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22.12.07 / Weiße Lilien und Mandelmus / Weihnachten bei den Buddenbrooks – und bei der Familie Mann

© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51-07 vom 22. Dezember 2007

Weiße Lilien und Mandelmus
Weihnachten bei den Buddenbrooks – und bei der Familie Mann
von Klaus J. Groth

Dann endlich kam der Abend des 23. Dezembers und mit ihm die Bescherung im Saale zu Hause ...“ So beginnt die Schilderung des Weih-nachtsfestes in Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“. Bescherung schon am 23. Dezember? Ja! In dieser weitläufigen Lübecker Familie mußte der Heiligen Abend auf drei Tage verteilt werden, ein einziger Tag wäre für den wunderbaren Weihnachtszauber nicht ausreichend gewesen.

Bei den Manns, erinnerte sich die 2002 verstorbene Meeresrechtlerin Elisabeth Mann Borgese, jüngste Tochter des Dichters Thomas Mann und seiner Frau Katia, sei Weihnachten immer etwas ganz Besonderes gewesen. Als sie das in der filmischen Dokumentation „Die Manns“ von Heinrich Breloer sagte, blitzte bei der Erinnerung ein helles Lachen aus ihren Augen. Und dieses in der filmischen Familiensage gebannte Lachen, wird immer mit den Erinnerungen an das Weihnachtsfest bei den Buddenbrooks und bei den Manns erhalten bleiben.

Der Dichter Thomas Mann verstand sich darauf, den Heiligen Abend wirkungsvoll auszustatten. Er hatte dazu schließlich die entsprechende Vorlage: Seinen eigenen Roman „Buddenbrooks“. Der Schriftsteller und spätere Nobelpreisträger schildert darin auf die ihm eigene subtile Weise das Weihnachtsfest der Lübecker Kaufmannsfamilie Buddenbrook, das er dann später ganz ähnlich in der eigenen Familie zelebrierte.

Ein bißchen ist davon auch heute noch zu spüren, wenn das Thomas- und Heinrich-Mann-Zentrum in Lübeck in der Adventszeit zu „Weihnachten bei den Buddenbrooks“ einlädt. Dann duftet es in dem Haus Mengstraße 4 köstlich nach Braunen Kuchen, Rotspon (in Lübeck in alten Eichenfässern gereifter französischer Rotwein) und süßem Punsch, Düfte, die auch bei den Buddenbrooks durch die weihnachtlichen Zimmer zogen.

Weihnachten bei den Buddenbrooks, das näherte sich behutsam, schwebte förmlich mit vielen kleinen Zeichen der Verheißung herbei. Bald hing am „ersten Advent in Großmamas Eßsaal ein lebensgroßes buntes Bild des Knecht Ruprecht“, dann war die Bettdecke „mit knisterndem Flittergold bestreut“, schließlich kam Knecht Ruprecht persönlich. Am 24. Dezember endlich, wenn die große Familie des Nachmittags zusammenkam, versammelten sich wohl so an die 20 Personen im herrschaftlichen Landschaftszimmer. In der angrenzenden Säulenhalle stimmten die Chorknaben der St. Marienkirche „Tochter Zion, freue dich!“ an, und die hellen Stimmen „zogen aller Herzen mit sich empor, ließen das Lächeln der alten Jungfern milder werden ...“ Kaum war der letzte klare Akkord verklungen, schritt die Konsulin langsam zum Tische „und setzte sich inmitten ihrer Angehörigen auf das Sofa ..., zog die große Bibel heran, ... nahm einen Schluck Zuckerwasser und begann, das Weihnachtskapitel zu lesen.“ Anschließend ging es, gefolgt von den Dienstboten und den Hausarmen, die verlegen und scheu auf den Korridoren gewartet hatten, durch eine Flügeltür in das Bescherungszimmer, das im Falle der Buddenbrooks ein Saal war: „Der ganze Saal, erfüllt von dem Dufte angesengter Tannenzweige, leuchtete und glitzerte von unzähligen kleinen Flammen, und das Himmelblau der Tapete mit ihren weißen Götterstatuen ließ den großen Raum noch heller erscheinen. Die Flämmchen der Kerzen, die dort hinten zwischen den dunkelrot verhängten Fenstern den gewaltigen Tannenbaum bedeckten, welcher, geschmückt mit Silberflittern und großen weißen Lilien, einen schimmernden Engel an seiner Spitze und ein plastisches Krippenarrangement zu seinen Füßen, fast bis zur Decke emporragte, flimmerten in der allgemeinen Lichtflut wie ferne Sterne. Denn auf der weiß gedeckten Tafel, die sich lang und breit, mit den Geschenken beladen, von den Fenstern fast bis zur Türe zog, setzte sich eine Reihe kleinerer, mit Konfekt behängter Bäume fort, die ebenfalls von brennenden Wachslichtern erstrahlten ... “

So war Weihnachten bei den Buddenbrooks. Oder richtiger: So begann es. Denn wenn für die Kinder die Bescherung auch den Höhepunkt bildete, für die Erwachsenen kam er erst mit dem Festessen. Als kleine Stärkungen zwischendurch wurde in großen Kristallschüsseln ein gelber körniger Brei herumgereicht – „Mandelcreme, ein Gemisch aus Eiern, geriebenen Mandeln und Rosenwasser, das ganz wundervoll schmeckte, das aber, nahm man ein Löffelchen zuviel, die furchtbarsten Magenbeschwerden verursachte.“ Und als das besagte Festessen dann aufgetragen wurde, kamen da Karpfen in aufgelöster Butter mit altem Rheinwein, Puter, gefüllt mit einem Brei von Maronen, Rosinen und Äpfeln, dazu alter Rotwein. Anschließend Eisbaisers und knusprige Waffeln zu einem ölgelben griechischen Wein.

So war das bei den Buddenbrooks. Und wie das bei den Manns war, das schildert Thomas Mann in seiner Tagebuchaufzeichnung vom 24. Dezember 1918: „Es war wie jedes Jahr ... Die 4 größeren sangen bei mir im Dunklen, während der Baum angezündet wurde. ... Gemeinsames Abendessen mit Truthahn, Mehlspeise, Mosel- und Süßwein, nebst Nachtisch aus Weihnachtsgebäck. Die Kinder festlich aufgeräumt. Moni, die, wie Golo, auf Wunsch ein kleines Separatbäumchen bekommen hatte, kam damit hereingetanzt und küßte das Bäumchen.“ Er hat sich eben nahe an die von ihm geschaffene Vorlage gehalten beim Weihnachtsfest, der Dichter Thomas Mann.

Prachtvoll: Weihnachtszimmer im Lübecker Buddenbrook-Haus Foto: Schöning Verlag / Silke Gödecke


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