01.12.2021

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08.12.07 / Die Ressource Oma und Opa

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

»Moment mal!«
Die Ressource Oma und Opa
von Klaus Rainer Röhl

In einer heiteren Komödie über die Zustände in England im 18. Jahrhundert mit dem Titel „Pauken und Trompeten“ fällt ein Regiment Soldaten wie ein Heuschreckenschwarm in ein Städtchen ein, um dort Rekruten für den Krieg in Amerika anzuwerben. Die Soldaten leben auf Kosten der Bevölkerung, und bald hat auch jeder ein Mädchen, mit dem er „fraternisiert“. Am Ende des Sommers ist das Regiment auf dem Marktplatz zum Abschied angetreten, und jeder Soldat überreicht auf Befehl des Hauptmanns seinen Mädchen eine – Dattel. „Und diese Dattel, das war alles, was sie sah / Mehr als die Dattel war ja gar nicht für sie da, ach ja“, heißt der Song, mit dem Bertolt Brecht diese Szene abschließt. Brecht hat diese altenglische Komödie geklaut, wie fast alles in seinem Leben. Aber er hat die richtige Lehre herausgearbeitet: Geschenke kosten. „Jeder eine Dattel, und das macht ein ganzes Pfund“, rechnet der Hauptmann aus.

Im Sommer bekam ich ein mit dem Computer geschriebenes Blatt Papier vom Rentenamt. Ein liebloser Wisch‚ rausgepfeffert aus der Maschine in zwei Sekunden, nicht unterschrieben, gerade hatte man dem Computer noch meine Adresse eingegeben, macht, mit Adressen-Programm, nochmal zwei Sekunden. Der Inhalt, vom obersten Rentenchef erdacht und ausformuliert in sagen wir zehn Minuten: Wir können Ihnen erfreulicherweise mitteilen, daß ihre Rente ab 1. Juli um 0,54 Prozent erhöht ist, also um genau 5,21 Euro angestiegen ist. Gleichzeitig bekam ich einen anderen Computer-Wisch von der AOK: Nach einer erneuten Überprüfung wurden Ihre Beitragsätze für die Pflegeversicherung um 0,82 Euro angehoben. Von der Rentenerhöhung blieben also exakt 4,39 Euro übrig. Alle Zahlen aus diesem Jahr und von diesem Autor. Direkt aus dem Leben gegriffen.

Mehr Geld für die Rentner war einfach nicht da. Jeder eine Dattel, macht ein ganzes Pfund. 1,2 Milliarden kostet die Rentenerhöhung von Juli 2007. Sollen wir das nachrechnen, das Gegenteil nachweisen? 2,55 Prozent beträgt jetzt schon der Anstieg der Lebenshaltungskosten. Das bedeutet eine Preissteigerung von über zwei Prozent für die Alten, die 50 Jahre lang oder länger die Bundesrepublik aufgebaut haben. Rentner und ihre Frauen sind überwiegend die Ärmsten der Armen (Durchschnitt: 950 Euro Rente). Neue, happige Preiserhöhungen für Strom, Gas und Heizöl stehen bevor. Von Benzin oder Fahrpreisen ganz zu schweigen.

Aber die Kanzlerin sagte in der Bundestagsdebatte vom 22. November: „Der Aufschwung kommt bei den Menschen an. Bei immer mehr Menschen.“ Gehören die sechs Millionen Rentner nicht zu den „immer mehr Menschen“?

Mußte erst ausgerechnet Gregor Gysi von der „Linken“ im Bundestag aussprechen, daß es lächerlich ist von der Kanzlerin, vom einem Aufschwung zu sprechen, der viele erfaßt hat? Mußten wir uns das von diesem einstigen Parteigänger Honeckers sagen lassen? Spricht denn sonst niemand von den Rentnern außer den Nachfolgern der SED und der rechten Parteien? Wo bleiben die Grünen, wenn schon nicht die FDP? Wo bleibt die CSU, die zuverlässige Verbündete der kleinen Leute und heimliche Opposition gegen die Einheitsfront der Großen Koalition? Und, unabhängig von den Reden und Ankündigungen, die noch kommen werden vor und nach Weihnachten, wo bleibt das Geld? Geld ist nicht Liebe, aber es zeugt von Zuwendung. Und an dieser Zuwendung fehlt es.

Wahltag ist Zahltag, aber bis kurz vor diesem Zahltag gibt es für Rentner eben kein Geld. Ebensowenig wie es ein, hundertmal versprochenes, Signal an die Vertriebenen geben wird, das „Zentrum gegen Vertreibungen“. Vielleicht – unmittelbar vor der nächsten wichtigen Landtagswahl in Hessen. Wenn wir Glück haben und nicht die Polen in letzter Minute noch einmal die Stirn runzeln und Geld für eine Gedenkstätte in Krakau verlangen oder in den Sümpfen von Wolhynien, woraus Stalin sie 1939 vertrieben hat, nach Ostpreußen. Und das Geld dafür. Geschenkt, wird die Bundesregierung sagen. Geschenke kosten.

Wir aber, Rentner und Vertriebene, wollen auch Weihnachten gar keine Geschenke. Sondern nur die Einhaltung von öffentlich gegebenen Versprechen. Auch eine spürbare Rentenerhöhung ist ja kein Geschenk. Sondern die Einhaltung einer Zusage, die beim Abschluß der Rentenversicherung gegeben wurde. Für die Rentner ist kein Geld da, heißt es. Selbst die 1,2 Milliarden waren eigentlich noch zu viel, heißt es. Der wahre Grund ist: Die Rentner haben keine Lobby im Bundestag. Man erwartet von ihnen, daß sie keine Extremisten von links und rechts wählen. Man erwartet von ihnen, daß sie jedenfalls nicht ewig leben und solange ruhig und besonnen bleiben wie seit über 50 Jahren.

Was machen sie in der Zwischenzeit? Sie kommen mit dem Geld aus. Wie immer. Sie legen sogar noch was auf die hohe Kante. Rätselhaft. Sie fahren, notfalls mit dem Fahrrad, zu Aldi, zu Lidl oder / und Plus, wo es auch die besten Pfefferkuchen und billigsten Nüsse gibt, und genießen ihren Ruf, immer noch Geld zu haben. Opa hat immer Geld. Oder Oma. Selbst im Pflegeheim. Die kann man immer anhauen, wenn man sich was Besonderes zu Weihnachten wünscht. Geh doch mal zu Opa. Wenn du unbedingt den iPod haben willst, die Playstation mit dem Harry Potter-Spiel zum Selbstzaubern, den Motorroller ohne Führerschein, die Skireise nach Zakopane und den billigen Winterflug in die Anden.

Halt, leeve Landslüd. Nicht immer so spendabel, und nicht wahllos Schrott kaufen, der im nächsten Jahr schon auf dem Sperrmüll liegt. Aus Angst, die Gunst der Kleinen zu verlieren. Wir werden nicht wegen unserer Geschenke geliebt. Nicht gedankenlos Geld ausgeben in diesem Jahr: Prüfen Sie, ob die kleinen Racker und ihre Eltern Opa und Oma auch sonst so regelmäßig besuchen kommen oder nur auffällig oft vor Weihnachten. Liebe kann man nicht für Laptops erkaufen, Anwesenheit und Zuwendung nicht für Geld. Wir haben mehr als Geld, wir sind sogar reich. Reich an Erinnerungen und an Erfahrungen, gesammelt in einem ganzen Leben sowie sechs Kriegs- und Nachkriegsjahren, die doppelt zählen, nicht nur im Schlimmen. Wie wäre es, wenn wir den Enkeln statt Playstations und iPods auch mal immaterielle Werte schenken, Märchen vorlesen, selber schreiben, ein Tonband besprechen, statt eins zu kaufen, erzählen, statt von der bunten und verwirrenden, chaotischen Welt des Harry Potter von der aufregenden Welt in Ostpreußen, von der kalten Heimat und den warmen, überheizten  Stuben mit den Doppelfenstern und dem Kachelofen mit den gebratenen Äpfeln in der Bratröhre, den Eiszapfen vom Dach und den Eisblumen an den Fenstern. Grimms Märchen vorlesen, Kinderlieder vorsingen, die die Enkel noch nie gehört haben? Versuchen Sie es mal. Warum in die Ferne schweifen und sich Gedanken machen, weshalb die Kinder so wenig nachhaltiges Interesse haben oder so schnell das Interesse verlieren an allem, so daß man immer wieder diskutieren muß, ob der oder die Erzieherin in der „Kita“ vielleicht nicht geeignet war oder nicht die richtige Einstellung zu den Kindern gefunden hat und selbst „Probleme hat“. Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt. Die Ressource Oma und Opa liegt derweil ungenutzt herum. Liebe Omas und Opas! Probieren Sie es, rechtzeitig und unermüdlich, auch wenn es mal Rückschläge gibt. Wenn es partout in der eigenen Familie nicht klappt, geht es in der Nachbarschaft, bei der Senioren-Patenschaft. Schenken Sie sich zu Weihnachten einem Kind: Es ist ja genetisch dazu angelegt, von Älteren und Verwandten in seiner Umgebung zu lernen, und es wird  immer dankbar sein für die Zuwendung, für die man keine Kita-Erzieherin bezahlen kann. Und es wird vermutlich sein Leben lang die Oma oder den Opa nicht vergessen. Es wird die Lieder nicht vergessen und die Melodie der lange tradierten Musik, die Sprache der Märchen der Brüder Grimm, die zwar im 19. Jahrhundert erst aufgeschrieben wurden, aber meist ein viel älteres Sprachgut transportieren, wird in seinem Inneren noch bis zu seiner Studienzeit nachklingen und ihm helfen, seine eigene Sprache besser zu verstehen und das dummerhafte Denglisch der Warenwelt leichter zu durchschauen. Und nur so wird es erst wirklich befähigt sein, die Schönheiten anderer Länder und anderer Kulturen aufrichtig wahrzunehmen und sich an ihnen zu freuen, mit der Heimat im Herzen – das andere. So einfach ist das. So wie andere Völker es tun, ganz selbstverständlich, Polen, Italiener, Griechen und Franzosen. Machen Sie zu Weihnachten einen Versuch. Fangen Sie für sich selbst gleich einmal damit an, eins der Märchen der Brüder Grimm zu lesen,  am besten das Märchen vom Großvater, der das Schüsselchen zerbrochen hatte.


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