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15.12.07 / Immer wieder heimatlos / Schlesier erinnert sich an die brutale Vertreibung

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-07 vom 15. Dezember 2007

Immer wieder heimatlos
Schlesier erinnert sich an die brutale Vertreibung

Friedhelm Materne räumte eine Schublade in seinem Gedächtnis und packte alles in ein kleines Buch, das acht Jahre seiner Jugendzeit beschreibt. Das, was er dabei ans Tageslicht beförderte, sprengt allerdings die Vorstellungskraft des an Normalität gewohnten Menschen.

Friedhelm Materne ist am 24. September 1932 geboren, als letztes von fünf Kindern. Die Heimat ist Schlesien. Klarenwald und Marienwald lagen dicht nebeneinander, nur durch das Grenzwasser getrennt, so nannten alle den kleinen Bach.

Die Eltern kauften für die Familie einen Bauernhof, den sie lange Jahre bewirtschafteten und in den sie viel Geld und Herzblut investierten. Als dann Hitler ein neues Erbhofgesetz verabschiedete, mußten sie ihren Hof an den Sohn des ehemaligen Besitzers wieder zurückgeben. Der saß lange im Gefängnis und war fast vergessen. Als der Sohn wieder nach Klarenwald kam, war alles verloren, die Zukunft dahin.

Es war die erste Erfahrung des jungen Friedhelm, wie es ist, wenn man alles verliert. Es sollte nicht seine letzte gewesen sein.

Der Vater von Friedhelm Materne ging nach dem Verlust des Hofes zur Wehrmacht, da er sonst die Familie nicht hätte ernähren können. Zwei der Brüder folgten dem Beispiel des Vaters. Friedhelm selbst war zu jung dafür. Die restliche Familie zog in eine Mietwohnung. Durch den Krieg sah der Junge den Vater nur einmal im Jahr, wenn dieser Urlaub hatte, folglich wurde der Vater dem kleinen Friedhelm fast fremd.

Die Kriegszeit war eigentlich an den Menschen in Klarenfeld vorbeigezogen, bis der Jahresbeginn 1945 alles auf den Kopf stellte. Da war Friedhelm gerade zwölf Jahre alt und von einem auf den anderen Tag erwachsen.

Seine Erlebnisse schildert er in seinem Buch „Eiskalter Atem“, das die Fluchtjahre 1945 bis 1953 beschreibt. Materne erzählt über die Flucht, vom Weg zurück in die Heimat, die Vertreibung aus derselben, die geheime Ausreise aus der DDR. Die aus der Zeit geschilderten Ereignisse lassen erschaudern und bringen Gänsehaut auf den Körper. Unbeschreiblich eigentlich, aber trotzdem fand Friedhelm Materne dafür Worte, die sogar dem Leser an die Kräfte gehen.

So zum Beispiel die Sache mit dem nächtlichen Besuch russischer Soldaten, die sich austobten und dabei sehr geräuschvoll zu Werke gingen. Das Mühlrad, das drei Frauen zum Verhängnis wurde, vor dem gestandene Männer hemmungslos weinten. Grauenvoll die Bahnfahrt, als alle Bewohner ganzer Ortschaften in Viehwaggons verladen wurden und viele den Transport nicht überlebten.

Dann die Mitteilung eines ehemaligen Soldaten, der in der prekären Lage Verständnis entwickelte und erklärte, daß man selbst an der Situation schuld wäre. Das konnte jungen Menschen wie Friedhelm aber schlecht vermittelt werden. Das konnten sie erst viel später einordnen.

Da Friedhelm ein ganzes Schuljahr fehlte, war er froh, nach der vierten Flucht eine Stelle zu bekommen, die ihn nach dem Krieg einen Grundstock erwirtschaften ließ, den man zum Leben benötigt: Er wurde als Kranführer ausgebildet.

Die Vergangenheit holte ihn aber auch nach dem Krieg ein und er traf einen Mann wieder, den er früher auf einer seiner Fluchten schon kennengelernt hatte.

Ausgerechnet dieser ihm bekannte Nationalsozialist wurde sein neuer Chef und Arbeitgeber. Der etwas beleibte Chef hatte  – was die Farbe anging – zu jedem Anzug das passende Auto. 

Aber Materne lernte auch die andere Seite der Politik kennen. Die Begegnung mit Konrad Adenauer war etwas Besonderes, etwas, das Friedhelm Materne prägte und bis heute etwas milde stimmt, wenn er an seine Jugend denkt, die ihm die Politiker von einst zerstört haben.

Das Buch ist eine schonungslose Darstellung von Ereignissen, die niemand gern im Gedächtnis behalten möchte.

„Deshalb war es an der Zeit, sie aus dem Kopf zu entfernen und aufzuschreiben. Damit das Vergessen leichter wird“, so Friedhelm Materne.      Eberhard Traum

Friedrich Materne: „Eiskalter Atem“, BoD, Norderstedt 2007, broschiert, 84 Seiten, 9,80 Euro, direkt bei BoD bestellen


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