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15.12.07 / Die Inflationsangst geht um / Drastische Preissteigerungen verleiten viele Bewohner des Königsberger Gebiets zu Hamsterkäufen

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-07 vom 15. Dezember 2007

Die Inflationsangst geht um
Drastische Preissteigerungen verleiten viele Bewohner des Königsberger Gebiets zu Hamsterkäufen
von Jurij Tschernyschew

Trotz der Preiserhöhung im Herbst dieses Jahres bilden sich in Königsberg lange Schlangen für Zucker, Pflanzenöl und andere Produkte. Manchmal gibt es sogar Schlägereien. Es scheint so, als seien die alten Sowjetzeiten zurückgekehrt. Die Leute versuchen sich mit Vorräten einzudecken, weil Informationen darüber gestreut werden, die Preise würden noch weiter steigen. Gouverneur Georgij Boos sah sich daraufhin gezwungen, gegenüber der Presse den Anstieg zu begründen. Danach hänge der Preisanstieg in der Russischen Föderation zwar mit der Preiserhöhung auf dem Weltmarkt zusammen, der Hauptgrund sei aber die panische Reaktion der Bevölkerung, in deren Folge die Preise zusätzlich zu den Erhöhungen der Zwischenhändler und der Hersteller steigen würden.

Die Königsberger Gebietsregierung unternahm schon alles mögliche, um die Preise zu regulieren. Auf Anordnung des Gouverneurs wurde eine Telefon-Hotline eingerichtet, die jeder Bürger anrufen kann, um sich über eine ungerechtfertigte Preiserhöhung zu beschweren. Mit den Handelsketten „Siebter Kontinent“, „Wester“ und „Viktoria“ hat die Gebietsregierung eine Vereinbarung getroffen, der zufolge bis zum 1. Januar 2008 die Preise nicht erhöht werden dürfen. In den Läden dieser Ketten wurden Regale mit Lebensmitteln eingerichtet, an denen kleine Tafeln auf „Sozialverträgliche Waren – feste Preise“ verweisen. Auf der Liste der preisgebundenen Lebensmittel stehen vor allem Milchprodukte wie Quark, Milch, Kefir, Butter und Sahne, aber auch Hühnereier. Dazu muß man allerdings sagen, daß das Sortiment der preisgebundenen Lebensmittel nur klein ist und die Preise ohnehin schon 25 bis 30 Prozent höher sind als vor der letzten Preiserhöhung. Zum Beispiel kostete ein Liter der günstigsten Milch, jener mit nur 1,5 Prozent Fett, früher im Durchschnitt nicht mehr als 20 Rubel (56 Cent), und nun wird diese Milch in den Regalen der preisgebundenen Produkte für 27 Rubel (75 Cent) angeboten. In den benachbarten, nicht „sozialverträglichen“ Ladenregalen steigen die Preise weiter. Interessant ist, daß die Verkäuferinnen in den Läden manchmal die „sozialverträglichen“ Lebensmittel zurückhalten. Fragt man dann nach einem solchen Produkt, antworten sie mit der Gegenfrage: „Sind Sie etwa bedürftig?“ Selbst wenn der Kunde dann darauf hinweist, daß diese Produkte für alle Kunden da sind, unabhängig davon, ob sie Rentner oder Obdachlose sind, trifft er dennoch kaum auf Verständnis. Ruft man anschließend bei der Hotline an, wird einem auch nicht unbedingt geholfen.

Die größte Preisstabilität findet der Käufer auf den Märkten der Stadt, nachdem die Stadtverwaltung Steuern auf die Vermietung von Verkaufsflächen und Gewinnsteuern eingeführt hat. Auf dem Pillauer Markt etwa sind die Preise für Milchprodukte, Brot, gesalzene Butter und Zucker festgeschrieben. Die Handelsspanne liegt nun nur noch bei zehn Prozent anstatt bei den früher üblichen 25.

Am beliebtesten bei den Königsbergern ist jedoch der Jahrmarkt im Zentrum der Stadt, der auf dem Platz beherbergt ist, auf dem früher das Königsberger Schloß stand. Er findet immer am Wochenende statt, und die Produktvielfalt wird von drei Dutzend Unternehmen und Bauern des Gebiets gewährleistet. Vor den Verkaufswagen mit Weißkohl, Rüben, Kartoffeln, Möhren, die aus Gumbinnen, Neuhausen und anderen Orten des Gebiets hergebracht werden, bilden sich regelmäßig Schlangen. Günstige Milchprodukte, Eier, Fleisch, Wurst – jeder findet etwas nach seinem Geschmack. Es werden große Mengen gekauft, 30- bis 50-Kilosäcke, damit man Vorräte für den Winter herstellen kann. Eine andere Frage ist, ob Hamsterkäufe sich überhaupt lohnen, denn Vorräte für den Winter muß man haltbar machen und dazu haben viele Königsberger gar nicht die Möglichkeit.


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