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08.12.07 / Die heimliche Herrin von Bayreuth / Zum Tod von Gudrun Wagner

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

Die heimliche Herrin von Bayreuth
Zum Tod von Gudrun Wagner
von Silke Osman

Sie galt vielen als die „graue Eminenz“ auf dem Bayreuther Festspielhügel, als die eigentliche Herrin der Richard-Wagner-Festspiele. Seit Gudrun Wagner nun am 28. November unerwartet im Alter von nur 63 Jahren starb, ist das Rätselraten um den Fortgang der Festspiele groß. Lange hatte es keine solche Rangelei um die Nachfolge des von Krankheit gezeichneten 88jährigen Wolfgang Wagner gegeben wie in den letzten Jahren.

Gudrun Wagner geborene Armann stammte aus dem ostpreußischen Allenstein, wo sie 1944 geboren wurde. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Regensburg.

Die angehende Fremdsprachenkorrespondentin verbrachte ein Jahr in Frankreich und war zwei Jahre in England als Au-Pair-Mädchen. 1965 meldete sie sich auf eine Anzeige in der „Süddeutschen Zeitung“: „Kulturbetrieb in Nordbayern sucht Mitarbeiterin.“ Wolfgang Wagner war angetan: „Das Mädchen nehmen wir.“ Sehr früh zeigte Gudrun in Bayreuth ihr Engagement und ihren Ehrgeiz, sie schien ihre Lebensaufgabe gefunden zu haben. 1970 heiratete sie Dietrich Mack, einen engen Mitarbeiter Wolfgang Wagners und den Herausgeber der Cosima-Briefe, ließ sich jedoch nach sechs Jahren von ihm scheiden, um den Chef auf den Grünen Hügel zu ehelichen. 1978 wurde Tochter Katharina geboren.

Ein Leben als Hausfrau und Mutter aber schien der resoluten Ostpreußin nicht zu liegen. 1985 von Wolfgang Wagner zur persönlichen Referentin ernannt, erkannte sie bald die Chancen, die in dieser Position lagen. Von anderen als heimliche Herrin auf den Hügel gefürchtet, sah sie sich selbst als „Libero des Festspielhauses“ oder als „Frau im Feuer“.

Kritiker warfen ihr einen „harschen Führungsstil“ vor, mit dem sie bei der Dirigenten-, Sänger- und Regisseursauswahl mit entschied. Ihr Mann würdigte in einem „Spiegel“-Interview ihren künstlerischen Einfluß: „Beim allgemeinen Männer-Wahn unter den Regie-Machos entdeckt, bereichert und korrigiert eine Frau vor allem die weiblichen Elemente einer Figur oder die weiblichen Aspekte einer Geschichte.“

Von ihr selbst ist der Satz überliefert: „Wenn ich meine Arbeit richtig machen will – und wer will das nicht? –, dann habe ich natürlich die Fäden in der Hand; sonst würde es hier nämlich nicht laufen.“ Es wurde aber auch kolportiert, daß sie Anrufer, die Wolfgang Wagner verlangten, mit dem Satz abservierte: „Ich bin mein Mann.“

Gudrun Wagner ist tot. Sie wird im engsten Familienkreis bestattet werden. Ort und Zeit des Begräbnisses sollen geheimgehalten werden. Am 13. Dezember soll aber in der Bayreuther Ordenskirche eine Trauerfeier für die Verstorbene stattfinden.

Mit dem Ableben dieser starken Frau wird die Diskussion um die Nachfolge auf dem Grünen Hügel erneut aufflammen, und für den Stiftungsrat, der das letzte Wort in dieser Angelegenheit hat, besteht jetzt dringender Handlungsbedarf, denn Wolfgang Wagner wird kaum in der Lage sein, seine Führungsposition ohne die Frau an seiner Seite wahrzunehmen. Inwieweit Tochter Katharina, die im Sommer mit ihrer „Meistersinger“-Inszenierung von sich reden machte und auf Wunsch der Eltern die Nachfolge antreten sollte, vom Stiftungsrat aber abgelehnt wurde, wieder Chancen hat, bleibt dahingestellt. Ganz in der Tradition Bayreuths steht eine weitere Frau auf der Kandidaten-Liste: Wagner Tochter Eva Wagner-Pasquier aus der ersten Ehe, und auch Nike Wagner, die Tochter von Wolfgangs Bruder Wieland, wird immer noch genannt. Frauen auf dem Grünen Hügel hatten schon immer „gute Karten“, angefangen bei Cosima, der Frau Richards, die nach dem Tod ihres Mann 1883 bis 1906 die Geschicke der Festspiele in ihre Hand nahm, bis zu Winifred, der Witwe ihres Sohns Siegfried. Es wird also weiterhin turbulent zugehen auf dem Grünen Hügel.


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