01.12.2021

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01.12.07 / Die Nachwirkungen der DDR

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-07 vom 01. Dezember 2007

»Auf ein Wort«
Die Nachwirkungen der DDR
von Jörg Schönbohm

Gerade eben erst begingen wir Deutsche den 18. Jahrestag des Mauerfalls. Wir feierten die Volljährigkeit unserer geeinten Nation, freuten uns darüber, daß für nunmehr eine ganze Generation von Wendekindern die Einheit in Freiheit alltägliche Normalität geworden ist, wir priesen die Selbstverständlichkeit, mit der junge Menschen heutzutage dem wiedervereinten Deutschland begegnen.

Eine Studie des Forschungsverbunds SED-Staat trübte jedoch die Feierlaune. Die Berliner Forscher hatten knapp 2400 Jugendliche – Ostdeutsche wie Westdeutsche, Gymnasiasten wie Gesamtschüler – nach ihrem Bild von der DDR befragt. Das Ergebnis der Untersuchung, die passender Weise am 9. November der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, gibt allen Anlaß zur Besorgnis.

Die Stasi – ein Geheimdienst wie jeder andere?  Nur etwas mehr als die Hälfte der befragten Schüler war der Meinung, die DDR sei eine Diktatur gewesen. Jeder dritte äußerte sogar die Ansicht, die Staatssicherheit sei ein ganz normaler Geheimdienst gewesen, „wie ihn jeder Staat hat“. Besonders bestürzend: Annähernd zwanzig Prozent der Schüler vertraten den Standpunkt, Republikflüchtige seien selbst Schuld gewesen, wenn an der Grenze auf sie geschossen wurde. Zudem gab ein Viertel der Schüler an, sie fänden es gar nicht so schlimm, daß die DDR-Bürger weniger Freiheiten hatten. Solange sich ein Staat gut um seine Bürger kümmere, sei dies verkraftbar.

Zeitgleich wurde eine Umfrage  des Forsa-Instituts veröffentlicht, wonach es jeder fünfte Deutsche – in Ost und West zu gleichen Teilen – begrüßen würde, wenn die Mauer noch stünde. Falls dies stimmt, wäre das ein erschreckender Befund über den tatsächlichen Stand der Einheit. Das dunkle Kapitel der zweiten deutschen Diktatur darf anscheinend noch lange nicht als abgehakt betrachtet werden.

Wirklich überraschen dürften die Studien und Umfragen aber eigentlich nicht. Sie sind die logische Konsequenz eines systematischen Vergessens und Verdrängens in unserer Gesellschaft. Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit wird gerne an Forschungseinrichtungen und Kommissionen delegiert. In der Öffentlichkeit findet eine Diskussion über die menschenverachtende Politik des SED-Regimes hingegen kaum statt. Schließlich ist das Thema reichlich unbequem, und auf den Schlips treten will man natürlich auch niemandem.

Billigend wird daher in Kauf genommen, daß als Konsequenz das Wissen über die DDR in unserer Gesellschaft rasant abnimmt. So gaben über neunzig Prozent der Schüler in Nordrhein-Westfalen an, wenig oder nichts über die Geschichte und den Charakter der DDR zu wissen. Was übrig bleibt, ist ein verschwommen-vages, manchmal verzerrtes, zumeist ein skurriles Bild der DDR. Gerade einmal jeder zweite Schüler sprach der DDR-Regierung ihre „demokratische Legitimation“ ab. Siebzig Prozent der Befragten konnten nicht sagen, wann die Mauer gebaut wurde; nur ein Drittel wußte, von wem. Dies ist der Boden, auf dem das Unkraut der Geschichtsverfälschung und der Legendenbildung sprießt.

Die Folgen können wir tagtäglich beobachten: Beschönigen des DDR-Alltags und Relativierung der verbrecherischen Untaten des Regimes. Mittlerweile sehen selbst ranghohe Offiziere des MfS nichts Anrüchiges mehr daran, sich zu einer Ehemaligen-Konferenz zu treffen, um sich dort als „Kundschafter des Friedens“ zu feiern. Es ist die Tendenz des Verdrängens und Beschönigens, die es heute der Stasi-Elite von damals  ermöglicht, selbstbewußt über ihre vermeintliche „Erfolgsbilanz“ zu plaudern und damit allen ihren Opfern dreist und verhöhnend ins Gesicht zu lachen.

Wir sind zur Erinnerung und zur Aufklärung verpflichtet. Insbesondere den jungen Menschen, die sich kein eigenes Bild von der Wirklichkeit der DDR machen konnten, müssen wir vermitteln, was der Unterschied zwischen Diktatur und Demokratie ist. Der Verklärung der DDR-Geschichte gilt es mit allen Mitteln entgegenzuwirken. Allem voran ist dies natürlich eine gesellschaftliche Aufgabe. Aber auch für die Politik besteht Handlungsbedarf. Die intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR muß auf dem Lehrplan jeder Schule stehen. Zudem benötigen wir in diesem Bereich eine Verbesserung und Intensivierung von Maßnahmen der politischen Bildung – die Landesregierung von Brandenburg hat sich das vorgenommen.

Daß 18 Jahre nach dem Fall der Mauer die Aufbruchstimmung von damals abgeklungen ist, ist nur natürlich. Und es stimmt selbstverständlich auch, daß viele Erwartungen nicht erfüllt werden konnten und viele Hoffnungen enttäuscht wurden. Aber diese nachvollziehbare Ernüchterung darf nicht umschlagen; sie darf nicht zu einer Verherrlichung oder Relativierung des SED-Regimes führen. Wir alle sind aufgerufen, uns des historischen Glücks der Deutschen Einheit zu besinnen und daran zu arbeiten, tatsächlich zu dem einen Volk zu werden, für das 1989 die Menschen auf die Straßen gegangen sind.

„Einigkeit und Recht und Freiheit für das deutsche Vaterland“ heißt es in unserer Nationalhymne – dies muß unser Wahlspruch werden.


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