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15.12.07 / Demenz – mehr als nur Vergessen / Angehörige brauchen professionelle Unterstützung, um die Situation zu meistern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 50-07 vom 15. Dezember 2007

Demenz – mehr als nur Vergessen
Angehörige brauchen professionelle Unterstützung, um die Situation zu meistern
von Susanne Holz

Die kleine Dame, die an dem zierlichen Schminktisch in der Seniorenresidenz Sunrise im schleswig-holsteinischen Reinbek sitzt, weiß nicht, wie ihr Spiegelbild heißt. Mittlerweile ahnt sie nicht einmal mehr, daß 87 ereignisreiche Jahre hinter ihr liegen.

Erika Werner ist dement. Sie hat eine Krankheit, welche die Erinnerung verblassen läßt. Ein Schicksal, von dem derzeit etwa eine Million Menschen in Deutschland betroffen sind. „Wir raten Angehörigen, sich professionelle Hilfe zu holen. Allein ist das Schicksal nur schwer zu meistern“, sagt Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer Gesellschaft Berlin.

Der Verlauf einer Demenzerkrankung reicht von anfänglicher Vergeßlichkeit und Erinnerungslücken bis zum völligen Verlust des Bewußtseins für das eigene Ich. Erika Werners Familie besteht mittlerweile für sie aus unbekannten Menschen aus einer fremden Welt, zu der sie seit langem keinen Zugang mehr hat. Die 87jährige muß rund um die Uhr pflegerisch betreut werden. „Mich fragen unsere Bewohner mehrmals am Tag, wer ich bin. Und ich nenne ihnen jedes Mal wieder meinen Namen und was ich hier mache“, erzählt Sunrise-Pflegedienstleiterin Wioletta Sadowski.

Für Angehörige, die gleiches erleben, ist diese Situation fast unerträglich. Trauer über den Verlust eines lieben Menschen mischt sich mit der Wut, an der Situation nichts ändern zu können. In der Einrichtung kümmert sich durchschnittlich ein Mitarbeiter um einen Bewohner. Ein Betreuungsschlüssel, vom dem betroffene Angehörige nur träumen können. Sie müssen sich meist nicht nur um den Demenzkranken kümmern, sondern auch noch ihr eigenes Leben organisieren. Eine Belastung, an der die meisten Familien schwer tragen, sie aber meistens allein schultern, niemanden einweihen. Ein Fehler.

„Unsere Experten der Alzheimer-Hotline berichten oft von Angehörigen, die verzweifelt sind“, weiß Jansen. Nicht selten gestehen pflegende Töchter oder Söhne, daß ihnen bestimmte Situationen über den Kopf wachsen oder ihnen sogar die Hand ausgerutscht ist.

„Das belastet sie ungemein. Sie schämen sich dafür“, sagt Jansen. Nutzen sie das Angebot von Angehörigengruppen, erfahren sie, daß auch anderen die Aufgaben zuweilen zu viel werden. Deshalb sei es wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen.

Die Alzheimer Gesellschaft (www.deutsche-alzheimer.de) vermittelt Kontakte zu Beratungsstellen vor Ort, nennt Pflegedienste die stunden- oder tageweise bei der Betreuung einspringen. Zudem geben sie Tipps, welche rechtlichen Schritte eingeleitet werden müssen, wenn ein Familienmitglied nicht mehr voll geschäftsfähig ist. Oft müssen auch finanzielle Dinge geregelt werden, denn die Betreuung der Demenzkranken durch Fachpersonal kostet Geld.

Darüber hinaus seien es daheim die kleinen Dinge, die das Zusammenleben erleichtern, sagt Wioletta Sadowski. Es bringe beispielsweise nichts, den Demenzkranken auszuschimpfen, wenn er einen Haustürschlüssel an den falschen Platz oder das Besteck in den Gläserschrank gelegt hat. „Für beide Seiten ist es viel entspannter, wenn man die kleinen Mißgeschicke einfach ausgleicht und dem anderen keine Vorwürfe macht“, empfiehlt Sadowski. Zudem sollte man die immer gleichen Fragen nicht mit langen Monologen beantworten und wütend werden, wenn der Kranke die Angaben wenig später wieder vergessen hat. Oft gebe sich der ältere Mensch schon mit einer einfachen Antwort zufrieden, fühle sich aber ernst genommen und akzeptiert. Das wiederum fördere sein Wohlbefinden und wirke sich insgesamt auf die Atmosphäre in der Familie aus.

Das Seniorendomizil unterstützt die Zufriedenheit seiner Bewohner, indem es sogenannte Erinnerungswelten schafft. Über den Wohnbereich verteilt, stehen kleine Werkbänke, Schreibtische oder Puppenwagen und Wickelkommoden. „Es geht darum, schöne Erinnerungen zu wecken. Eine Hausfrau verbindet mit Babypuppen ihr schönes Familienleben, ein Mann mit einer Werkbank oder einem Schreibtisch ein erfolgreiches Arbeitsleben“, betont Sadowski.

Zuweilen könne ein Demenzkranker mit diesen Brücken gedanklich an seine Vergangenheit anknüpfen, positive Gefühle auslösen.

„Diese Idee läßt sich auch gut zuhause umsetzen“, sagt Sadowski. Sie betreut Frauen, die sich nicht mehr an ihre Familie erinnern können, aber in der Küche noch helfen, Kartoffeln zu schälen oder Wäsche zu sortieren. Lange angewendetes Wissen ist oft noch abrufbar, auch wenn vieles andere nicht mehr klappt. Gebe man den Betroffenen eine Aufgabe, helfe man ihnen, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, mache sie zufrieden. Grundsätzlich sei wichtig, trotz des oft schwierigen Umgangs mit Demenzkranken eine liebevolle Grundeinstellung zu ihm zu behalten. Immer sollte man bedenken, daß der Betroffene seine Familie mit seinem Verhalten nicht ärgern wolle.

Foto: Spiel mit ernstem Hintergrund: Demenzkranke beim Ballwerfen


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