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15.12.07 / Wie der Adventskranz entstand / Die Spuren führen zu Johann Hinrich Wichern und dem Rauhen Haus

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-07 vom 15. Dezember 2007

Wie der Adventskranz entstand
Die Spuren führen zu Johann Hinrich Wichern und dem Rauhen Haus
von Ruth Geede

Advent, Advent, ein Lichtlein brennt …“ lautet ein alter Kindervers und die Kleinen sagen ihn auch heute noch auf. Und ihre Augen strahlen voller Vorfreude, wenn es heißt: „… und vier, dann steht das Christkind vor der Tür!“ Das braucht in diesem Jahr nicht lange zu warten, denn der vierte Adventssonntag ist der Tag vor dem Heiligen Abend. So wird die vierte Kerze am Adventskranz kaum bis zu ihrem Ende brennen. Aber was macht das schon? Die vier Kerzen haben die Vorweihnachtszeit erhellt und uns schrittweise zum Heiligen Abend geführt. Wie auch unsere Eltern und Voreltern seit … ja, seit wann eigentlich?

Über die Geschichte des Weihnachtsbaumes ist viel geschrieben worden, andere Bräuche beruhen auf Überlieferungen aus noch ferneren Zeiten, und dazu dürfte auch der Adventskranz gehören. Glaubt man gemeinhin, denn er wird oft als Symbol des Sonnenrades angesehen. Aber entgegen den meisten Weihnachtsbräuchen kann man den Ursprung zeitlich wie örtlich genau belegen: Im Jahre 1839 hängte der Hamburger Johann Hinrich Wichern im Rauhen Haus für die von ihm betreuten Kinder aus den Elendsvierteln der Hafenstadt den ersten Adventskranz der Welt auf.

Der Name der Geburtsstätte dieses heute weit verbreiteten vorweihnachtlichen Brauches klingt nicht gerade nach liebevoller Betreuung, er läßt eine harte Erziehungsanstalt vermuten, aber auch das ist ein Irrtum. Die strohbedeckte Kate vor den Toren der damals noch durch einen Wallgürtel eingeschnürten Stadt hieß ursprünglich nach seinem Besitzer „Ruges Haus“. Der Hamburger Kaufmann und Syndikus Karl Sieveking erwarb mit dem Kauf eines großen ländlichen Areals auch dieses Grundstück und schenkte es dem Theologen Johann Hinrich Wichern, der dort im Rahmen seiner noch im Anfang stehenden Sozialarbeit ein Rettungsheim für sittlich verwahrloste Kinder einrichten wollte. Denn in der Hafenstadt mit ihren engen Wohnquartieren, den „Gängevierteln“, herrschten soziale Zustände, von denen man sich heute keine Vorstellung machen kann. Hunger, Krankheit, Seuchen durch mangelnde Hygiene in den engbrüstigen Häusern, in die kaum ein Lichtstrahl fiel, Gossen voller Unrat und Ungeziefer, Verkommenheit in allen sittlichen Bereichen, ständiger Zuzug von Auswanderungswilligen in die Neue Welt – das alles trug dazu bei, daß sich gerade in Hamburg eine Bewegung auf kirchlichem und sozialem Gebiet bildete, die diese schlimmen Zustände bekämpfen sollte. Bei den Kindern wollte man beginnen, die ja keine Schule besuchten, weil sie an den Wochentagen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen mußten. So gründete man Sonntagsschulen, in denen den Kindern wenigstens die Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht wurden. Die freiwilligen Helfer fanden sich in einem „Männlichen Besuchsverein“ zusammen, um die Familien in ihren Elendsquartieren aufzusuchen und ihre Hilfe anbieten zu können, vor allem aber, um sich der Kinder anzunehmen.

Einer von ihnen war der noch junge Johann Hinrich Wichern, der aus seiner in den Sonntagsschulen erworbenen Erfahrung mit Spenden der Kaufmannschaft im Rauhen Haus eine Erziehungs- und Bildungsanstalt für verwahrloste Kinder schuf – die erste Einrichtung dieser Art, der dann überall in Deutschland weitere folgten. Das Rauhe Haus wurde zur Geburtsstätte der Inneren Mission. Das gesamte Schaffen Johan Hinrich Wicherns ist nicht mit wenigen Worten zu umreißen, nur soviel: Der Hamburger Theologe wurde zum Begründer der Diakonie, er instituierte den Evangelischen Kirchentag, wirkte maßgeblich bei der Reform des preußischen Gefängniswesens mit. Als er 1881 im Alter von 73 Jahren verstarb, konnte er gewiß sein, daß sein Lebenswerk von Menschen fortgeführt wurde, für die Nächstenliebe kein leeres Wort war – bis heute!

Dieser Mann war es also, der am ersten Adventssonntag 1839 den aus Tannengrün gebundenen Kranz in dem einfachen Holzbau im Horner Wiesengelände aufhängte und eine erste Kerze anzündete. Er wollte damit die kleinen Schützlinge erfreuen und sie mit dem hellen Schein auf die Weihnacht einstimmen. Und er wuchs, je dunkler die Wintertage wurden, zu einer unglaublichen Lichtfülle, denn es wurde an jedem Tag eine Kerze angezündet, kleine rote an den Wochentagen, große weiße an den vier Adventssonntagen. Das war für die Kinder, die in ihren engen, dunklen Behausungen nur trübes Tranfunzellicht gewohnt waren, geradezu ein Lichtertraum. Es war die Geburtsstunde des Adventskranzes, der von da an in jedem Jahr die Kinder des Rauhen Hauses erfreute. Die Lichterzahl schwankte zwischen 22 und 28 Kerzen, je nachdem, wie viele Tage zwischen dem Ersten Advent und dem Heiligen Abend liegen.

Im Rauhen Haus in Hamburg-Horn wird noch heute an jedem Tag im Advent eine Kerze angezündet. Von Kindern aus sozial benachteiligten Familien und lernschwachen Schülern, die nach dem dort entwickelten Reformkonzept unterrichtet werden, das ein selbständiges Lernen gemäß den Anlagen des Kindes ermöglicht. Das Konzept der Wichern-Schule, das vom Bundespräsidenten mit dem deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, wird von der gleichnamigen Stiftung getragen, die sich auch der Pflege alter Menschen sowie der Begleitung geistig behinderter und psychisch kranker Menschen widmet. Auch für sie werden die Lichter am Adventskranz entzündet – an jedem Morgen in dieser dunklen Zeit.

Foto: Advent im Rauhen Haus: Je eine große Kerze für die Sonntage und eine kleine für die anderen Wochentage


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