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22.12.07 / Mit agressiven Drohungen Politik gemacht / Wer will die Unabhängigkeit des Kosovos wirklich? – Und warum?

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51-07 vom 22. Dezember 2007

Mit agressiven Drohungen Politik gemacht
Wer will die Unabhängigkeit des Kosovos wirklich? – Und warum?
von Wolf Oschlies

Wo das Kosovo am schönsten ist, im Südzipfel um die Stadt Prizren, liegt der deutsche „Sektor“ – die Region, in welcher die Bundeswehr für Ruhe und Ordnung hauptverantwortlich ist – als „lead nation“ mit 2800 Soldaten, zusammen mit russischen, österreichischen, niederländischen und türkischen Kameraden. Das albanische Pogrom vom März 2004, bei dem das serbische Viertel von Prizren niedergebrannt wurde, haben die Soldaten nicht verhindern können. Heimkehrende deutsche Soldaten bringen mitunter ein Buch mit, das die Bundeswehr vor Ort erstellt und ediert hat. Der wenige Text und die vielen Bilder fügen sich zu einem Porträt zusammen, das ehrlicher als viele Politikerreden oder UN-Berichte ist: Das Kosovo zerfällt, starrt vor Schmutz und stinkt von wilden Müllkippen, die im Zuge „kosovarischer Mülltrennung“ gelegentlich angezündet werden.

Wie man es besser machen könnte, lehrt gerade in Prizren die Geschichte. Im frühen 14. Jahrhundert war die Stadt Amtssitz des serbischen Zaren Duschan, der von hier aus mit seinem „zakonik“ (Gesetzbuch) sein Riesenreich auf dem Süd-Balkan regierte. Ganze 201 Paragraphen umfaßte der „zakonik“, aber die hatte ein umsichtiger Herrscher entworfen, dem Wohlstand und Frieden seiner multiethnischen Untertanenschaft ein Hauptanliegen waren. Im heutigen Kosovo regieren die UCK-Terroristen von gestern, die sich keinen Deut um die alltäglichen Sorgen und Nöte der Menschen kümmern. Untereinander tödlich verfeindet, ist die Unabhängigkeit des Kosovo der einzige Konsens unter ihnen. Diese Unabhängigkeit ist in der Kosovo-Resolution der UN vom Juni 1999 nicht vorgesehen, aber mit Gewalt, Drohungen und Maximalforderungen schaffte es die aktuelle Machtelite, sich fast die gesamte internationale Gemeinschaft dienstbar zu machen.

Nur wenige UN-Mitglieder scheinen bereit, den Kosovaren die Unabhängigkeit zu verweigern – allein Rußland könnte sie mit einem Veto im UN-Sicherheitsrat verhindern. Ein solcher Schritt wäre ein Affront für die USA, denen es seit zwei Jahren nicht schnell genug mit der kosovarischen Unabhängigkeit gehen kann. Serbien verlöre damit 15 Prozent seines Territoriums und ist natürlich kategorisch dagegen. Die EU favorisiert das Projekt einer „kontrollierten Unabhängigkeit“, mußte auf ihrem „Gipfel“ am 14. Dezember aber tiefe Differenzen in den eigenen Reihen eingestehen. Eine „Troika“ aus Rußland, USA und EU mühte sich lange, die Positionen Serbiens und der Kosovaren durch einen Kompromiß zu mildern, gestand aber am 10. Dezember in ihrem Bericht an den UN-Generalsekretär einen kompletten Mißerfolg ein.

Die westliche öffentliche Meinung hat Belgrad und Prishtina zu gleichen Teilen für dieses Scheitern verantwortlich gemacht. Das tun die Russen nicht, deren berechtigte Einwände wiederum im Westen ignoriert werden. Nach Moskaus Meinung war bereits der Nato-Angriff gegen Serbien 1999 unnötig und rechtswidrig, da ihm ein UN-Mandat fehlte. Die aktuelle Kosovo-Krise ist eine Folge der damaligen Fehler, sie kann nur durch allseitig akzeptable Lösungen behoben werden, nicht aber durch einseitig von Serbien erzwungene Konzessionen. Drohungen der Kosovaren, eine etwa verweigerte Unabhängigkeit einseitig zu proklamieren, sind im Grund „ziemlich infantil“, lassen aber auf ein hohes Maß albanischer Aggressivität und Kriegsbereitschaft schließen, die in nächster Zukunft ganz Südosteuropa erschüttern könnten.

So haben es Präsident Putin und seine beiden wichtigsten Emissäre, Troika-Vertreter Bozan-Chartschenko und Belgrad-Botschafter Aleksejew, immer wieder gesagt. So viel Einsicht und Umsicht ist erstaunlich angesichts der Ignoranz, die Rußland seit Jahrhunderten gegenüber dem Balkan offenbarte.

Wer außer den Amerikanern will eigentlich diese Unabhängigkeit? Warum wollen die USA sie? Mit dieser Frage haben sich im März 2007 serbische Experten auf einer Tagung beschäftigt, wobei Slobodan Kljakic mutmaßte, es müsse an den unermeßlichen Bodenschätzen liegen, die in der Erde des Kosovo vermutet werden. Andere Motive sah der Amerikaner David Binder, schärfster Kritiker der Balkanpolitik der USA, denen er unterstellte, das ganze Kosovo nach der Art ihres dortigen Heereslagers Bondsteel vereinnahmen zu wollen, um von dort aus die weitere Umgebung kontrollieren zu können. Überhaupt keine Antwort scheint die EU auf diese Frage zu haben, weswegen der deutsche Diplomat Wolfgang Ischinger, EU-Vertreter in der Troika, sie betont leger behandelte: Die Unabhängigkeit des Kosovo sei eine abgenutzte „Formel“, die man nicht mehr benutzen sollte – das Kosovo werde nie „unabhängig“, weil es politisch und ökonomisch dafür gar nicht fähig sei.

Wie würde Ischinger erst urteilen, hätten er und alle Deutschen eine Vorstellung von der Dauerhaftigkeit und Güte des deutsch-serbischen Verhältnisses seit dem frühen 9. Jahrhundert? Zoran Konstantinovic, serbischer Nestor der modernen internationalen Slawistik, hat ihnen 1997 in seinem wunderbaren Buch „Deutsch-serbische Begegnungen“ bescheinigt, weitaus besser gewesen zu sein, als man sie selbst unter Nachbarvölkern fände. Serbisches Kultbuch ist bis heute Leopold Rankes „Serbische Revolution“ von 1829, jedes serbische Schulkind weiß um die engen Kontakte, die Geistesgrößen des eigenen Volkes wie Vuk Karadjic, Dositej Obradovic, Jovan Cvijic und viele andere nach Deutschland unterhielten.

Weil das alles bei uns vergessen ist, stecken wir und die ganze internationale Gemeinschaft seit einem Jahrzehnt in der endlosen Kosovo-Krise.

Diese Krise ist nicht neu, sie ist vielmehr ein Dauerzustand. Hermann Wendel (1884–1936), Reichstagsabgeordneter und bester Balkankenner seiner Zeit, schrieb im Februar 1914 Sätze über die Albaner, die heute, fast ein Jahrhundert später, erschreckend aktuell anmuten: „Wie seit jeher die Albaner für den sultanischen Despotismus die zuverlässigsten Leibtruppen abgaben, wie stets die Albaner von den osmanischen Herren gegen die slawischen Untertanen in Mazedonien mordend und sengend vorgeschickt wurden, so brechen sich auch jetzt die Wogen der bürgerlichen Revolution an den starren Felswänden Albaniens. Als die Großmächte Albanien dem Rahmen der Balkanstaaten entzogen und in das Fastnachtsgewand der lächerlichen ‚Selbständigkeit’ steckten, retteten sie ihm gleichzeitig seinen feudalen Charakter, durch den es nicht nur von den hoch entwickelten Ländern Westeuropas, sondern auch von Serbien, Bulgarien und Griechenland um eines vollen Jahrtausends Entwicklungsspanne getrennt ist. Diese ‚Regierung‘, deren Machtbezirk in ihren besten Tagen nicht weiter reichte als die Tragweite der Karabiner der internationalen Gendarmerie, war ein Schwarm ‚intellektueller‘ Lumpazivagabundi. Die Stämme Nordalbaniens sind in Stammespartikularismus versteinert und zerfleischen sich in Stammesfehden. In jedem Falle wird jeder Schrittbreit, den die Zivilisation den dreiviertelwilden Indianern Europas abringt, mit Blut und mit Wirren erkauft sein. Hier glimmt die Lunte dicht bei einem Pulverfaß.“


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