01.12.2021

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08.12.07 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,

liebe Familienfreunde,

noch immer klingen die Tage in Bad Pyrmont in mir nach, und so wird es auch anderen Teilnehmern des Adventsseminars der Ostpreußischen Familie, das am letzten Novemberwochenende im Ostheim stattfand, ergehen. Noch nie habe ich es so bewußt empfunden, daß wir wirklich eine ganz besondere „Familie“ sind, und auch diejenigen, deren Geburts- oder Elternheimat nicht Ostpreußen ist, haben sich in diesen Kreis eingefügt und es auch bekundet. Wenn ich sagen soll, warum die Verbundenheit diesmal so spürbar war, müßte ich viele Gründe nennen, die von dem großen Interesse an dem Hauptthema „Flucht und Vertreibung“ und dem damit verbundenen eigenen Erleben bis zum gemeinschaftlichen Verarbeiten der noch immer nicht bewältigten Probleme reicht. „Du sollst nicht allein sein!“ war einmal das Leitmotiv, als das Ostpreußenblatt vor nunmehr 37 Jahren die Rubrik „Die Ostpreußische Familie“ schuf. Es hat seine Bedeutung im Laufe der Jahrzehnte nicht verloren, sondern im Gegenteil verstärkt und in diesem Seminar seine sichtbare Bestätigung gezeigt.

Das ist um so erfreulicher, als die Realisierung dieser Veranstaltung doch erst nach einigen Schwierigkeiten ermöglicht wurde. Geplant war ursprünglich ein Symposium, das nach der Ausstrahlung des TV-Films „Die Flucht“ aufgrund der regen Leserreaktion spontan konzipiert wurde. Leider konnte der kurzfristig angesetzte September-Termin aus verschiedenen Gründen nicht eingehalten werden, so daß eine Verschiebung der Veranstaltung auf den Februar 2008 erfolgte. Diese Planung besteht auch weiterhin, der neue Termin wird rechtzeitig in unserer Zeitung bekanntgegeben. Das Symposium wird die Palette der TV-Verfilmungen zu dem Thema „Flucht und Vertreibung“ auf der Basis des Spielfilms „Die Flucht“ breit auffächern, daher ist es nach wie vor auf vier Tage angesetzt. Daß die überwältigende Reaktion – nicht nur der Vertriebenen – auf diesen Film noch lange nicht verebbt ist, beweist die Tatsache, daß „Die Flucht“ als bester TV-Spielfilm des Jahres gerade den „Publikums-Bambi“ erhalten hat.

Nun bot sich aber für die „Ostpreußische Familie“ die Möglichkeit, Ende November ein Wochenend-Seminar zu veranstalten mit der Vorgabe, auf diesem das Thema „Flucht und Vertreibung“ in den Mittelpunkt zu stellen. Zuerst stand natürlich die Frage im Raum: Ist es überhaupt möglich, zwei Veranstaltungen unter diesem Themendach zu realisieren, ohne daß es Überschneidungen oder Wiederholungen gibt? Sie konnte schnell gelöst werden, da wir ja das Seminarprogramm auf der Basis unserer bisher geleisteten und aktuellen Zeitungsarbeit aufstellen konnten. Wir wollten ein Spiegelbild unserer Schicksalsgemeinschaft bieten, das in solch einer Breite und Intensität auf dem Symposium nicht zu realisieren gewesen wäre. Und ich glaube, das ist uns auch gelungen, wie uns der Teilnehmerkreis bestätigte.

Schon am ersten Seminarabend, an dem ich meine Flucht als erwachsene Frau aus Königsberg über See schilderte – als Zeitzeugin und Schriftstellerin – durfte ich die Anteilnahme spüren, die mir die Zuhörer entgegenbrachten. Die verdichtete sich am nächsten Tag, als die TV-Dokumentation „Die Flucht der Frauen“ gezeigt wurde, in der unsere Mitarbeiterin Anita Motzkus beim Besuch ihres Elternhauses in Schönlinde, Kreis Gerdauen die Zuschauer in ihre Kinderheimat führt, die nur kurz eine glückliche war, denn die Fünfjährige wurde zum „Wolfskind“ und mußte für sich und die kleine Schwester um das nackte Überleben kämpfen. Hatte schon bei der Sendung der Dokumentation dieses Schicksal viele Leserinnen und Leser berührt, wie wir aus den spontanen Zuschriften entnehmen konnten, so wurde nun nach der Filmpräsentation im Ostheim im Gespräch mit Anita Motzkus dieses Mitfühlen sicht- und spürbar. Es war eine sehr bewegende Stunde, die starke Emotionen weckte. Die noch deutlicher wurden bei der Lesung „Flüchtlingsschicksale in der Literatur“. Für diese hätten wir keinen besseren Interpreten als den Schauspieler Herbert Tennigkeit finden können, Ostpreuße von Geburt und ein bekennender dazu. Es war ein Glück, daß sein Terminkalender dieses letzte Novemberwochenende frei gab. Wir hatten gemeinsam die Beiträge ostpreußischer Dichter und Schriftsteller ausgewählt, die Flucht und Vertreibung in Lyrik und Prosa zum Inhalt haben, und wohl eine gute Wahl getroffen, denn es wurde eine – für die meisten Teilnehmer in diesem Seminarrahmen kaum erwartete – Sternstunde ostdeutscher Literatur. Die mit dem Gedicht „Wagen an Wagen“ von Agnes Miegel begann und mit ihrem „Weihnachten des Flüchtlingskindes“ endete. Bewegend erzählt wie aufgenommen die Erzählungen von Arno Surminski „Der Schrecken hat viele Namen“ und „Die Mutter“, „Das Wiedersehen“ von Hansgeorg Buchholtz, „Die Mutter und das Marjellchen“ von Tamara Ehlert. Und dann, aus der Sicht eines Dichters aus einer anderen Welt, die Verse des chilenischen Nobelpreisträgers Pablo Neruda „Ruinen am Meer“, die er nach einem Besuch des zerstörten Danzig schrieb.

Behutsam führte dann Herbert Tennigkeit zu späterer Stunde mit der liebevollen Erinnerung an seine Kinderweihnacht an der Memel in den „Ostpreußischen Adventsabend“ über, den wir gemeinsam gestalteten, zu dem die Schriftstellerin Elisabeth Krahn ihre Erzählung „Weihnachten im Oberland“ beitrug und den unser stets kooperativer Landsmann Alfred Bendzuck musikalisch umrahmte. Und wir sangen uns mit altbekannten – auch heimatlichen – Adventsliedern in die Vorweihnacht hinein auf diesem – wie immer auf unseren Familien-Seminaren – liebevoll vom Ehepaar Winkler gestalteten Abend, wobei ich nicht versäumen will, Herrn Ralph Winkler Dank zu sagen für den reibungslosen und so harmonischen gesamten Ablauf des Seminars.

In den sich auch mein Beitrag über „Flucht und Vertreibung im Spiegel der Rubrik Ostpreußische Familie“ einfügte, mit dem ich aufgrund von besonders schwerwiegenden Schicksalen, die durch unsere Leserschaft aufgeklärt wurden, die Bedeutung unserer Arbeit aufzeigen und damit auch meinen Dank an deren unermüdliche Hilfsbereitschaft abstatten wollte. Was mir wohl gelungen ist, wie die rege Aussprache bewies, bei der auch von den Teilnehmenden eigene Erlebnisse eingebracht wurden. Die in Gesprächen auch außerhalb der Seminarstunden fortgeführt wurden, wobei es eine typische „Familien“-Überraschung gab: Zwei aus Labiau stammende Teilnehmerinnen fanden sich in der gemeinsamen Erinnerung, sie hatten in ihrer Heimatstadt fast Tür an Tür gewohnt.

Was unsere Kolumne für die PAZ / Das Ostpreußenblatt bedeutet, belegte am Sonntag Chefredakteur Klaus D. Voss in seiner Dokumentation über die Entwicklung unserer Zeitung von ihrer Geburtsstunde im Jahr 1950 an bis heute. Schon die erste Ausgabe zeigte eine Flüchtlingsfrau aus dem Samland mit ihrem Kind – damals füllten die Suchanzeigen den größten Teil des noch jungen Presseorgans, das für viele Vertriebene zur Brücke wurde, über die man wieder zueinander fand. Was engagierte Medienarbeit auch oder gerade heute bedeutet, veranschaulichte Chefredakteur Voss in seinem Lichtbildervortrag, der zu einer lebhaften Diskussion führte, in der immer wieder Zustimmung zu unserer Zeitung aufkam. Der Hamburger Journalist und TV-Kritiker Karlheinz Mose intensivierte mit einem spontanen Beitrag die Verdeutlichung der Bedeutung der Pressearbeit für die Vermißtensuche, indem er einen authentischen Bericht über die Aktion „Suchkind“ der „Hörzu“ gab, die in den 50er Jahren ganz Deutschland bewegte. Karlheinz Mose war damals Redakteur und engster Mitarbeiter des Chefredakteurs Eduard Rein und konnte so authentisch berichten, wie die Aktion, die zuerst „Sorgenkind“ hieß, mit dem Roman „Suchkind 312“ entstand, der in der in der „Hörzu“ weit über 200 Folgen erreichte und auch als Buch ein Bestseller wurde: durch eine Begegnung von Eberhard Rein mit einer im Verlagsgebäude tätigen Putzfrau aus Ostpreußen, die über ihr verlorenes Kind weinte, das sie bis dahin vergeblich suchte – und später fand! Als Kinofilm – mit Paul Klinger und Inge Egger in den Hauptrollen – erreichte das Thema damals ein breites Publikum. Durch die erneute Verfilmung mit Christine Neubauer erhielt das durch „Die Flucht“ geweckte Zuschauerinteresse eine flankierende Bedeutung, die sich durch weitere Sendungen über Vertriebenenschicksale noch verstärken wird. Wir dürfen gespannt auf das Symposium sein, für das unser Seminar eine gute Vorarbeit geleistet hat: 80 Prozent der Teilnehmer wollen wiederkommen! Das, glaube ich, sagt mehr als alle Worte.

Eure Ruth Geede

Foto: Die Leiterin des Adventsseminars der Ostpreußischen Familie mit je einem ihrer Referenten zur rechten und zur linken: Karlheinz Mose, Ruth Geede und Klaus D. Voss (von links nach rechts)


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