgier das derzeitige Treiben in Brüssel. Was wird aus der DG im Falle einer Spaltung? Vier Varianten böten sich theoretisch an: Politisch gehören Eupen und St. Vith zur wallonischen Provinz Lüttich. Täte die DG nichts, verbliebe sie quasi automatisch in einem „verkleinerten Belgien“, das nur noch aus einem wallonischen und einem winzigen deutschsprachigen Teil bestünde. Fraglich, ob die weitgehende kulturelle und politische Autonomie der DG darin dauerhaft gesichert bliebe. Eine zweite Möglichkeit wäre die Rückkehr nach Deutschland. Gegner wenden ein, daß es dann erst recht faktisch vorbei wäre mit der Autonomie.

Das Ende der jahrzehntelangen Diskriminierung der deutschsprachigen Volksgruppe in Belgien hat dazu geführt, daß die DG eine starke eigene Identität ausgebildet hat. Diese läßt andere Träume sprießen für den Fall einer Teilung Belgiens als den Wiederanschluß an die Vettern im Osten: Am weitesten geht die Vorstellung, man könnte doch ganz unabhängig werden. Viermal so groß wie Liechtenstein mit doppelt so vielen Einwohnern müsse das kein Traum bleiben, meinen die Befürworter der „Liechtenstein-Lösung“.

Gegner solcher Vorstellungen grausen sich indes davor, ihre Heimat in einen weiteren „Operettenstaat für Steuerflüchtlinge, Briefkastenfirmen und Spielkasinos“ zu verwandeln, den Europa nicht benötige. Schließlich wird eine Vereinigung mit Luxemburg ventiliert, dem reichen Nachbarn im Süden, wo viele Pendler aus der Region St. Vith arbeiten. Dem Eupener Ministerpräsidenten wurde bereits nachgesagt, diesen Ausweg offen zu favorisieren. Lambertz dementierte heftig: Er halte an der Einheit Belgiens fest und erwarte eine Regierungsbildung bis Weihnachten.

Auf Initiative von König Albert II. soll nun ein „Rat der Weisen“ gebildet werden, der die strittigen Punkte lösen soll. Dabei geht es vor allem darum, die komplizierte Gliederung des Landes zu überarbeiten. Dann geht es ums Geld: Das reichere Flandern bezuschußt über eine Art Finanzausgleich das ärmere Wallonien, das unter einer Arbeitslosigkeit auf dem Niveau der neuen Bundesländer Deutschlands leidet, während Flandern boomt. Am Ende könnte jedoch das Gespür für den Eigennutz die politischen Streithähne milder stimmen: Die Bedeutung der belgischen Politik in Europa, und damit die seiner Repräsentanten, dürfte spürbar schrumpfen infolge eines Auseinanderbrechens.

 

Zeitzeugen

Paul-Henri Spaak – Der von 1899 bis 1972 lebende belgische Karlspreisträger war Vorsitzender der parlamentarischen Versammlung des Europarates, Präsident der Gemeinsamen Versammlung der Montanunion und Generalsekretär des NATO-Rates.

Balduin I. – Der älteste Sohn von König Leopold III. und dessen erster Frau Astrid von Schweden kam 1930 auf Schloß Stuyvenberg im belgischen Laeken zur Welt. Der ebenso schüchterne wie tief religiöse fünfte König der Belgier trat 1951 die Nachfolge seines Vaters an. Er hatte das Glück, in der ebenso religiösen, aber zwei Jahre älteren ausgebildeten Krankenschwester Fabiola de Mora y Aragón eine Stütze für sein Leben und seine Regentschaft zu finden. Im Gegensatz zum jetzigen Königspaar galten beide als hoch integer.

Salvatore Adamo – Der Musiker, Liedermacher und Schlagersänger ist neben Helmut Lotti der bekannteste belgische Sänger. Mit der Königin der Belgier, die zu seinen Fans zählt, verbindet ihn, daß auch er in Italien zur Welt gekommen und italienischer Abstammung ist. „Dolce Paola“ lautet einer seiner Titel. Paola ist der Vorname der belgischen Königin. Noch bekannter als „Dolce Paola“ ist in Deutschland jedoch „Es geht eine Träne auf Reisen“. Die deutsche Version von „Une larme aux nuages“ hielt sich 15 Wochen in den Top 10 und erreichte dort den zweiten Platz.

Leopold II. – Der Sohn des ersten Königs der Belgier, Leopold I., kam 1835 in Brüssel zur Welt und war ab dem Tode seines Vaters 1865 bis zu seinem eigenen Tode 1909 selber König. Aufgrund der Neutralität Belgiens überließen die Großmächte ihm den Kongo, den er brutal ausbeutete.

Doña Fabiola Fernanda María de las Victorias Antonia Adelaida de Mora y Aragón – Die Königin kam 1928 in Madrid zur Welt und entstammt dem spanischen Hochadel. Nach dem Abschluß ihrer Schul- und Berufsausbildung arbeitete sie in einem  Krankenhaus der Hauptstadt Spaniens. 1960 heiratete die Katholiken den König der Belgier Balduin I. Eigene Kinder blieben ihr und ihrem Mann versagt. Alle Schwangerschaften der Königin endeten mit Fehlgeburten.


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