27.11.2021

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22.12.07 / Die ostpreußische Familie / Leser helfen Lesern

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51-07 vom 22. Dezember 2007

Die ostpreußische Familie
Leser helfen Lesern
von Ruth Geede

Lewe Landslied,
liebe Familienfreunde,

auf den kahlen Ästen der jungen Kastanienbäume im Garten von Brigitte von Kalben im kanadischen Scarborough wird jetzt Schnee liegen so wie auf den alten Kastanien in Königberg, von denen sie stammen. Die dort geborene Ostpreußin hat sie von ehemaligen Freundinnen erhalten, die in der Heimatstadt gewesen waren, wohl von dem von vielen Königsbergern geliebten Buch „Drei Kastanien aus Königsberg“ von Elisabeth Schulz-Semrau angeregt. Zwei Kastanien haben Wurzeln geschlagen und sind gewachsen – wie die Heimatliebe unserer treuen Leserin, für die unsere Zeitung die immer begehbare Brücke zu Heimat und Kindheit ist. Brigitte von Kalben und ihre Freundinnen aus Schule und Nachbarschaft haben sich durch unsere Ostpreußische Familie gefunden und halten auch über die große Entfernung engen Kontakt, der dank der neuen Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den „alten Mädchen“ sehr rege ist. Bitte, so hat Frau von Kalben sich und ihre Mitschülerinnen aus der Herbartschule selber bezeichnet, die übrigens „Purzelbäume schlagen“ wollten, wenn sich weitere Ehemalige finden sollten – so hatte ich sie kürzlich zitiert. Das hat unsern Leser Jochen Bauer angeregt, die Bezeichnung dieser Freudenbekundung doch zu korrigieren: Als alte Ostpreußinnen sollten sie lieber „Kopskiekel“ schlagen. Ich gebe diese Anregung gerne weiter mit der Empfehlung, bei der Ausübung doch etwas vorsichtig zu sein. Denn wer bei uns tohuus Kopskiekel ging – vor allem nach dem Genuß des gleichnamigen Weines aus Johannisbeeren –, der legte schon einen beachtlichen Salto hin! Ältere Königsberger werden sich noch an das Alte Forsthaus in Moditten erinnern. Da zeichneten viele Spuren solch unfreiwilliger Turnübungen den Schnee – dank des dort genossenen Kopskiekelweins!

In meinem Garten hier in Hamburg liegt leider kein Schnee, während ich diese Zeilen schreibe, aber weihnachtlich ist es mir doch zu Mute dank der Grüße und Wünsche, die ich schon erhalten habe wie die aus Kanada. Und so will ich für meine große Familie wenigstens einen Bunten Teller bereiten aus den nettesten Zuschriften, die in diesen letzten Wochen des Jahres eintrafen, und da sind schon einige Bonbons darunter. Wie der Brief von Frau Brunhilde Merkel aus Hamburg, die sich für die Veröffentlichung ihrer Frage nach der Flucht aus Rodmannshöfen bedankt. Sie schreibt: „Ich habe viel erfahren und dabei bei jedem Telefonat festgestellt, daß nicht Fremde mich angerufen haben, sondern Freunde, obwohl ich niemanden davon kannte. Ich dachte immer, daß ich solch ein Heimatgefühl nicht entwickeln könnte, weil ich damals doch so klein war, aber es stimmt nicht. Einen Tag nach der Veröffentlichung bekam ich meinen allerschönsten Anruf. Meine Mutter hatte für die Familie Dangel in Neuhausen gearbeitet. Frau Dangel hat sich nach der Flucht ganz lieb um mich gekümmert und mich sehr vieles gelehrt. Sie hatte zwei Töchter, und „Tante“ Ursel lebt noch und rief nach dem Artikel gleich an. Wir hatten uns aus den Augen verloren. Seitdem ist mein Leben ein Stück reicher geworden, und das habe ich Ihnen zu verdanken.“ Ich habe mich sehr über diesen Dank gefreut, aber ich muß ihn weitergeben an unsere Familie, denn sie hat geholfen – wie immer!

Und auch Herrn Gerhard Prengel, der bei der Neubearbeitung seines Reiseführers „Ostpreußen, Westpreußen und Danzig“ auf ein für ihn bis dahin ungelöstes Rätsel stieß, kann sich bei unserer Familie bedanken. Es ging um die steinernen Kanonenkugeln in den Mauern der Neidenburg – aus welcher Zeit stammen sie? So hatte Herr Prengel gefragt und darauf Antwort erhalten, zuerst von zwei Neidenburgern, Frau Haupt und Herrn Frommberg. Erstere wußte aus Erzählungen ihres Großvaters aus seiner Schulzeit, daß diese Kugeln aus der Zeit des Tatareneinfalls in Masuren stammen, also aus dem Jahre 1656. Nach Angabe von Herrn Frommberg seien diese Kugeln nach dem Abzug der Tataren bei der Reparatur der beschädigten Burg verwandt worden. Herr Prengel hat nun aus dem 1912 erschienenen Buch „Die Provinz Ostpreußen“ von August Ambrassat entnommen, daß 1784 durch eine Feuersbrunst die Neidenburger Vorstadt völlig abbrannte. Zum Wiederaufbau in den Jahren 1828 bis 1830 seien Teile der Burg verwandt worden. Möglicherweise, so meint Herr Prengel, seien dann erst die Kanonenkugeln in das Mauerwerk eingefügt worden.

Daß solche Rundsteine aus sehr früher Zeit stammen müssen, weiß Herr Ernst Libuda zu belegen. Er übersetzt zur Zeit ein russisches Buch über die Burg Balga, das Frau Eva Dröse, die in Balga geboren wurde, unlängst in Königsberg erwarb. Bevor der Orden 1239 seine steinerne Wehrburg errichtete, mußte die an diesem strategisch wichtigen Punkt am Frischen Haff gelegene hölzerne Prußenburg „Honeda“ vernichtet werden. Der Orden griff mit steinernen Kanonenkugeln an. Die Steinewerfer wurden in der Ballistik / Wurflehre ausgebildet. Um ihre aus Ziegelsteinen gebauten Burgen gegen feindliche Angriffe zu schützen, baute der Ritterorden vornehmlich auf Anhöhen, so auch 1266 bis 1268 die Neidenburg. Natürlich verlor der zum Angriff verwandte, geworfene Rundstein mit der Zeit seine Bedeutung. Er wurde als Baustein wie der Ziegelstein beim Mauerbau verwendet. Das könnte auch in Neidenburg der Fall gewesen sein. Der Tatareneinfall fand 400 Jahre nach dem Bau der Ordensburg statt. Die Angreifer waren ein Reitervolk, Brandschatzung und der schnelle Überfall mit Pfeil und Bogen und dem Maslack, einem mit Holzgriff versehenen spitzen Knochen, war ihre Strategie. Könnte es nicht sein, daß die bereits vorhandenen Steinkugeln, nachdem die Burg in Flammen aufgegangen war, durch die Tataren zum Wiederaufbau verwendet wurden? Die Frage wird Herrn Prengel – und so mit Sicherheit auch manche Leser, und nicht nur Neidenburger – noch weiter beschäftigen.

Vielleicht werden jetzt manche Leser sagen: „Schießt doch nicht mit Kanonen nach Spatzen“, was bedeutet: Gebt doch solchen für diese Kolumne nicht so wichtigen Wünschen nicht soviel Platz. Aber jede Frage, die zur Geschichte, zur Kultur, zum Brauchtum Ostpreußens gehört, ist von großem Wert, denn sie hilft mit, unsere Heimat zu bewahren, sie zu dokumentieren, Interesse zu erwecken. Jede Familie basiert auf ihrer Geschichte und somit auch die Ostpreußische Familie. Manche Quellen scheinen allerdings schon versiegt, das mußte leider auch Frau Renate Nieswand feststellen. Sie wollte wissen, welche keramischen Werkstätten und Töpfereien es in Ostpreußen nach 1880 gegeben hat. Leider bekam sie nur zwei Zuschriften. Ein Leser stellte ihr Literaturquellen zum Thema „Cadinen“ zusammen, eine Leserin berichtete von ihrem Reichsarbeitsdiensteinsatz in Ostpreußen, in dem die Kunsttöpferei Lasdehnen in Haselberg eine Rolle spielte. Aber es gab doch neben diesen beiden bekannten Manufakturen auch kleinere Werkstätten – also heißt es, noch einmal nachhaken. Jede Angabe über die Kunsttöpferei in Ostpreußen ist für Frau Nieswand interessant. (Renate Nieswand, Burgstraße 88 in 42655 Solingen, Telefon 02 12 / 1 21 36, Fax 02 12 / 2 24 39 18.)

Noch einmal Königsberger Tiergarten. Frau Ruth Henke, die wissen wollte, wie viele Tiere die Bombenangriffe überlebten und wie sie dann endeten, hat zwar Post bekommen, aber ihre eigentliche Frage konnte nicht zu ihrer Zufriedenheit geklärt werden. Soviel ist sicher, daß der Tiergarten bei den Bombenangriffen weitgehend verschont blieb, aber niemand konnte sagen, bis wann er überhaupt geöffnet war, wer die Tiere gepflegt hat oder ob sie sich allein überlassen blieben. Ein älterer Königsberger sagte Frau Henke am Telefon, die Tiere seien zuletzt von Wehrmacht und SS erschossen worden. Wer hat wohl in jenen Tagen, als die Stadt im Todeskampf lag, den Tiergarten aufgesucht, selbst wenn man in der Nähe wohnte? Da ging es doch um das nackte Überleben, um das eigene und das der anderen. Ich finde es erfreulich, daß doch einige Leserinnen und Leser sich bemühten, auf Ihren Wunsch, liebe Frau Henke, einzugehen, und Ihnen Material zukommen ließen, das viel Informatives über den Tiergarten enthält. So übersandte Ihnen – und auch mir – Frau Monika Hinkel geborene Jahn Aufnahmen aus ihrem geretteten Königsberger Fotoalbum, das die Zweijährige bei einem Besuch in dem Hufenparadies zeigt. Vielen Dank und einen herzlichen Gruß nach Bad Vilbel!

Unsere Ostpreußische Familie ist ja auch eine besondere Fundgrube, und in diese fügt sich das Angebot von Frau Inge Bielitz ein. Es handelt sich um das Buch „Briefwechsel der Königin Luise mit ihrem Gemahl Friedrich Wilhelm IV.“, herausgegeben von Karl Griewank, erschienen im Verlag K. F. Koehler / Leipzig. Sie hatte es in einem Nachlaß entdeckt und wußte auch von seiner Geschichte. Der Vorbesitzer hatte es in einem Antiquariat aufgestöbert. Er kannte es von einer Buchbesprechung in der „Königsberger Allgemeinen Zeitung“ vor 1930, hatte es besessen und verloren. Nach 66 Jahren fand er dann diese alte Ausgabe, man sieht, Wünsche soll man nie aufgeben. Vielleicht gibt es unter unseren Lesern jemanden, für den dieses Buch viel bedeuten würde. (Inge Bielitz, Wendilaweg 8 in 26446 Friedeburg, Reepsholt.)

Kleine Überraschungen gibt es auch ungefragt. So erhielt ich von Frau Sigrid Mathee-Kohl aus Rohrbach – deren Suche nach Auskunft über ihren am 8. Januar 1945 bei dem Großangriff auf das luxemburgische Dahl gefallenen Vater Heinz Mathee bisher keine Resonanz zu verzeichnen hatte – ein Gedicht über die Martinsgans, das sie in ihrer lokalen Tageszeitung gefunden hatte. Als Dichter wird Simon Dach genannt, sogar mit einer kurzen Vita – 1605 in Memel geboren, Professor der Universität Königsberg, dort 1659 verstorben – was unsere Leserin besonders erfreut hat. Ich wußte nicht, daß der Professor der Poesie dieses von leiblichen Genüssen handelnde Poem geschrieben hatte, und es hat mich sehr amüsiert. Zwar ist der Martinstag längst vorüber, aber die letzten Zeilen haben auch jetzt Gültigkeit: „Drum wir billig halten auch diesen alten Martinsbrauch, laden fein zu diesem Fest unsre allerliebsten Gäst auf die Martinsgänslein ein bei Musik und kühlem Wein!“ Dichten wir die „Martins“- zu „Weihnachts“-Gänslein um, dann stimmt’s! Aber bitte schön mit Äpfeln und Majoran gefüllt. Wie tohuus“.

Frohe Wiehnachte, Landslied, on e godet Nieet Joahr!

Eure Ruth Geede


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