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01.12.07 / Seine Romane waren beliebte Filmvorlagen / Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Josef Conrad in Kiew geboren

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-07 vom 01. Dezember 2007

Seine Romane waren beliebte Filmvorlagen
Vor 150 Jahren wurde der Schriftsteller Josef Conrad in Kiew geboren
von Hans Lody

Polen reklamiert ihn als Kulturerbe für sich, in Gdingen wurde ein Denkmal für Joseph Conrad errichtet. Eigentlich hieß der Mann Jozef Teodor Nalecz Korzemiowski und wurde vor 150 Jahren am 3. Dezember 1857 in Kiew geboren, das damals im russischen Zarenreich und heute in der Ukraine liegt. Jozefs Vater fühlte sich dem Polentum zugehörig und wurde wegen entsprechender Aktivitäten 1863 nach Sibirien verbannt. Nachdem 1865 die Mutter starb, durften Vater und Sohn Sibirien verlassen und siedelten sich in Krakau an, wo Jozef das Gymnasium besuchte.

Als der Vater 1869 schließlich auch starb, übernahm der Onkel die Sorge für den elfjährigen Jungen. Seinem Wunsch entsprechend gestattete er ihm 1874, nach Marseille zu reisen, um dort Seemann zu werden.

Seinen ersten Borddienst verrichtete Jozef noch auf einem französischen Handelsschiff. Der 16jährige sprach damals russisch, polnisch und französisch, aber als „richtiger“ Seemann erlernte er bald die Sprache der „Teerjacken“, das Englische. Mit 21 Jahren fuhr er dann auf britischen Handelsschiffen.

1886 wurde er britischer Staatsbürger und 1888 bekam er als Kapitän mit der „Otago“ sein erstes eigenes Schiff. 1890 begann er auf Englisch zu schreiben. Im gleichen Jahr zog sich Conrad bei einer Flußfahrt im Kongo eine Fiebererkrankung zu, die ihn letztlich zwang, die Seefahrt aufzugeben. Zwar versuchte er 1893 nochmals eine Seefahrt zu unternehmen, aber der Versuch scheiterte. Diese Flußfahrt hingegen bildete die Vorlage für seinen ersten Roman. Conrad nahm schließlich Wohnsitz in England. Seine Werke tragen stark autobiographische Züge. Sie spielen in Afrika, Indonesien, Malaya und auf See. Zusätzlich schrieb er historische Erzählungen aus der napoleonischen Zeit. Das Milieu seiner Stücke strahlte Realismus aus, die Personen geraten im Laufe der Handlungen meist in eine beklemmende Atmosphäre und sind urplötzlich allein dem Schicksal ausgeliefert. Unter der Oberfläche der spannenden Handlung liegen symbolhafte Situationen und schuldhafte Entscheidungen. Sein erstes Werk „Almayers Wahn“ erschien 1895 und wurde wie die meisten anderen seiner Bücher ins Deutsche übersetzt. Die Romane „Lord Jim“ (1900) und „Nostromo“ (1902) sowie die Erzählung „Herz der Finsternis“ waren seine bekanntesten Arbeiten und wurden – teilweise sogar mehrmals – verfilmt. Wie überhaupt 22mal seine Stücke als Vorlagen für Spielfilme verwandt wurden. Der wahrscheinlich bekannteste Film nach einer Vorlage von Conrad ist „Apocalypse now“, den Francis Ford Coppola 1976/79 in Szene gesetzt hat, wobei die Handlung vom damaligen Belgisch-Kongo nach Vietnam verlegte.

Der Roman „The secret Agent“ (Der Geheimagent) brachte es sogar auf drei Verfilmungen (1936, 1981 und 1996), darunter eine vom Meister Alfred Hitchcock unter dem Titel „Sabotage“. Jetzt ist der Roman um den geheimnisvollen Mr. Veloc und sein unrühmliches Ende im Manesse Verlag, Zürich, neu erschienen (480 Seiten, geb. mit Schutzumschlag, 22,90 Euro). Neben seinen 19 Romanen und zahllosen Erzählungen schrieb Conrad noch drei Theaterstücke. Er ist bis zum heutigen Tage weltweit einer der wesentlichen Seefahrer- und Marineschriftsteller geblieben.

Darüber hinaus gilt er als einer der bedeutendsten englischen Literaten des 19. Jahrhunderts. Zahllose Literaturkritiker haben sich mit ihm beschäftigt. Sein literarischer Durchbruch erfolgte aber erst 1914 mit dem Erscheinen seines Stückes „Spiel des Zufalls“.

Neuerdings muß Conrad auch als Forschungsobjekt der politischen Korrektheit herhalten. Neben solchen Politologen, die ihn als frühen Kritiker des Kolonialismus sehen, gibt es nun auch solche, die ihn geradezu zum Erfinder des Rassismus machen. Chinua Achebe, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, bescheinigt Conrad, ein „abgrundtiefer Rassist“ mit „antisemitischen Tendenzen“ zu sein. Das ist modern und sichert öffentliche Aufmerksamkeit. Die Dis-kussion erinnert an Bemühungen farbiger Aktivisten in den Südstaaten der USA, Mark Twains „Huckleberry Finn“ als rassistisch zu brandmarken, oder das Streben frommer Moslems in Ägypten, die Geschichten aus „1000 und eine Nacht“ zu verbieten, weil sie unmoralisch und unislamisch seien. All dies wirft ein grelles Licht auf die kulturelle Armseligkeit unserer Tage.

Im Gegensatz zu den finanziellen Bezügen mancher Weltverbesserer heute waren Josef Conrads Honorare zu Lebzeiten dürftig, so daß er auf finanzielle Zuwendungen einiger Gönner angewiesen war, um sich über Wasser zu halten. Er lebte zeitweilig in regelrechter Armut.

Am 3. August 1924 starb Conrad in Oswalds in der Nähe der Stadt Canterbury in der Grafschaft Kent an Herzversagen. Er wurde neben seiner Frau, mit der er zwei Söhne hatte, auf dem Friedhof des Städtchens begraben.


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