27.11.2021

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15.12.07 / Augen der Vergangenheit / Bahnreisen verbinden – nicht nur geographisch 

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-07 vom 15. Dezember 2007

Augen der Vergangenheit
Bahnreisen verbinden – nicht nur geographisch 
von Renate Dopatka

Sie war es! Sie mußte es sein – diese schmalen, leicht mandelförmigen blauen Augen, das Lächeln darin: Solche Augen waren ihm nur einmal im Leben begegnet. Verwirrt stolperte Paul zurück an seinen Platz. In zwei Stunden würde der Intercity Stuttgart erreichen, wo ihn Tochter und Enkelsohn am Bahnsteig erwarteten. Bis dahin mußte er sich Gewißheit verschaffen. Die Frau im Großraumwagen, die so gedankenverloren aus dem Fenster geschaut hatte, mußte Lydia sein. Er wußte selbst nicht, was ihn so sicher machte. Als sie einander zum letzten Mal gesehen hatten, waren sie beide Jugendliche gewesen. Zwischen gestern und heute lagen sechs Jahrzehnte – wie konnte er in einer sorgfältig zurechtgemachten, grauhaarigen Frau das Mädchen von einst erblicken?

Während seine Mitreisenden im Abteil, ein älteres Ehepaar und ein junger Mann, den sich silbrig an hohen Felshängen vorbeiwindenden Rhein betrachteten, blickte Paul starr zur Gangseite hin. Er brauchte nicht die Augen zu schließen, um die Gegenwart auszublenden und jenen Film ablaufen zu lassen, der ihn in die vielleicht schönste, sicher aber prägendste Zeit seines Lebens entführte. Schon sah er sie vor sich, die sanften Buckel des Oberlandes mit ihrem lichten, freundlichen Mix aus weiten Äckern und Wiesen, Laub- und Mischwäldern. Er sah sich selbst: Barfuß, mit nacktem Oberkörper – in halsbrecherischem Tempo den abschüssigen Weg zum See hinunterradelnd, wo schon die anderen warteten, Jungs und Mädels aus dem Dorf, die, wie er, schwimmend und paddelnd die heißen ostpreußischen Sommertage auskosteten. Und immer war Lydia dabeigewesen, dieses heiter-verträumte Geschöpf, das es seinem Jünglingsherzen so recht angetan hatte.

Lydia ... All sein Bemühen, sie wiederzufinden, war ergebnislos geblieben. Irgendwann hatte er sich damit abgefunden; er hatte geheiratet und eine Familie gegründet, und doch war ihm noch etwas anderes zur Triebfeder seines Lebens geworden, ein unbewußtes Suchen und Ausschauhalten, das ihn auch an diesem Tag, auf dem Weg ins Bordbistro, aufmerksam durch die Reihen hatte gehen lassen. Der Anblick jener still aus dem Fenster sehenden Frau brachte für Sekunden sein Herz aus dem Takt. Zuggeräusche, Stimmengemurmel – das alles drang plötzlich wie aus weiter Ferne an sein Ohr, erschreckend laut war nur das Pochen seines Blutes.

Sie schien seinen Blick, sein jähes Innehalten gar nicht bemerkt zu haben. In entspannter Haltung hatte sie ruhig dagesessen, die schönen blauen Augen aufs Rheintal gerichtet, so als interessiere sie nicht im mindesten, was für Menschen da an ihr vorbeiliefen. Aber so war sie ja immer gewesen, das war es ja, was seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Wie jetzt am Zugfenster, hatte auch damals ihr Blick nachdenklich und doch mit dem Anflug eines Lächelns auf dem glatten, dunklen Spiegel des Sees gelegen, als gäbe es den Jungen an ihrer Seite überhaupt nicht ...

In seiner Kehle wurde es eng, während er sich den Abschied, ihr letztes Zusammensein, ins Gedächtnis rief. Da hatte kein Lächeln in ihren plötzlich dunkel schimmernden Augen gelegen. Sanft und zärtlich hatte sie ihre Hand an seine Wange geschmiegt und damit mehr gesagt, als es Worte hätten tun können ...

Der Film war zu Ende, die Geschichte seines Lebens noch nicht. Sorgsam legte Paul sich die Worte zurecht, mit denen er die Frau, die für ihn Lydia war, ansprechen wollte. Ostpreußen, das „Hockerland“, der See, an dem sie so viele Stunden verbracht hatten – die Heimat lieferte ihm die Stichworte, welche die Verbindung herstellen würden. Entschlossen stemmte sich Paul aus seinem Sitz. Ein kurzer, skeptischer Blick in den Spiegel unter der Gepäckablage, dann verließ er das Abteil. Vorsichtig tastete er sich den schlauchartig schmalen Gang entlang, strich noch einmal sein Haar zurecht – und öffnete mit Schwung die Tür zum Großraumwagen. Sekundenlang befiel ihn Angst, sie könnte längst ausgestiegen sein. Aber dann entdeckte er sie, noch aus dem Fenster schauend, und Ruhe überkam ihn. „Ich glaube, wir kennen uns“, hatte er sagen wollen. „Ostpreußen, das Oberland – das sagt Ihnen doch sicher etwas?“

Doch in dem Moment, da sie den Kopf wandte und er in seeblaue, lächelnde Augen sah, schien ihm jede Einleitung überflüssig.

„Lydia?“ hörte er sich mit heiserer Stimme fragen. Das Lächeln verschwand, ein feines, kaum wahrnehmbares Zittern lief über ihr Gesicht. „Paul.“ Er hätte nicht sagen können, was es nun genau war, das sein Herz zu raschen, freudigen Schlägen antrieb: der von zärtlichen Erinnerungen getragene Tonfall, in dem sie seinen Namen aussprach, oder die Tatsache, daß ihre Augen, die sich, wie damals, für Sekunden verdunkelt hatten, plötzlich das lichte, helle Antlitz der Heimat widerspiegelten.


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