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08.12.07 / Biosprit kann Leben kosten / Benzin aus Agrarprodukten treibt Lebensmittelpreise hoch

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

Biosprit kann Leben kosten
Benzin aus Agrarprodukten treibt Lebensmittelpreise hoch
von Hans Heckel

Regenerative Energien“ haben einen ausgezeichneten Ruf, sie gelten als Antwort auf die Verknappung fossiler Brennstoffe wie Öl und Kohle ebenso wie als Alternative zur Kernkraft.

Zu den Quellen regenerativer Energien zählen die nachwachsenden Rohstoffe, Treibstoffe vom Acker also, die aus Feldfrüchten wie Raps, Palmöl oder Mais gewonnen werden. Der „Energiewirt“ als Ergänzung zum herkömmlichen Landwirt sei das Konzept der Zukunft, verkünden die Protagonisten der Bio-Energie-Bewegung.

Welche dramatischen Folgen die Verarbeitung von Feldfrüchten zu Energiequellen für die Menschen haben kann, davon indes bekam Mexiko Anfang 2007 einen Vorgeschmack. Das Land wurde erschüttert von der „Tortilla-Krise“. Tortilla-Krise? Was in den Ohren der Europäer zunächst wie ein Witz klang, hatte für die Ärmsten der 110 Millionen Mexikaner einen bitterernsten Hintergrund.

Die „Tortilla“ ist das typische Fladenbrot, das auf dem Speisezettel der einfachen Mexikaner den gleichen dominierenden Stellenwert hat wie einst die Kartoffel für die Deutschen. Tortillas werden aus Maismehl hergestellt, und Mais war billig – bis vor kurzem.

Um ihre Abhängigkeit von Erdölimporten zu verringern, subventioniert die US-Regierung neuerdings massiv die Produktion von Bio-Ethanol, das zum erheblichen Teil aus Mais gewonnen wird. Jährlich fließen 2,5 Milliarden Dollar an staatlichen Zuschüssen. Tankstellen, die zu 85 Prozent Bio-Ethanol anbieten wollen, werden überdies steuerlich begünstigt.

Washingtons Ziel ist es, daß bis Mitte des kommenden Jahrzehnts 15 Prozent des amerikanischen Benzinbedarfs mit aus nachwachsenden Rohstoffen gewonnenem Treibstoff gedeckt werden. Das hat den Mais-Markt binnen weniger Monate aus den Fugen gehoben. Lag der Abnahmepreis für 20 Kilogramm Mitte 2006 noch bei zwei Dollar, so stieg er bis zum Beginn dieses Jahres auf fast das Doppelte.

Einer der Hauptabnehmer für US-amerikanischen Mais war bislang Mexiko. Zwar sind die Löhne in der Agrarwirtschaft der USA weitaus höher als die in Mexiko, doch hochmechanisierte Anbaumethoden auf gewaltigen Feldern erlauben es den US-Bauern, ihre Ware dennoch deutlich preisgünstiger auf den Markt zu bringen als ihre südlichen Konkurrenten.

1994 schlossen sich die USA, Kanada und Mexiko zur Nordamerikanischen Freihandelszone, kurz Nafta, zusammen. Die mexikanische Führung fürchtete damals, von US-Billigmais überschwemmt zu werden, was den heimischen Bauern den Garaus gemacht hätte. Daher wurden enge Einfuhrquoten für US-Mais mit den neuen Partnern in der Nafta vereinbart.

Entgegen der mexikanischen Hoffnung konnten die Quoten nicht verhindern, daß zahllose kleine mexikanische Maisanbauer angesichts der Billigkonkurrenz aufgeben mußten. Die heimische Produktion ging zurück.

Dies war zunächst nur ein Problem für die betroffenen Bauern, der einfache Mexikaner bekam seine Tortilla sogar etwas günstiger. Das änderte sich nun schlagartig mit dem staatlich geförderten Ethanol-Boom auf dem US-Treibstoffmarkt, der die Preise für den Rohstoff Mais rasant in die Höhe schnellen ließ.

Für ein Kilo Tortillas mußten die Bewohner von Mexiko-Stadt nach wenigen Wochen statt umgerechnet 40 Euro-Cent nun 75 bezahlen – für die Millionen Armen, die ohnehin jeden Peso umdrehen müssen, um durch den Monat zu kommen, kaum zu verkraften.

Hunderttausende von ihnen zogen Ende Januar, Anfang Februar durch die Straßen der Hauptstadt, um ihrer Wut Luft zu machen. Geschäftemacher heizten die Stimmung zusätzlich an, indem sie teilweise umgerechnet bis zu 1,60 Euro für das Kilo Tortilla verlangten. Nach Angaben der Weltbank kann sich trotz der guten wirtschaftlichen Entwicklung der vergangenen Jahre mehr als jeder sechste Mexikaner ohnehin nicht ausreichend ernähren, die tatsächliche Arbeitslosigkeit wird auf 25 Prozent geschätzt.

Bittere Ironie: Gerade die Öko-Bewegung, die sich zum Vorreiter von regenerativen Energiequellen gemacht hat, betont oft und gern die soziale Komponente ihrer Forderungen: Die Verwendung fossiler Brennstoffe treffe besonders die Armen in der Welt, weil die Nachfrage der reichen Länder nach Kohle und Erdöl die Preise treibe, bis sie für die Armen nicht mehr erschwinglich seien.

Im vorliegenden Fall nun lag die Wahrheit genau andersherum: Hätten die reichen US-Amerikaner – statt die Ethanol-Nachfrage hochzufahren – auf konventionelles Erdöl gesetzt, wäre den armen Mexikanern nicht bloß der Tortilla-Schock erspart geblieben, Mexiko insgesamt hätte sogar seinen Nutzen daraus gezogen: Als erdölexportierendes Land profitiert der größte Staat Mittelamerikas an vorderster Stelle vom Petroleumdurst der Nordamerikaner – so wie es unter ihrem Bio-Energie-Boom zu leiden hat. Innerhalb der Ökologie-Bewegung hat das mexikanische Beispiel für einige Verwirrung gesorgt. Auch selbstkritische Töne sind zu vernehmen, ob hier nicht Ideologie die Suche nach vernünftigen Lösungen blockiert, den Blick für die sozialen Folgen so mancher Kampagne getrübt habe.

Ähnlich wie für die ökologischen Resultate der expandierenden Palmölproduktion. Gigantische Palmölplantagen verdrängen ausgerechnet den tropischen Regenwald, die Lunge der Welt, das artenreichste Biotop unserer Natur.

Foto: Reich an Mais? Bio-Sprit hat schon Unruhen ausgelöst.

 

Zeitzeugen

Peter Meyer – Ist seit 2001 Präsident des ADAC. Er versteht sich als Lobbyist frei fahrender Bürger. Er ist Betriebswirt und Mitglied der Bundesfachkommission Verkehrspolitik des Wirtschaftsrates der CDU. Der Inhaber einer Spedition trat bereits mit 21 Jahren dem ADAC bei.

 

Renate Künast – Die ehemalige grüne Landwirtschaftsministerin war bei der Biospriteinführung ganz vorn dabei. Trotz einer durch das Bundesumweltamt erstellten niederschmetternden Studie über die Spritproduktion aus Raps hält Künast noch heute an der Idee fest. Nachgewiesen ist, daß der CO2-Ausstoß bei der Rapsölverbrennung unwesentlich geringer ist als bei herkömmlichen Kraftstoffen, die Produktionskosten sind enorm hoch, für Künast und die Grünen kein Problem. Hauptsache Bio.

 

John D. Rockefeller – Der 1839 geborene Unternehmer wurde mit der Standard Oil Company zum mehrfachen Millionär und galt mit einem Vermögen von 900 Millionen US-Dollar als der reichste Mann seiner Zeit. Nach der Zerschlagung seines Unternehmens in 34 Einzelfirmen fielen die Aktien ins Bodenlose. Er kaufte jedoch die Aktien seines Unternehmens auf und verdiente am Anstieg der Papiere rund 200 Millionen Dollar. Mit der Verbreitung des Automobils und dem durch Ausbruch des Ersten Weltkrieges steigenden Bedarf an Öl begründete Rockefeller den Reichtum des Familienclans.

 

Friedrich Bergius – Der 1884 geborene Chemiker reichte 1913 ein Patent über ein Verfahren zur Verflüssigung von Braunkohle ein. Gemeinsam mit dem Chemiker Matthias Pier gelang es ihm, Kohle unter Beimengung von Schweröl unter hohem Druck zur Reaktion zu bringen. Als Reaktionsprodukt entstand unter anderem Benzin.

 

Rudolph Diesel – Der 1858 in Paris geborene deutsche Ingenieur schloß 1875 die Ausbildung an der Industrieschule in Augsburg als Bester ab. Am 27. Februar 1892 meldete Diesel beim Kaiserlichen Patentamt zu Berlin ein Patent auf eine „Neue rationelle Wärmekraftmaschine“ an. In weiteren Arbeiten entstand so der erste Dieselmotor. Nachdem unzählige Versuche mit Petroleum als Brennstoff scheiterten, probierte er mit Erfolg verschiedene Pflanzenöle aus.


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