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22.12.07 / Ein Experiment, das funktioniert / In Brasilia faszinieren vor allem die großzügige moderne Architektur und das gesunde Klima

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51-07 vom 22. Dezember 2007

Ein Experiment, das funktioniert
In Brasilia faszinieren vor allem die großzügige moderne Architektur und das gesunde Klima
von Thomas Winzker

Nicht viele Touristen finden den Weg nach Brasilia, Brasiliens Hauptstadt und Regierungssitz. Zu Unrecht, denn für Liebhaber moderner Architektur gibt es hier viel zu entdecken. Darüber hinaus ist die auf einer Hochebene an einem künstlichen See gelegene Metropole mit ihrem gesundem Klima durchaus eine Stadt der Erholung.

Nicht jeder Brasilien-Reisende hat das Glück, in Brasilia einen guten Freund zu haben, der einen auf die Idee bringt, den weiten Flug dorthin auf sich zu nehmen. Denn schließlich hat das riesige Land so viel Einzigartiges zu bieten, daß Brasilia meist auf der Strecke bleibt. Wir indes haben hier einen Freund: Raffael, der uns freudig am Flughafen erwartet, stolz darauf, uns die Stadt, „seine Stadt“ zu zeigen, die in ihrer Gesamtheit Sinnbild für moderne Architektur ist, wie keine andere. Wir wohnen etwas außerhalb nahe eines Viertels, in dem die Reichen in Codominiums ihr Domizil aufgeschlagen haben, es sind Regierungsmitarbeiter, Diplomaten und Minister. Das Chalet, das wir beziehen, liegt romantisch am Rande einer steil abfallenden, dicht mit Dschungel überzogen Schlucht. Horden kleiner Äffchen, die bis an die Fenster kommen, um Früchte zu erbetteln oder zu ergaunern, und Kolibris, die mit Zuckerwasser gefüttert werden, begrüßen uns. Ein erfrischendes Bad nehmen wir in einem der nur wenige Kilometer entfernt liegenden Wasserfälle, die vom Hochplateau in die Schluchten stürzen. Solch ein Idyll hätten wir wahrlich hier nicht erwartet.

Raffael gibt uns bei einem auch hier obligatorischen Caipirinha auf der Terrasse über den Baumkronen eine kleine Einführung in die Gründungsgeschichte Brasilias: Die Idee, die Hauptstadt ins Landesinnere zu verlegen und damit zugleich mit den Traditionen der Kolonialzeit zu brechen, tauchte erstmals im französischen Revolutionsjahr 1789 auf. Bereits im 19. Jahrhundert legte man den Namen der neuen Hauptstadt und ihre Lage auf dem 1100 Meter hohen Plateau, dem Planalto, fest. Indes wurde der Grundstein erst 1922 gelegt, und weitere Jahrzehnte vergingen, bis 1956 das Projekt unter dem charismatischen Präsidenten Juscelino Kubitschek Wirklichkeit zu werden begann. Drei große Künstler wurden beauftragt, der Stadt ihren kreativen Stempel aufzudrücken.

Von Stadtplaner Lúcio Costa stammte die Idee, die Stadt in Form eines Flugzeuges mit zwei leicht nach hinten gekrümmten Flügeln anzulegen – gut zu erkennen beim Anflug auf den Airport –, und die breiten Stadtautobahnen sowie die ausladenden Kleeblätter ihrer Ausfahrten. Von ihm stammen auch die von Bauhaus und Le Corbusier inspirierten Wohnblöcke, die Superquadras. Landschaftsarchitekt Burle Marx entwarf die ausgedehnten Parkanlagen und den künstlichen Stausee Lago do Paranoá, der zum Baden und Segeln einlädt. Doch nicht zuletzt der weltberühmte Architekt Oscar Niemeyer, der am 15. Dezember seinen 100. Geburtstag begehen konnte und noch immer unermüdlich tätig ist, setzte seine visionären Ideen um und schuf – und schafft noch immer – die avantgardistischen Bauwerke, die der Stadt das Gepräge gaben, dem sie seit 1987 in ihrer Gesamtheit den Status eines Unesco-Weltkulturerbes verdankt.

Schon nach 1000 Tagen, am 21. April 1960, konnte Brasilia eingeweiht werden, was bis zu 40000 Arbeiter bewerkstelligt hatten, die mit ihren Familien in einer der 16 – leider recht trostlosen – Satellitenstädte leben.

Einen entscheidenden Nachteil hat diese Stadt allerdings: Sie ist nicht für Fußgänger konzipiert, zu breit die Straßen, zu weit die Entfernungen und Fußgängerüberwege sind kaum vorhanden, ein Auto ist also unentbehrlich. Faszinierend ist die Verkehrsregelung, die durch ein ausgeklügeltes System Ampeln nahezu überflüssig macht und Staus in der Hauptverkehrszeit verhindert. Kennt man sich nicht aus, gerät man schnell in die falsche Richtung. Aber wir haben ja Raffael, und der kennt sich glücklicherweise aus. Nachdem wir die vielversprechende weiße Kubitschek-Brücke, die sich in drei versetzten eleganten Bögen über den Lago do Paranoá spannt, überquert haben, beginnen wir die Besichtigung am Esplanado dos Ministérios, an dem zu beiden Seiten die Bundesministerien liegen und der vom Nationalkongreß gekrönt wird. Die Hochhaus-Zwillingstürme sind das Wahrzeichen Brasilias, gerahmt von zwei schneeweißen Riesenschalen, einer konvexen und einer konkaven, die den Senat und das Abgeordnetenhaus bedecken. Dahinter liegt der Platz der drei Gewalten, die Praça dos Três Poderes, um den sich die wichtigsten Gebäude der Exekutive, Legislative und Judikative gruppieren. Die in Beton gegossene Schwerelosigkeit der markanten Funktionsbauten beeindruckt auch heute noch. Die Mitte des Platzes ziert die berühmte Zwillingsplastik „Os Candangos“ von Bruno Giorgi, die an die am Bau Brasilias beteiligten Arbeiter erinnert. Das neben dem Nationalkongreß sicherlich berühmtestes Gebäude ist die Catredrale Metropolitana von Oscar Niemeyer. Selbst wer an moderner Architektur nur peripheres Interesse haben sollte, wird sich dem Reiz dieser Kathedrale nicht entziehen können. Der von einem überdimensionierten Dornenkranz gekrönte Kirchenbau wurde 1970 eingeweiht. In das Innere des Gotteshauses gelangen wir durch einen unterirdischen Zugang und sind sogleich gefangen von den blauen und grünen Schattierungen, die das Licht erzeugt, das durch das konisch zulaufende Glasdach fällt und den Raum durchflutet. Faszinierend auch das schräg gegenüber liegende Nationaltheater: Seine reich strukturierte Fassade hat die Form einer aztekischen Pyramide.
Nach soviel Sightseeing erschöpft, sammeln wir unsere Kräfte in einem der Privatclubs, welche die Ufer des Lago do Paranoá oder des Lago do Sul säumen. Man glaubt sich in die USA versetzt, so proper und sauber ist es hier. Da ist es uns tags darauf doch lieber, in einem der Shopping-Blöcke zu flanieren, in dem sich – ganz brasilianisch – fliegende Händler etabliert haben. Etwas, das sicher auf dem Reißbrett nicht vorgesehen war. Besonderes glücklich schätzen wir uns, als wir im Hotel Nacional, einem der großen Hotels, die wie Ministerien und Banken in einem Block zusammengefaßt sind, die Wahl der Miss Brasilia miterleben dürfen. So perfekt die Stadt sein mag, die dargebotene Show ist tiefste Provinz und sehr, sehr liebenswert. Den ersten Preis trägt erstaunlicherweise nicht eine der blonden Damen aus Brasiliens mittel- und osteuropäisch geprägtem Süden, sondern ein Mädchen mit eindeutig indianischen Zügen aus dem Bundesstaat Amazonas. Äußerst erfreulich, daß endlich auch in Brasilien die Rassenvorurteile abzunehmen scheinen.

Wir amüsieren uns prächtig, doch ohne Portugiesisch zu sprechen oder ohne Dolmetscher ist hier eine Verständigung kaum möglich: Nur wenige Brasilianer beherrschen eine Fremdsprache, allenfalls in Rudimenten. Unser Freund Raffael ist hier König mit seinen Deutsch-, Italienisch- und Französischkenntnissen. Wir lassen den Abend in einem der Wohnblöcke ausklingen, den Superquadras, wo echte brasilianische Ausgelassenheit und ein bißchen von Rios Samba-Atmosphäre herrscht – nur sehr viel sicherer.

Gesättigt von moderner Architektur kann man sich in der näheren Umgebung der Metropole auch an der Natur erfreuen: im Parque Nacional de Brasília, zehn Kilometer außerhalb der Stadt gelegen. 30000 Hektar Cerrado, eine Savannen-Landschaft, wurden in den 1960er Jahren zum Nationalpark umgestaltet. Die Stadtbewohner schätzen besonders seine mit prickelndem Quellwasser gefüllten Schwimm- und Planschbecken, die inmitten der typischen Cerrado-Vegetation von wegen des ständigen Windes gekrümmt gewachsenen Bäumen und Buriti-Palmen liegen. Mit etwas Glück kann man hier den blau schimmernden großen Himmelsfalter, Ameisenbären, Gürteltiere oder den straußartigen Nandu beobachten.

Bei der Abreise nehmen wir am Flughafen Abschied von Raffael, er wird brasilianisch tränenreich. Und das, obwohl wir unserem Freund doch von Herzen gerne versprechen, in diese faszinierende und abwechslungsreiche Stadt zurückzukehren, bei unserer nächsten Brasilienreise. Ein Weg dorthin lohnt sich allemal, auch ein zweites Mal.

Oscar Ribeiro de Almeida Niemeyer Soares Filho wurde am 15. Dezember 1907 in Rio de Janeiro geboren. Der Architekt deutscher Abstammung gilt als Wegbereiter der modernen brasilianischen Architektur. Nach seinem Studium an der Nationalen Schule der Schönen Künste in Rio de Janeiro arbeitete er ab 1934 mit einem brasilianischen Architektenteam an der Seite von Le Corbusier am neuen Ministerium für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro. 1945 trat er in die Brasilianische Kommunistischen Partei ein. Von 1947 bis 1953 war Niemeyer der Vertreter Le Corbusiers im Planungsgremium der Uno für das Haus der Vereinten Nationen. Zwei Jahre nach der Machtergreifung durch die Militärs im Jahre 1964 ging er wegen seiner Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei nach Frankreich ins Exil. Ende der 1960er Jahre konnte er seine Arbeit in Brasilien fortsetzen. Niemeyer lehrte unter anderem an der Universität von Rio de Janeiro, kehrte jedoch erst in den 1980er Jahren endgültig nach Brasilien zurück.

Seine futuristische und plastische Formensprache mit kurvenreichen, weichen Konturen und ausgewogenem Verhältnis zwischen freiem Raum und Volumen machte ihn berühmt.
Seine Bauten für Brasilia seien eine Fusion von strenger und sinnlicher Moderne, schwärmen Architekturkritiker, die nichts von ihrem Charme verloren hätten. Auch im hohen Alter ist Niemeyer noch als Architekt tätig. So plante er 2005 ein Freizeit- und Spaßbad in Potsdam, das aus Kostengründen jedoch nicht gebaut wird.

Vom 7. bis 17. Januar ist im ETH-Architekturfoyer in Zürich, Hönggerberg, eine Ausstellung zum 100. Geburtstag von Oscar Niemeyer zu sehen (montags bis freitags von 8 bis 22 Uhr, sonnabends von 8 bis 12 Uhr, sonn- und feiertags geschlossen). Gezeigt werden Pläne, Entwürfe und Fotos. os


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