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08.12.07 / In schwerer Not Zeichen gesetzt / Vor 60 Jahren erhielt die für die Care-Pakete hauptverantwortliche Hilfsorganisation der Quäker den Friedensnobelpreis

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

In schwerer Not Zeichen gesetzt
Vor 60 Jahren erhielt die für die Care-Pakete hauptverantwortliche Hilfsorganisation der Quäker den Friedensnobelpreis
von Klaus J. Groth

Auch für Liebesgaben gibt es Normen. Sogar 15 unterschiedliche. Eine besonders beliebte Standardnorm enthielt Fleischkonserven, Speisefett, Zucker, Trockenmilch, Mehl, Schokolade, Kaffee, Kaugummi, Zigaretten sowie Seife, Wolldek-

ken, Nähzeug, Kleider und Schuhe. Zigaretten fehlten in Standard Nummer zwei ebenso wie Kaugummi. Dafür befanden sich Windeln darin, Saugfläschchen und Schnuller. Genau das, was für Kleinkinder unbedingt benötigt wird. Standard eins hingegen wurde für Erwachsene zusammengestellt.

Bestimmt waren diese Gaben für die notleidenden Menschen im zerstörten Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Bekannt wurden sie als Care-Pakete. Dieser Begriff machte geradezu Karriere als Synonym für Liebesgaben. Dabei ist das Wort, das wie „Caritas“ klingt, lediglich die zweckmäßige Abkürzung für „Cooperative for American Remittances to Europe“. 22 Organisationen und Wohlfahrtsverbände in den Vereinigten Staaten hatten sich im November 1945 zu dieser Initiative zusammengeschlossen, unter anderem die Heilsarmee, Gewerkschaften, die Church of Brothers, die Mennoniten – und federführend die Quäker. Vor 60 Jahren wurde die Hilfsorganisation der Quäker – der Friends Service Council (FSC) in London und das American Friends Service Committee (AFSC) Washington, D.C. – mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Als das Hilfsprogramm 1945 für das geschundene Europa entwickelt wurde, da war das geschlagene Deutschland noch keinesfalls unter den Adressaten aufgeführt. Doch bereits im Februar 1946 verfügte Präsident Harry S. Truman, die Aktion solle auch den Deutschen helfen. Bis die ersten Care-Pakete dann im August 1946 eintrafen, verging noch einmal ein halbes Jahr. Bis 1960 dauerten diese Hilfslieferungen im Westen Deutschlands an, in West-Berlin noch bis 1963. Acht Millionen Care-Pakete wurden über Bremen angelandet und in Deutschland ausgeliefert.

Umfang und Dauer dieser Hilfslieferungen ließen die Care-Pakete bis heute im Gedächtnis gegenwärtig bleiben. Dabei waren ihre Initiatoren keineswegs die einzigen, die den Deutschen in ihrer großen Not halfen. 214 Hilfsorganisationen aus 27 Ländern setzten sich für die Menschen im Deutschland der Nachkriegszeit ein.

Für die Quäker hatte die Hilfe für notleidende Menschen nach einem Krieg damals schon eine lange Tradition. Bereits 1813 gründeten deutsche und englische Quäker einen Hilfsfonds für die Opfer der napoleonischen Kriege in Sachsen. Ab 1870 stellten die Quäker ihre Hilfe in und nach Kriegszeiten unter das Zeichen des Quäkersterns. Damit wurde die „Quäkerhilfe“ zum Überbegriff für die Arbeit der Hilfswerke, welche die Quäker gegründet haben. Jedes Hilfswerk arbeitet eigenständig. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es die Quäker, die viele Menschen in Europa – vor allem in Deutschland, Frankreich, Serbien und Rußland – vor dem Verhungern bewahrten. So, wie sie es auch nach dem Zweiten Weltkrieg taten.

Menschen, die sich an die schweren Jahre nach dem Krieg erinnern, wissen die Bedeutung dieser Hilfe in kaum noch vorstellbarer Notzeit zu würdigen. Große Städte lagen in Trümmern, in nahezu jeder Familie wurde um Angehörige getrauert, ganze Jahrgänge der Männer fehlten, Invaliden gehörten zum Alltag. Es mangelte an Wohnraum, an Kleidung, an Essen. Kinder konnten nicht zur Schule gehen, weil sie keine Schuhe hatten. Schulen mußten schließen, weil Kohlen für die Heizung fehlten. Den Menschen, die als Flüchtlinge kamen, besaßen oftmals nicht mehr als das, was sie am Leibe trugen.

Keine Großstadt im Nordwesten Deutschlands hat mehr Flüchtlinge aufnehmen müssen als Lübeck. Die 1942 bei einem Luftangriff stark zerstörte Stadt zählte nach dem Ende des Krieges 250181 Einwohner. Das waren 100000 mehr als 1939. Mit Schiffen und über Land erreichten die Vertriebenen aus West- und Ostpreußen, aus Pommern und Mecklenburg in zwei Wellen die Stadt. Der große Zustrom setzte im Januar 1945 ein, als die ersten 1000 Menschen auf der Flucht vor der vorrückenden sowjetischen Armee eintrafen. Danach wurden es von Monat zu Monat mehr. Im Juni 1945 kamen 33500 Flüchtlinge nach Lübeck.

Die erste große Flüchtlings-Aktion lief unter der Bezeichnung „Influx”. Vom November 1945 bis zum Februar 1946 kamen 118800 Vertriebene aus besetzten Gebieten in das Lübecker Lager Pöppendorf. Die zweite Flüchtlingswelle erreichte mit der Aktion „Swallow” vom Februar 1946 bis zum Januar 1947 Lübeck. Sie führte weitere 195000 Vertriebene in die überfüllte Stadt. Gleichzeitig wurde das Lager Pöppendorf als Durchgangsstation für zu entlassende deutsche Kriegsgefangene genutzt. Während der ersten zehn Monate wurden monatlich im Durchschnitt 50000 Flüchtlinge durch das Lager geschleust. Das waren 1700 Menschen am Tag. 620000 Flüchtlinge lebten vorübergehend in Pöppendorf, bevor das Lager schließlich 1951 aufgelöst wurde.

Und längst nicht für alle war Pöppendorf nur Durchgangsstation. Viele haben dort lange unter den erbärmlichsten Umständen leben müssen. Nicht immer fanden die Flüchtlinge Aufnahme am Zielort, wenn sie aus dem überfüllten Lager Pöppendorf in ein anderes verlegt werden sollten. Sie mußten dann zurück. Ab April 1947 wurde Pöppendorf, nachdem auch andere Lager des Landes restlos belegt waren, zum Dauerlager.

Die Not der Menschen war allgegenwärtig – in Lübeck, das hier beispielhaft aufgeführt wird – und überall in Deutschland. Das Gesundheitsamt Lübeck zählte 1938 in der Stadt vier Typhusfälle, 1945 waren es 649, von der Ruhr hatte man 1938 zehn Fälle registriert, 1946 waren es 293. Die Tuberkulose wuchs im gleichen Zeitraum von 138 Fällen auf 2677 an, Keuchhusten und Krätze von Null auf 1532 beziehungsweise 6016 Fälle.

Hunger und Mangel bestimmten den Alltag. 1935 hatte die Ernährungskommission des Völkerbundes Richtlinien für die erforderlichen Tagesrationen veröffentlicht: 2400 Kalorien, für Frauen mit achtstündiger Hausarbeit 2800 Kalorien. Von Frauen, die auf den abgeernteten Feldern Kartoffeln stoppeln oder in den Städten Trümmer beseitigen mußten, war da nicht die Rede. 1945 entsprachen die für den normalen Tagesbedarf an Fett und Eiweiß gedachten Mengen einer Wochenration. Am schlimmsten war die Versorgungslage in der französischen Besatzungszone, etwas besser waren die Menschen in der britischen und der US-amerikanischen Zone dran. Der Winter 1946/47 war besonders hart, der darauf folgende Sommer war zu trocken, er brachte eine schlechte Ernte.

Die Sicherung des täglichen Brotes war die erste Sorge des Tages. Für viele Kinder war die Schulspeisung die einzige warme Mahlzeit des Tages. Dänische, schwedische Verbände begannen damit im März 1946. Ab 1947 gab es dann in der britischen und der US-amerikanischen Zone die sogenannte „Hoover-Speisung“. Herbert Hoover hatte im Auftrag der US-Regierung Europa bereist und Pläne für die Linderung der schlimmsten Ernährungsmängel entwickelt. Viele Kinder gingen nun mit dem alten Kochgeschirr aus Vaters Wehrmachtsausrüstung zur Schule. Besonders beliebt waren die Tage, an denen Schokoladensuppe mit Graupen ausgeteilt wurde.

Das war die Situation in Deutschland, als die ersten Care-Pakete eintrafen. Darum blieben sie fester Teil der Erinnerung an die Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Als Bundespräsident Theodor Heuss 1951 zu einer Dankspende aufrief, schrieb er: „Es wäre heute in Deutschland schlimm um uns alle bestellt, wenn uns in den Jahren der bittersten Not nicht so viele Völker der freien Welt aus freien Stücken hilfreich beigestanden hätten. Wir werden und dürfen nicht vergessen, daß die Geldspenden und all die Gaben in Millionen von Liebespaketen den Hunger von der Schwelle jagten, unzähligen Menschen, jung und alt, das Leben retteten, daß sie Schmerzen stillten und die Mutlosen neuen Mut fassen ließen.“

Die Spendenaktion der Deutschen für ihre Spender wurde 1953 abgeschlossen. Ihr Ergebnis: 1,5 Millionen Mark zum Kauf der Werke zeitgenössischer Künstler. Mit deren Bildern wollte man einen Teil des Dankes des deutschen Volkes abstatten.

Foto: Ein Segen für die leidgeplagte Bevölkerung: Verteilung von Produkten aus Care-Paketen im Flüchtlingslager Spenerstraße in Berlin-Moabit 1953


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