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01.12.07 / »Schräg« war kein Schimpfwort / Zum 250. Jahrestag der bedeutendsten Schlacht des 18. Jahrhunderts

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 48-07 vom 01. Dezember 2007

»Schräg« war kein Schimpfwort
Zum 250. Jahrestag der bedeutendsten Schlacht des 18. Jahrhunderts
von Jürgen Ziechmann

Am 5. Dezember 1757 gewann Friedrich der Große (1712 – 1786) die Schlacht bei Leuthen. Die Schlacht selbst, deren unmittelbare Folgen und deren militärhistorische Rezeption sind in mehrfacher Hinsicht bedeutungsvoll:

Die Schlacht, in der 39000 Preußen mit 167 Kanonen das österreichische Heer mit 66000 Mann und 210 Kanonen schlugen, war die gelungene Anwendung der sogenannten „schrägen“ oder „schiefen“ Schlachtordnung.

Seit der Schlacht bei Cannae am 2. August 216 v. Chr., in der Hannibal ein fast doppelt so großes römisches Heer vernichtend geschlagen hatte, wurde das taktische Konzept des karthagischen Feldherrn in der militärtheoretischen Literatur diskutiert: der eine Flügel der linearen Schlachtordnung wird verstärkt und nach einem Sieg dieses Flügels gegen die Mitte der feindlichen Truppen eingeschwenkt, die von der Flanke her aufgerollt wird.

Friedrich kann aufgrund seiner vielen einschlägigen Publikationen durchaus zu den bedeutenden Militärtheoretikern seiner Zeit gerechnet werden. Die Anwendung der „schrägen“ Schlachtordnung hatte er in einem eigenhändig 1755 verfaßten 29seitigen Traktat mit dem Titel „Pensées et règles générales  pour la guerre“ (Gedanken und allgemeine Regeln für den Krieg) beschrieben und mit einer Zeichnung versehen. Der König spricht von „l’ordre biais“, was man mit „schiefer“ oder „schräger“ Schlachtordnung übersetzen kann.

Allerdings wandelte der König die eigenen und die allgemeinen Erkenntnisse der Militärtheorie am 5. Dezember 1757 aufgrund der örtlichen Gegebenheiten ab, so daß noch eine Variante der „schrägen Schlachtordnung“ zu den bekannten Varianten hinzukam, die darin bestand, daß der König nicht mit einem verstärkten Flügel frontal angriff, sondern seine gesamte Armee in die Flanke des Feindes führte.

Die Österreicher wirkten an der Bereicherung der Militärliteratur über die „Schräge Schlachtordnung“ insofern mit, als sie solange unbeweglich stehen blieben, bis die preußische Armee ihren Aufmarsch in der feindlichen Flanke beendet hatte, und der Angriff auf die österreichische Armee begann.

Die Vorgeschichte der Schlacht ist auch bemerkenswert: In Sachsen hatte Friedrich der Große zwar am 5. November 1757 bei Roßbach die verbündeten Franzosen und Reichsarmee vernichtend geschlagen. Aber in Schlesien hatten die Österreicher unter dem Oberkommandierenden Prinz Karl von Lothringen und dem Feldmarschall Leopold von Daun mit überlegenen Kräften am 13. November 1757 die Festung Schweidnitz erobert, am 22. November 1757 ein preußisches Heer unter dem Herzog von Bevern bei Breslau geschlagen und drei Tage später Breslau besetzt.

Friedrich marschierte mit seinen siegreichen Truppen an sechzehn Tagen (mit drei Ruhetagen) 308 Kilometer von Leipzig nach Parchwitz, wo er am 28. November 1757 eintraf.

Nach der Vereinigung der beiden preußischen Armeekorps (das siegreiche aus Sachsen und das geschlagene aus Schlesien) zogen die Preußen den Österreichern entgegen. Diese hatten ein festes Lager westlich von Breslau verlassen und waren – wohl aufgrund ihrer großen Überlegenheit und ermutigt durch den eigenen Erfolg bei Kolin am 18. Juni 1757 – entschlossen, den Preußen eine Schlacht zu liefern. Damit entsprachen sie genau den Wünschen des preußischen Königs und marschierten ins Fiasko.

In der Nacht vom 4. zum 5. Dezember 1757 lagerten die Preußen in der Stadt Neumarkt und nordöstlich davon; die Österreicher kampierten zwischen den Dörfern Nippern und Leuthen. Die feindlichen Heere waren 11,5 Kilometer voneinander entfernt. Zwischen beiden Heeren lag der Ort Borne. Westlich davon lagerte ein kleines österreichisches Kontingent zur Beobachtung der Preußen.

Um fünf Uhr morgens am 5. Dezember marschierten die Preußen in vier Kolonnen nach Westen, vertrieben das kleine österreichische Korps und erreichten den Ort Borne, von welchem aus man nach Tagesanbruch die österreichischen Truppen in Schlachtordnung aufmarschiert betrachten konnte. Der Theorie der „Schrägen Schlachtordnung“ zufolge hätte jetzt der Angriff der Preußen mit verstärkten Kräften auf einen der Flügel des Gegners erfolgen müssen. Zunächst hatte das auch so den Anschein, denn die Österreicher dachten, der König von Preußen würde ihren rechten Flügel angreifen und verstärkten diesen. In Wirklichkeit aber ließ Friedrich seine Armee an der Front der Österreicher entlang nach Süden schwenken. Es war bereits fast 12 Uhr geworden. Wenn jetzt die österreichischen Generale den Angriff auf die in ziemlich offenem Gelände nur etwa 2800 Metern an ihnen entfernt vorbeiziehenden Preußen befohlen hätten, hätten sie den Gegner vernichten können.

Sie warteten statt dessen ab und gaben den Preußen die Gelegenheit, südlich von Leuthen einzuschwenken und die gesamte österreichische Linie von dort her aufzurollen. Die österreichischen Generale ließen jetzt alle Truppen ihres rechten Flügels so schwenken, daß sie eine Front gegenüber der von Süden anrückenden preußischen Armee bildeten. Aber sie machten den Fehler, den Ort Leuthen nicht stark genug zu besetzen. In dem „Journal des Siebenjährigen Krieges“ des Adjutanten des Königs, dem Hauptmann Friedrich Wilhelm Ernst Freiherr von Gaudi, heißt es dazu: „Der König hielt also dafür, daß, um die ganze Sache zu entscheiden, nichts Übrig sey, als dasselbe ( das Dorf Leuthen ) zu attaquiren, und stellete dazu die Ordre. Dieser Angriff wurde mit der größten Hertzhaftigkeit von unserer Infanterie gemacht, ohnerachtet sie der Feind mit einem heftigen Canonen- und kleinem Gewehr-Feuer empfing. Sie wurde indessen, da das Dorf nicht stark besetzt war, bald Meister von demselben, und das 3te Bataillon Garde vertrieb den Feind von dem stark besetzten Kirchhofe.“

Da die preußische Kavallerie des linken Flügels, die bisher noch gar nicht zum Einsatz gekommen war, einen Angriff der österreichischen Reiterei von deren rechten Flügel her abwehren konnte, war die Schlacht bei Einbruch der Dunkelheit entschieden.

Die österreichische Armee hatte insgesamt fast 8000 Mann (Tote und Verwundete) sowie nahezu 12000 Gefangene, 131 Kanonen, neun Standarten und 46 Fahnen eingebüßt. Die Verluste der Preußen beliefen sich auf nicht ganz 6400 Mann.

Der Erfolg der Schlacht lag nicht nur auf dem Schlachtfeld. Der Nimbus des Königs war nach den beiden siegreichen Schlachten wieder gefestigt. Außerdem ergab sich am 21. Dezember die österreichische Besatzung von Breslau (17600 Mann), so daß außer der Festung Schweidniz und grenznahen Teilen Oberschlesiens ganz Schlesien wieder in preußischer Hand war und für die Wintereinquartierung zur Verfügung stand.

 

Die Schlacht von Leuthen machte »Nun danket alle Gott« zum Choral von Leuthen

Als die preußischen Truppen am 5. Dezember 1757 bei Leuthen gegen die Österreicher in die Schlacht zogen, begannen sie den Tag mit dem Gesang des Kirchenliedes „Gib, daß ich tu mit Fleiß, was mir zu tun gebühret“. Nachdem die Österreicher in die Flucht geschlagen worden waren, stimmte am Abend im Feldlager bei den lodernden Wachtfeuern ein preußischer Grenadier den Choral „Nun danket alle Gott“ an, und vieltausendstimmig fiel das preußische Heer ein.

Das 1636 entstandene Lied stammte von Martin Rinckart; es setzte sich Johann Crügers Melodiefassung von 1647 durch. Erst im Verlauf der Befreiungskriege wurde dieser Choral von Leuthen zum spezifischen Dankgesang der preußischen Armee.

Als 1824 Friedrich Wilhelm III. in der Umgebung von Leuthen das Königsmanöver abhielt, fand sich noch ein Veteran, der dem König den Platz bezeichnen konnte, an dem Friedrichs des Großen siegreiche Armee den Choral von Leuthen angestimmt hatte. Friedrich Wilhelm III. war überzeugt, daß der Sieg von 1757 vor allem dem großen Alliierten (Gott) zuzuschreiben sei, wodurch das Feldherrengenie Friedrichs des Großen aber nicht geschmälert wurde.

Als Dankesbezeugung gegen den himmlischen Schlachtenlenker ließ er Bäume für einen Ehrenhain anpflanzen und an einem provisorischen Altar Feldgottesdienst abhalten: „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen, der große Dinge tut …“ Bei der 150-Jahrfeier der Schlacht setzte Wilhelm II. einen eigenen Akzent. Der Kaiser ließ an der Stelle, an der das Danklied intoniert worden war, einen 24 Meter hohen Obelisken aus schlesischem Sandstein aufrichten. Über ein Bronzemedaillon mit dem Brustbild Friedrichs II. war die Inschrift gesetzt: „Nun danket alle Gott“.

Im 20. Jahrhundert trug während der Zwischenkriegszeit die Ufa mit ihren Fridericus-Filmen zur politischen Aufladung des Chorals von Leuthen bei. 1932 stellte Carl Froelich seinen Fridericus-Film unter dem Titel „Der Choral von Leuthen“. Dieser Film passierte am Tag der „Machtergreifung“ die in der Weimarer Republik bestehende Filmzensur. Als er in die Lichtspielhäuser gelangte, traf er bei einem Großteil des Publikums auf eine enthusiastische Stimmungslage, die durch den „Tag von Potsdam“ noch verstärkt wurde. Beim Staatsakt in der Garnisonkirche erklang der Choral von Leuthen. In diesem Kontext erhielt er die Bedeutung eines preußischen Hymnus, geeignet, die vergangene Größe der preußisch-deutschen Monarchie mit der sich jung und revolutionär-dynamisch gebenden NS-Bewegung wirkungsvoll zu verbinden. Die Wahl dieses Liedes war zugleich eine Verbeugung der neuen Machthaber vor den Symbolen preußisch-deutscher Militärfrömmigkeit und Militärtradition – mit der Absicht, die konservativen Eliten und das nationalprotestantisch empfindende Bürgertum für das Dritte Reich zu gewinnen.

Im Nachkriegsdeutschland verlor sich der mythische Anhauch, der dem Choral von Leuthen anhaftete. Große Teile der Nachwachsenden wußten bald nichts mehr über die Zusammenhänge, aus denen diesem Kirchenlied sein hoher Rang in der nationalen Tradition zugewachsen war, wenn sie denn überhaupt noch dieses Lied kennenlernten.

Nachdem die Berliner Mauer gefallen war, traf sich Bundeskanzler Kohl mit DDR-Ministerpräsident Modrow in Dresden. Bei seinem Auftritt vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche fürchtete Kohl, die leidenschaftlich bewegte Menschenmenge werde die erste Strophe des Deutschlandliedes singen. Um das zu vermeiden, hatte Kohl vorgesorgt. Er hatte einen Kantor mitgebracht, der in dem befürchteten Augenblick über das Mikrophon „Nun danket alle Gott“ anstimmen sollte. Das wäre sicher ein Fiasko geworden, denn in der weithin entchristlichten DDR hätte allenfalls eine kleine Minderheit diesen Choral mitsingen können.

Vielleicht hatte Kohl Wochenschauaufnahmen vom Oktober 1955 in Erinnerung. Damals sangen die von Adenauer heimgeholten Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion beim Empfang im Heimkehrerlager Friedland voller Inbrunst den Choral von Leuthen, der hier so ganz zu ihrer persönlichen Situation paßte.

Durch die Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat der Choral von Leuthen auch Eingang in das katholische Gebet- und Gesangbuch „Gotteslob“ gefunden, das in allen Diözesen deutscher Zunge benutzt wird. So konnte es am vierten Sonntag nach Epiphanias 2006 zu einem Kuriosum kommen. ZDF und ORF übertrugen die sonntägliche Messe aus der Jesuitenkirche in Wien. Die Gläubigen sangen unter anderem „Nun danket alle Gott“. Wahrscheinlich wollten die Wiener Jesuiten damit Preußen keine Reverenz erweisen (falls sie überhaupt wußten, daß sie den Choral von Leuthen ausgewählt hatten). Eher schon könnte man dies als eine ökumenische Geste verstehen. Auf jeden Fall hatten die Patres eine gute Wahl getroffen, denn dieser Choral gehört nach Text und Melodie zum wertvollen Kernbestand des gesamtdeutschen geistlichen Liedschatzes.  Manfred Müller

Foto: Schlacht von Leuthen: Gemälde von Carl Röchling (* 18. Oktober 1855 in Saarbrücken; † 6. Mai 1920 in Berlin)


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