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08.12.07 / Wiederholt sich Geschichte? / Gedanken und Assoziationen zur Kriegserklärung der USA an Österreich-Ungarn am 7. Dezember 1917

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

Wiederholt sich Geschichte?
Gedanken und Assoziationen zur Kriegserklärung der USA an Österreich-Ungarn am 7. Dezember 1917
von Manuel Ruoff

Als Historiker hat man es nicht leicht. Häufig erlebt man, daß es heißt: „Geschichte mag ja ganz interessant sein. Aber das sind doch olle Kamellen, Schnee von gestern. Aber die Gegenwart. Das ist doch etwas ganz anderes, etwas völlig Neuartiges, mit Herausforderungen, die noch nie dagewesen sind.“

Spricht daraus nicht außer mangelhafter Kenntnis der Geschichte Egozentrik und die fehlende Bereitschaft zur Selbstreflexion, zur Selbstrelativierung? Natürlich wiederholt sich Geschichte nicht, und man kann das gar nicht oft genug wiederholen. Aber das Leben ist doch voller Parallelen, Analogien und Ähnlichkeiten.

Nehmen wir als Beispiel die Gegenwart. In welcher Situation befinden wir uns heute? Die Deutschen haben vor einigen Jahrzehnten in ihrem letzten großen Krieg – dem Zweiten Weltkrieg – eine verheerende militärische Niederlage erlitten. Sieger waren die Vereinigten Staaten von Amerika und deren Verbündete. Anschließend hatten wir eine bipolare Weltordnung. Der eine Pol waren die USA, der andere Pol war Rußland. Heute stehen noch immer Soldaten der USA in unserem Land. Wir sind inzwischen mit den USA verbündet. Wir führen als Juniorpartner der USA einen Krieg in einem dritten Land – Afghanistan.

Und wie war die Situation vor 195 Jahren, 1812, in Preußen? Preußen hatte einige Jahre zuvor in seinem bis dahin letzten großen Krieg – dem Vierten Koalitionskrieg von 1806/07 – eine verheerende militärische Niederlage erlitten. Sieger war Frankreich mit seinen Verbündeten. Anschließend hatte es eine bipolare Ordnung auf dem europäischen Kontinent gegeben. Der eine Pol war Frankreich, der andere Pol war Rußland. Vor 195 Jahren, 1812, standen immer noch Soldaten Frankreichs in Preußen. Preußen war mittlerweile mit Frankreich verbündet. Preußen führte als Juniorpartner Frankreichs Krieg in einem dritten Land – Rußland.

Nun heißt es aber, einen „asymmetrischen Krieg“ – das neue Zauber- und Modewort – hätten wir noch nie gehabt. Das sei eine völlig neue Herausforderung, die völlig neue Mittel verlange. Dabei gab es asymmetrische Kriege schon früher – gerade auch in der eben angesprochenen Zeit, der napoleonischen. Damals nannte man das „kleiner Krieg“. Wenn eine Hegemonialmacht nach einer unipolaren Ordnung strebt – sei es nun die einzige verbliebene Supermacht USA global oder Napoleons Kaiserreich auf dem europäischen Kontinent –, kann es immer Widerstände geben und militärisch unterlegene Kräfte, die als Alternative zur Unterwerfung nur den asymmetrischen Krieg, den sogenannten „Krieg des kleinen Mannes“, den „kleinen Krieg“, den irregulären Krieg, den entgrenzten Krieg sehen. In der napoleonischen Zeit bedienten sich insbesondere die Spanier dieser Kriegsführung, aber auch die Tiroler taten dies. Heute sprechen insbesondere die USA hinsichtlich der irregulären Kämpfer von Terroristen, damals sprach man von Guerillakämpfern.

Nun mag man einwenden, die spanischen Guerillakämpfer hätten im Gegensatz zu El-Kaida ihren Kampf nicht in das Land des Gegners getragen und nicht gezielt Zivilisten getötet. „Nine Eleven“ (9. September), wie es so schön heißt, also der Anschlag von New York, sei insofern etwas qualitativ Neues. So qualitativ neu ist „Nine Eleven“ nun allerdings auch nicht. Man denke nur an „Six Twentyeight“ (28. Juni) – den Anschlag von Sarajewo.

Wie reagierten die USA auf „Nine Eleven“? Sie begannen ihren Krieg gegen den Terror. Spuren führten von New York nach Afghanistan. Die USA intervenierten in Afghanistan, um dort einen Regimewechsel herbeizuführen. Und wie reagierte Österreich-Ungarn 1914 auf „Six Twentyeight“? Es begann seinen Krieg gegen den Terror. Spuren führten von Sarajewo nach Serbien. Österreich-Ungarn intervenierte in Serbien, um dort einen Regimewechsel durchzuführen.

Und wie reagierte das Deutsche Reich 1914? Es sah den Bündnisfall gegeben, übte „uneingeschränkte Solidarität“, um es mit einem Wort von Altkanzler Gerhard Schröder zu sagen. Unabhängig von der Richtigkeit des Vorwurfes besteht heute ein breiter Konsens, daß die Solidarität des Deutschen Reiches mit Österreich-Ungarn 1914 zu weit gegangen sei. Gerne spricht man vom „Blankoscheck“, den Berlin Wien ausgestellt habe. Ein solcher Konsens besteht hinsichtlich der Beurteilung der Solidarität der Bundesrepublik Deutschland mit den USA bislang noch nicht.

Und wie verhielten sich damals die USA? Übten sie Solidarität, unterstützten sie das von Terroristen angegriffene Österreich-Ungarn und dessen Verbündete in deren Krieg gegen den Terrorismus? Verhielten sie sich auch nur wohlwollend neutral? Sie taten nichts von beidem. Statt dessen schlugen sie sich auf die Seite der Terroristen und verhalfen ihr zum Sieg. Vor 90 Jahren, am 7. Dezember 1917 erklärten die Vereinigten Staaten von Amerika Österreich-Ungarn den Krieg.


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