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08.12.07 / Und was nun? / Wie man den Übergang in die Rente bewältigt

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 49-07 vom 08. Dezember 2007

Und was nun?
Wie man den Übergang in die Rente bewältigt

Die Rente! Millionen Menschen bibbern ihr sehnsüchtig entgegen, doch wenn es so weit ist, schaut so mancher komisch aus der Wäsche. Christine Swientek hat in „Ins wilde, weite Land des Alterns – Eine Routenbeschreibung“ zahlreiche Erlebnisberichte und fachmännische Weisheiten miteinander vereint und so einen hilfreichen Ratgeber geschaffen.

Sie selbst hatte beim Eintritt in den Ruhestand durchaus Probleme. Da hat sie seit ihrem dritten Lebensjahr einen festen Tagesablauf gehabt und jetzt? Außerdem redete ihre preußische Pflichterfüllung ihr immer wieder ein, daß man sich nicht hängen lassen dürfte. Etwas Sinnvolles tun, so ihr Bedürfnis. Nur was? Und so: „Das erste Jahr war eine schwer verdauliche Mischung aus überströmenden Glücksgefühlen, Dankbarkeit ,es geschafft‘ zu haben, Unruhe, Übermüdung, Zerrissenheit, Euphorie und der beständigen Überlegung, was jetzt ,noch lohnt‘.“

Im Rahmen der Buchrecherche hat die ehemalige Professorin für Erziehungswissenschaften festgestellt, daß es vielen schwerfällt, aus dem vollen Berufsleben plötzlich auf Null runterzufahren. Vorher hatten sie eine Aufgabe, ihr Wissen war gefragt und jetzt waren sie plötzlich nur noch einer von über 20 Millionen Rentnern.

In einem von ihr geschilderten Beispiel läßt sich eine pensionierte Dame einfach fallen und faulenzt den ganzen Tag. Außer zum Einkaufen verläßt sie nicht mehr ihr Haus, sie muß ja nicht. Auch auf Treffen mit Freunden hat sie keine Lust, das Nichtstun saugt sie auf … bis eine Freundin vor der Tür steht und „die fette Henne“, die sie geworden ist, da sie sich zwölf Kilo angefuttert hat, zwingt, mit ihr außer Haus zu gehen. Erst als sie normale Kleidung statt Schlabberlook anlegen will, stellt sie fest, daß alles nicht mehr paßt.

Ein anderer Fall belegt, wie schwer es manchen fällt, das Zepter aus der Hand zu geben. So berichtet eine Frau von den Problemen ihres Mannes, nachdem dieser auf Druck seiner Familie seine Bäckerei mit 65 Jahren an seinen Schwiegersohn übergeben hat. Als dieser jedoch neue Maschinen anschafft, rastet der noch in der Backstube befindliche Rentner aus. Die traurige Bilanz der Ehefrau über ihren Mann: „Ich glaube, er hätte lieber auf zehn Rentnerjahre verzichtet mit mir und dem Enkel und dem Garten und auf Reisen – und wäre lieber mit 66 tot in seiner Backstube zusammengebrochen!“

Christine Swientek macht deutlich, wie wichtig Rituale in dieser Lebensphase sind. Diese würden schon mit der Verabschiedung anfangen. So klagt die Autorin über die Lieblosigkeit bei ihrem ehemaligen Arbeitgeber, der Universität Hannover: „Es war eine Institution, in der eines Tages der Muff von tausend Jahren aus den Talaren  geschüttelt wurde … und alles Menschenfreundliche dazu. Nur keine Tradition!“ Wer jedoch nett verabschiedet würde, mit Geschenk, Lobrede, gemeinsamer Feier, erlebe den Einschnitt im Leben durchaus besser als jemand, der einfach am nächsten Tag nicht mehr zur Arbeit gehe. Und auch im Ruhestand selber sei es gut, anfangs gewisse Zeitpläne und Ziele zu haben. Nur wenige überstünden es gut, von lauter Pflichten in die absolute Freiheit überzugehen. Stammtischtreffen, Sportkurse, Ehrenämter würden durchaus helfen, wobei Ehrenämter in den Augen die Gefahr aufweisen, daß manche hier ihre alte Profilierungssucht ausleben würden und ihre Selbstbestätigung hier finden wollten. „Wer bin ich, wenn ich niemand mehr bin“, sei schließlich eine Frage, die so manchen Ruheständler zermürbe.

Zwar hat die Autorin keine Patentrezepte, aber viele ihrer Beispiele helfen vor allem, eigene Probleme zu erkennen, um sie so bewußter angehen zu können.   Bel

Christine Swientek: „Ins wilde, weite Land des Alterns – Eine Routenbeschreibung“, Herder spektrum, Freiburg, broschiert, 223 Seiten, 9,90 Euro, Best.-Nr. 6480


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