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22.12.07 / Einseitige Sichtweise / Deutsch-polnische Geschichte: Darstellungen für den Schulunterricht kritisiert

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51-07 vom 22. Dezember 2007

Einseitige Sichtweise
Deutsch-polnische Geschichte: Darstellungen für den Schulunterricht kritisiert
von Wolfgang Bittner

Deutschen Schülern die polnische Geschichte und zugleich den Verlauf der deutsch-polnischen Beziehungen nahezubringen, ist ein verdienstvolles, wenn auch nicht einfaches Unternehmen. Die von Matthias Kneip und Manfred Mack herausgegebenen Darstellungen und Materialien für den Geschichtsunterricht an deutschen Schulen bieten einen vielseitigen Überblick, von der Ostkolonisation und der polnischen Adelsrepublik bis zur Gegenwart, ergänzt durch Stellungnahmen von Historikern, Politikern und Zeitzeugen. Abbildungen, literarische Texte, Karikaturen und Landkarten oder auch Statistiken lockern die Zusammenstellung auf und tragen zur Lesbarkeit bei. Zusätzlich werden Arbeitsanregungen, Vorschläge für Referate und Facharbeiten sowie Literaturhinweise angeboten.

Ein solches Werk ist gerade in der gegenwärtigen Phase der Wiederbelebung einer Annäherungspolitik nicht hoch genug einzuschätzen. Zu Recht beklagen die Autoren die vielen noch vorhandenen Defizite in der gegenseitigen Aufarbeitung einer schwierigen Vergangenheit. Aber sie begrüßen zugleich, daß in den Schulbüchern dank der Arbeit der Gemeinsamen deutsch-polnischen Schulbuchkommission heute objektiver über das jeweilige Nachbarland informiert wird als noch bis vor wenigen Jahren.

Zu registrieren ist allerdings – wie bei vielen gutwilligen deutschen Publizisten und Wissenschaftlern – ein Geschichtsbild, das trotz aller Bemühungen um Objektivität hin und wieder schwerpunktmäßig einseitige polnische Sichtweisen wiedergibt, die nicht oder in ihrer Gewichtung nicht den Fakten entsprechen. Zum Beispiel wird die aggressive Großmachtpolitik des Marschalls Pilsudski (1867–1935), der Angriffskriege gegen mehrere Nachbarländer geführt hat, beiläufig und eher unkritisch abgehandelt. Immerhin wurden nach dem Ersten Weltkrieg weite Teile der Ukraine, Weißrußlands und Litauens, wie auch später noch das tschechische Olsa-Gebiet annektiert und „polonisiert“. Aus diesen Gebieten stammten größtenteils die Menschen, die von Polen 1945 als polnische Vertriebene in den deutschen Ostgebieten, heute etwa ein Drittel des polnischen Territoriums, angesiedelt wurden.

Die nach dem Ersten Weltkrieg durchgeführten Volksabstimmungen werden nur am Rande erwähnt. Es ist von „strittigen Gebieten um Allenstein, Marienwerder und in Oberschlesien“ die Rede, und daß es „im südlichen Ostpreußen und in westpreußischen Plebiszitgebieten 1920 nur wenige Stimmen für Polen gab, weshalb die Gebiete größtenteils bei Deutschland verblieben“. Die Teilung Oberschlesiens, des seinerzeit zweitgrößten deutschen Industriegebiets, auf Betreiben Polens durch den Völkerbund entgegen dem Votum der Volksabstimmung von 1921 (60:40 zugunsten Deutschlands) findet keine analytische Beachtung. Das, wie auch die Tatsache, daß Pilsudski, der 1926 nach einem Staatsstreich ein diktatorisches Regime errichtete und 1933 in Paris vergeblich wegen eines Angriffskrieges gegen Deutschland vorfühlen ließ (Brockhaus-Enzyklopädie 1972), ist jedoch von wesentlicher Bedeutung für die spätere politische Entwicklung.

Auch unter Berücksichtigung der polnischen Teilungen und der von Deutschen zu verantwortenden Leiden des polnischen Volkes während des Zweiten Weltkriegs erscheint es sehr gewagt und undifferenziert, Schülern die Polen sozusagen als ein überwiegend friedliebendes und tapferes, wenn auch bemitleidenswertes Volk vorzustellen, die Deutschen dagegen als eher übergriffig, dominant und aggressiv. Diese Tendenz aber durchzieht die vorliegende Geschichtsaufarbeitung. Das mag zwar der polnischen Staatsdoktrin (vom „Opfervolk“ und vom „Tätervolk“) entsprechen, ist jedoch ein Mangel dieses Werks, unnötig, zumal die Autoren Mitarbeiter des durchaus seriösen und auf Verständigung ausgerichteten deutschen Polen-Instituts in Darmstadt sind.

Natürlich muß der Überfall NS-Deutschlands auf Polen bei allem, was heute von deutscher Seite über Polen und über das deutsch-polnische Verhältnis geschrieben wird, immer mitgedacht werden, und das wird noch einige Jahrzehnte so bleiben – so bleiben müssen. Insofern gibt es im vorliegenden Werk zu den Verbrechen der Deutschen ausführliche Darstellungen und Materialien. Aber wem hilft es, wenn 62 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs historische Fakten, die ein kritisches Licht auf die polnische Vergangenheit werfen, vernachlässigt, heruntergespielt oder verschwiegen werden, um vielleicht in national und nationalistisch ausgerichteten Kreisen Polens wenn schon nicht Anerkennung zu finden – dazu ist das Buch wiederum zu nah an der geschichtlichen Wahrheit –, so doch wenigstens keine Empörung auszulösen? Wem könnte das nützen?

Es ist kontraproduktiv und gefährlich, wenn aus Scham über die NS-Vergangenheit und aus falsch verstandenem Entgegenkommen Geschichtsklitterung betrieben wird. Versöhnung oder wenigstens ein gutes nachbarliches Verhältnis kann nicht mit Selbstverleugnung bezahlt werden.
Ein Beispiel aus dem Kapitel „Deutschland und Polen nach dem Versailler Vertrag“. Da heißt es: „Die folgende Teilung Oberschlesiens durch den Völkerbund konnte auch von drei zwischen 1919 und 1921 in Oberschlesien von polnischen Nationalisten unter der Führung von Wojciech Korfanty initiierten Aufständen gegen die Deutschen nicht mehr verhindert werden. Dabei wurde sie von Deutschen und Polen gleichermaßen als ungerecht verurteilt.“

Die Fakten sehen demgegenüber so aus, daß Polen, nachdem Deutschland zu den Verlierern des Ersten Weltkriegs gehörte, ganz Oberschlesien für sich beanspruchte, Deutschland jedoch dieses wichtige Industriegebiet, das jahrhundertelang zum Deutschen Reich gehörte und mit großer unternehmerischer Initiative industrialisiert worden war, nicht hergeben wollte. Wojciech Korfanty betrieb auf polnischer Seite militant und völkerrechtswidrig ebenfalls die Abtrennung ganz Oberschlesiens von Deutschland. Die genannten Aufstände waren genau genommen gezielt vorbereitete Unruhen und Überfälle auf deutsches Gebiet, bei denen sogar polnische Panzerzüge und Artillerie eingesetzt wurden. Worin besteht demnach die Ungerechtigkeit, die angeblich „gleichermaßen“ von Deutschen und Polen verurteilt wurde? Ist es „revisionistisch“, so etwas richtigzustellen?

An anderer Stelle heißt es: „Angesichts der militärischen Schwäche Sowjetrußlands an der Westgrenze versuchte Józef Pilsudski, vollendete Tatsachen zu schaffen, und löste mit einer Offensive im April 1920 den Polnisch-Sowjetischen Krieg aus. Er lehnte die sogenannte Curzon-Linie“ – Empfehlung des britischen Außenministers George Curzon –, „die ungefähre Grenze der geschlossenen polnischen Siedlungsgebiete am Bug, als polnische Ostgrenze ab …“

Das klingt harmlos. In Wirklichkeit führte Pilsudski einen Angriffskrieg gegen die im Entstehen begriffene Sowjetunion mit anschließender Annexion und „Polonisierung“ der besetzten Gebiete. Warum läßt sich das nicht wahrheitsgemäß formulieren? Man würde ja den Autoren gern folgen wollen. Wenn nicht ständig diese tendenziösen Unterlassungen oder Fehlinformationen wären, die bei Kenntnis der historischen Fakten Unwillen und Verärgerung hervorrufen.

Hinsichtlich der Geschichte Ostpreußens beschränken sich die Autoren weitgehend darauf, die Rolle des Deutschen Ordens („Geschichte und Mythos“) zu referieren, um später fortzufahren: „Zu den strittigen Ergebnissen des Versailler Vertrags gehörte die Einrichtung eines 30-90 km breiten ‚polnischen Korridors‘ durch Westpreußen, um Polen einen ungehinderten Zugang zur Ostsee zu ermöglichen, sowie die Erklärung Danzigs zur ‚Freien Stadt‘ unter der Aufsicht des Völkerbunds, was das deutsch-polnische Verhältnis ebenfalls in den folgenden Jahren belastete.“

Zur Staatszugehörigkeit Oberschlesiens ist zu lesen: „Das Gebiet um Oberschlesien, wo seit vielen Jahrhunderten sowohl deutsche als auch polnische Schlesier lebten, wurde in der Zeit von 1920 bis 1921, also bis zur Abstimmung, unter französische Verwaltung gestellt.“ Außer Betracht bleibt, daß Niederschlesien und Oberschlesien seit den Trentschiner Verträgen von 1335 und 1339 zwischen der polnischen und der böhmischen Krone offiziell und völkerrechtlich zum Deutschen Reich gehörten. Denn der böhmische König war Kurfürst des Deutschen Reiches. Später wurden diese Gebiete österreichisch, 1742 dann preußisch, also ebenfalls dem Deutschen Reich zugehörig. Die Bevölkerung war zwar „gemischt“, jedoch überwiegend deutscher Volkszugehörigkeit, und sie unterstand der jeweiligen böhmischen, österreichischen oder preußischen Oberhoheit und Verwaltung; Amtssprache war Deutsch.

Solche Fakten bleiben unerwähnt, was die Auffassung vieler Polen bestärkt, Schlesien sei über die Jahrhunderte „mal polnisch und mal deutsch“ gewesen und 1945 „heim ins polnische Vaterland“ (wie an Rathäusern zu lesen ist) gekommen. Die immer wieder zutage tretende Tendenz der Autoren, dem einseitigen oder falschen polnischen Geschichtsbild dienstbar zu sein, setzt sich weiter fort in der Behauptung, viele der Spätaussiedler in der Folge der deutsch-polnischen Abkommen aus den Jahren 1970 und 1975 über die Familienzusammenführung hätten sich „weder mit Polen noch mit Deutschland eindeutig identifizieren“ können. Was bedeuteten dann „Spätaussiedler“ und „Familienzusammenführung“?

Nun ist Geschichtsschreibung fast immer tendenziös und oft sogar falsch. Doch solange wir Tendenzen und Geschichtsklitterung noch erkennen, sollten sie benannt werden. Nichtsdestoweniger ist die vorliegende Geschichtsaufarbeitung ein erster Schritt, Schülern Polen näherzubringen und von vielen gängigen Klischees fortzukommen, die das Verhältnis zwischen Deutschen und Polen vergiften.

Matthias Kneip, Manfred Mack: „Polnische Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen“, Cornelsen, Berlin 2007, 190 Seiten, 14,95 Euro

Beispiel Kattowitz: Polnische Aufstände gegen die bevorstehende Abstimmung in Oberschlesien 1920 zwangen die französischen Besatzungstruppen dazu, für Ruhe zu sorgen. Trotz einer Mehrheit von 59,42 Prozent für Deutschland half Frankreich bei der Teilung des industrialisierten Oberschlesiens zugunsten Polens. Foto: pa


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