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01.12.07 / Ost-Deutsch (43): Bestimmen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-07 vom 01. Dezember 2007

Ost-Deutsch (43):
Bestimmen
von Wolf Oschlies

Bestimmter Artikel, zu Höherem bestimmt sein, bestimmt auftreten, bestimmender Einfluß – was bestimmt ist, das ist festgelegt, klar umrissen und deutlich. So ist man’s als Deutscher gewöhnt, bis man einmal Urlaub an der Adria macht, etwa in Dalmatien, und das Verb „bestimati“ in ungeahnten Kontexten vernimmt. 2006 siegte bei einem dortigen Musikfestival eine Gruppe mit dem melodischen Lied „I bestimja je molitva“. „Molitva“ heißt Gebet und „bestimja“ wäre mit Bestimmung oder Beschimpfung zu übersetzen. Seit 500 Jahren findet man zwischen Split und Dubrovnik Belege für beides: 1908 dichtete der Kroate Juraj Kapic: „Diete bestimu znade da izlane/ jerbo mu je kazala majka“ (Das Kind findet seine Bestimmung und folgt ihr, wie von der Mutter gehört). Hier und in vielen ähnlichen Passagen ist „bestimja“ deutsch. Aber das ist nur eine Seite.

Daneben steht „bestimja“, „bjastema“ etc., die auf italienisch „bestemmia“ beziehungsweise verbal „bestemmiare“ zurückgehen, was „Fluch, fluchen“ heißt. In dieser Bedeutung ist das Wortfeld an der kroatischen Adriaküste so allgegenwärtig, daß Literaturwissenschaftler wie Stipe Botic und Soziologen wie Ivan Grubisic bereits auf Zusammenhänge mit Region (Süden) und Konfession (Katholizismus) tippen: Wenn Italiener, Ungarn und Dalmatiner besonders „kreative“ Flucher sind, dann ist das kein Zufall.

Besser wäre, einen Zusammenhang von „bestimati“ mit „stimati“ (stimmen) zu suchen und bei Küstenkroaten die Wortverwendung zwischen deutscher und italienischer Wortbedeutung zu verfolgen: „Pisi kako bestimas“, lästerte vor Jahren die „Feral Tribune“ aus Split: Schreibe, wie du bestimmst (fluchst). Weitere Beispiele finden sich in neuen Wörterbüchern zu dalmatinischer Sprachkonventionen. Was die nicht sagen, weiß ohnehin jeder: „Nasa slatka dalmatinska bestimja“ (unsere süße dalamatinische Bestimmung/ Beschimpfung) ist nicht verletzend – sie ist eine regionale Kunst, anderswo unnachahmbar, ihrer Grenzen zum Vulgären wohl bewußt: „Poci ces na dno pakla, ka taka bestimas“ – Du wirst im Höllengrund landen, wenn du unanständig fluchst. Man weiß doch um den deutschen Ursprung der „bestimja“ und dessen mäßigende Wirkung, sagt  Robert Knjaz, Propagator dieser „Kunst“, in seinem „Videoleksikon“.


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