© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 05-08 vom 02. Februar 2008

»Auf ein Wort«
Mut zur Intoleranz
von Jörg Schönbohm

Ich glaube, die deutsche Gesellschaft hat nicht so sehr ein Problem mit ausländischer Kriminalität, sondern mit einheimischer Intoleranz.“ Mit dieser Aussage rief Jens Jessen, Ressortleiter des Feuilletons der Wochenzeitung „Die Zeit“, heftige Proteste hervor und löste eine Debatte darüber aus, inwieweit der Toleranz Grenzen gesetzt werden dürfen.

In einer Videokolumne im Internet hatte der Journalist die schlimmen Vorkommnisse in München kommentiert, wo kurz vor Weihnachten zwei Jugendliche einen 76jährigen Rentner zusammenschlugen, nur weil dieser die beiden aufgefordert hatte, in der U-Bahn nicht zu rauchen. Nach Meinung des Hamburger Feuilletonisten sei die Bitte des älteren Mannes der eigentliche „Auslöser“ der Gewaltreaktion der beiden Jugendlichen gewesen, da sie in „der Kette und einer unendlichen Masse von Gängelungen, blöden Ermahnungen und Anquatschungen“ gestanden hätte, die tagtäglich in Deutschland zu erdulden seien. Für Jessen sei es eben jene „Atmosphäre der Intoleranz“ vor deren Hintergrund „Gewalttaten spontaner Natur“ betrachtet werden müßten.

Jessens Argumentation ist aus zweierlei Gründen abenteuerlich. Zum einen, weil sie die Verantwortlichkeiten umdreht, indem aus Opfern Täter und aus Tätern Opfer gemacht werden. Zum anderen, weil die Äußerung offenbart, wie leicht die Tugend der Toleranz mißverstanden, ja sogar mißbraucht werden kann, um eine Gesellschaft von Wegguckern, Duckmäusern und Leisetretern zu erschaffen.

Selbstverständlich ist Toleranz notwendig. Sie ist Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben einer Gesellschaft. In einem „Vielvölkerstaat“ wie Preußen war die Toleranz geradezu der Kitt, der die heterogene Bevölkerung zusammenhielt. Bereits 1668 beschrieb der Große Kurfürst Fried-rich Wilhelm die viel gepriesene preußische Toleranz als Verpflichtung eines jeden Menschen, den anderen zu „dulden, ja dem ohne Schuld Gebeugten zu helfen“. Sichtbaren Ausdruck fand diese gelebte Toleranz schließlich im Edikt von Potsdam des Jahres 1685, durch das Preußen zum „Rettungshafen für die Verfolgten, Beleidigten und Erniedrigten ganz Europas“ (Sebastian Haffner) wurde.

Ganz im Sinne von Friedrich dem Großen bot der preußische Staat eine Heimstatt, in der alle nach ihrer Façon glücklich werden konnten – gleich ob französischer Hugenotte oder schottischer Presbyterianer, ob Waldenser oder Mennonit, ob Jude oder Katholik. Sie alle waren eingeladen, in Preußen ihr Glück zu versuchen, solange sie ihre Pflichten gegenüber dem Staat erfüllten und bereit waren, den anderen in seinem Anderssein anzunehmen und in seiner Eigenart zu dulden.

Eine universelle Toleranz jedoch wurde weder von Friedrich Wilhelm I. noch von Friedrich II. gefordert. Auch die beiden großen Vordenker der Toleranz Lessing und Voltaire lehnten eine universelle Toleranz ab. Überall nämlich, wo die Toleranz absoluten Rang erhält, wo man im Zeichen falsch verstandener Duldsamkeit alles hinnimmt, dort wird die Moral abgeschafft, dort existieren keine Werte mehr, keine Normen, keine Verbindlichkeiten. Dort werden Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit und Redefreiheit nur noch toleriert, jedoch nicht mehr akzeptiert, respektiert und geschützt.

Wer Unrecht toleriert, wird selber zum Handlanger des Unrechts und zum Mittäter. Daher liegt Jessen falsch, wenn er denkt, es sei bereits intolerant, wenn man etwas als nicht tolerierbar ablehnt. Wenn tatsächlich jeder, der anständiges Verhalten einfordert, der kritisch nachfragt, der in Frage gestellt, der sich einmischt und mahnt, als intolerant abgestempelt werden kann, dann ist die demokratische Zivilgesellschaft am Ende. Zu Recht gilt das Paradoxon: „Im Namen der Toleranz müssen wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“

Toleranz bedeutet nicht lässiges Gewährenlassen. Davor warnte Theodor Heuss bereits vor mehr als 50 Jahren. Nur zu leicht schlägt sie nämlich in Bequemlichkeit, Untätigkeit und Gleichgültigkeit um. Ein fataler Werterelativismus nach dem Motto „Was bei uns als richtig gilt, muß nicht unbedingt woanders auch als richtig gelten“ ist die Folge. In einer solchen Atmosphäre haben Bürgermut und Zivilcourage keine Bedeutung mehr.

Der SPD-Politiker Carlo Schmid rief einmal zu mehr „Mut zur Intoleranz“ auf. Schmid lag damit gar nicht so verkehrt. Unserer Gesellschaft kann durchaus wieder etwas Mut zur Intoleranz brauchen – Intoleranz gegenüber jenen, die sich nicht an die Regeln unserer Gemeinschaft halten wollen, Intoleranz gegenüber jenen, die selber intolerant sind.

Foto: „Wir wollen keine Parallelgesellschaften“: Der Leipziger Iman Hassan Dabbagh hat bereits 2006 zum Dialog zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen aufgerufen. Ziel im Zusammenleben müsse Toleranz und ein friedliches Miteinander sein, so der Syrer.


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